Umbruch bei Borussia Dortmund Tuchels neue Mission

Ein Verein erfindet sich neu: Borussia Dortmund geht ohne seine wichtigsten Spieler in die Saison. Als Ersatz kamen lauter Talente. Trainer Thomas Tuchel scheint das zu motivieren.

DPA

Aus Dortmund berichtet


Es gibt diese Momente, da wirkt Thomas Tuchel wie eine Art Missionar, wie ein Spezialist für die Erzeugung positiver Kräfte und Stimmungen. Die Weisheiten des Trainers von Borussia Dortmund waren prägend für die vergangene Saison, sein Credo von der richtigen "Haltung", die immer wieder "gestrafft" werden müsse und von der "Verpflichtung gegenüber dem eigenen Talent" sind gut angekommen im Klub. Und so war es nicht verwunderlich, dass Tuchel am Dienstag nicht nur vor die Journalisten trat, um Fragen zu beantworten. Er hatte eine Botschaft mitgebracht.

Der Dortmunder Fußballlehrer hat offensichtlich viel mit sich selbst gerungen in den vergangenen Wochen, in deren Verlauf nach dem Kapitän Mats Hummels und dem Mittelfeldstrategen Ilkay Gündogan auch noch Tuchels Lieblingsspieler Henrich Mchitarjan den Klub verlassen hatte. "Viele Leute sprechen von einem Umbruch, ich spreche sogar von einem Neuanfang", erklärte der 42-Jährige nun. Aber es sei ihm gelungen, den schmerzhaften Zerfall seiner wunderbaren Mannschaft des vorigen Jahres "irgendwann umzudeuten", berichtete Tuchel. Er habe gelernt, "den Verlust anzuerkennen, den Neuanfang anzuerkennen", und Chancen zu sehen. Tuchel leuchtete geradezu vor Zuversicht.

Bis weit ins Frühjahr hinein verfolgte er noch die Idee, ein hervorragend spielendes Ensemble an wenigen Stellen weiterzuentwickeln, um dann mit einer echten Spitzenmannschaft in die neue Saison zu starten. Man wollte höchstens zwei Leistungsträger abgeben. Doch als dann auch Mchitarjan unbedingt weg wollte, folgte ein Umdenken. Nun arbeitet Tuchel mit einem Kader voller Rohdiamanten, von denen niemand weiß, wie kunstvoll sie sich schleifen lassen. "Wenn man an Grenzen stößt, kann man das leugnen und nicht wahrhaben wollen", sagte er. "Oder man wird kreativ und versucht, neue Wege zu gehen. Und der Weg, den wir einschlagen, ist sehr jung und auch riskant."

Vieles wird also neu sein in Dortmund, das Gesicht der Mannschaft auf dem Platz, aber auch die Alltagsstimmung, die Hierarchien. So ein Fußballteam sei "ein sehr sensibles Gebilde, die Energie, die entsteht, muss man immer pflegen, und das liegt auf den Schultern von Spielern wie den drei, die uns verlassen haben", erläuterte Tuchel. Wer nun in der Kabine die Stimme erhebt, wer die Freiräume zur eigenen Entwicklung nutzt, wer nach den Verantwortlichkeiten greift, gehört zu den großen Fragen der Vorbereitungswochen. Für Leute wie den 20-Jährigen Julian Weigl ist das eine tolle Chance, und Tuchel ist ein Trainer, der es liebt, solche Prozesse zu steuern.

Der Einschnitt ist derart tief, dass Tuchel sogar seine Vorstellungen von der Spielweise seiner Mannschaft gelöscht hat, um sich nicht selbst einzuschränken. "Wir müssen frei im Denken sein und einen Stil finden, der unseren Talenten entspricht", sagte er. "Wir werden Zeit brauchen, die Dinge neu zu ordnen, schauen was sich entwickelt, spielerisch und taktisch".

"Wir haben uns für das Leuchten entschieden"

Eines der Hauptmotive der Dortmunder Vorsaison lautete: "Wir setzen uns keine Grenzen!", nun geht es angesichts der vielen neuen Einflüsse darum, die Fähigkeiten der neuen Gruppe nicht unter festgefahrenen Vorstellungen zu verschütten. Und wenn es gelingt, die fußballerischen Potenziale aufblühen zu lassen, stehen die Chancen gut, dass der BVB seinem Publikum auch im kommenden Spieljahr Freude bereitet. Denn vieles deutet daraufhin, dass die Borussia einige wunderbare Talente verpflichtet hat.

Der 19 Jahre alte Flügelstürmer Ousmane Dembélé hat die Fans schon in den ersten beiden Testspielen mit seinem Tempo und seiner Ballbehandlung verzückt, Linksverteidiger Raphael Guerreiro, 22, wurde gerade Europameister mit Portugal und wurde ins Team des Turniers gewählt. Auch der Türke Emre Mor, 18, blickt auf eine starke EM zurück. Mit Marc Bartra, 25, kam ein Innenverteidiger vom FC Barcelona, der Mats Hummels beerben könnte, Sebastian Rode, 25, von den Bayern soll als Stratege im Mittelfeld reüssieren, wo auch der Spanier Mikel Merino, 20, auf einen Durchbruch hofft. "Wir haben uns für die Persönlichkeit, die Lust, die Kreativität und das Leuchten in den Augen unserer Neuen entschieden", so Tuchel.

Gut 100 Millionen Euro hat der BVB durch die Verkäufe seiner Leistungsträger eingenommen, rund 60 Millionen Euro wurden bereits reinvestiert, und es sollen noch zwei, drei weitere Spieler kommen. André Schürrle vom VfL Wolfsburg will nach Dortmund, auch Mario Götze ist angeblich ein Thema, Tuchel mochte solche Spekulationen nicht kommentieren.

Klar sei nur eins, erklärte der Trainer: "In jedem Wettbewerb, in dem wir spielen, spielen wir auch, um die Spitze herauszufordern, egal, ob DFB-Pokal, Bundesliga oder Champions League."



insgesamt 97 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Levator 12.07.2016
1. Richtig muss es lauten:
"Wir haben uns für die Leuchten entschieden".
dasistdasende 12.07.2016
2. Frei nach Sun Tzu
Die meisten Schlachten sind bereits entschieden bevor sie begonnen haben. So auch die Deutsche Meisterschaft. Aber wenigstens möchte Tuchel es versuchen. Respekt, aber sehr sehr sehr unwahrscheinlich.
Bee1976 12.07.2016
3. Oh je
3 Säulen des Teams gehen und übrig bleibt eine sehr junge Mannschaft mit vielen (neuen) Talenten. Wenn da nicht noch ein fertiger Spieler mit Format kommt, wage ich mal die Prognose das es in der CL nicht reicht um die Gruppenphase zu überstehen und in der Liga für so 5-8. Und spätestens dann werden die letzten beiden Spieler mit absoluter Internationaler Klasse (Reus und Auba) das weite suchen.
ekel-alfred 12.07.2016
4. Neuaufbau? Finde ich gut!
Auf junge, hungrige Talente zu setzen, ist doch nicht die schlechteste Idee? Das Problem wird sein, die vielen verschiedenen Nationalitäten unter einen Hut zu bekommen und zwar sprachlich. Auf dem Platz muss man sich verbal verstehen können und abseits des Platzes am besten auch. Nur dann kann eine Mannschaft daraus werden. Sicher darf man an die neue Saison nicht allzu hohe Anforderungen stellen. Letztens Jahr hat der BvB einen Trainerwechsel zu verkraften gehabt und ist erfolgreicher gewesen, als ich es erwartet hätte. Das muss Bayern diese Saison erstmal nachmachen.
chrissie 12.07.2016
5. Ich freue mich jedenfalls auf dieses
spannende Projekt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.