Tuchel gegen Watzke Eure Hoheit

Die Trennung des BVB von Thomas Tuchel hatte sich abgezeichnet, zum Ende der schwierigen Beziehung ringen der Ex-Trainer und Klub-Boss Hans-Joachim Watzke um die Kommunikationshoheit.

Von , Dortmund


Es musste schnell gehen. Daher grüßte Thomas Tuchel bei Twitter zunächst ohne den weißen Haken auf blauem Grund eines verifizierten Accounts, mit dem Prominente in der Regel an den Start gehen. Gut zwei Stunden nach seiner Anmeldung beim Kurznachrichtendienst bestätigte der Trainer via Twitter, was so überraschend kam wie ein Gewitter nach einem äußerst schwülen Tag: das Aus beim BVB.

Die Trennung von Tuchel ist vollzogen worden, obwohl er sportlich erfolgreich und sein Vertrag noch bis Sommer 2018 gültig war. "Schade, dass es nicht weitergeht", endete seine zweite Kurznachricht. In der dritten dankte er den Fans, der Mannschaft und dem "Staff" bei Borussia Dortmund.

"Staff" war eines seiner meistgebrauchten Wörter. Tuchel meinte damit vor allem den engsten Kreis seiner Vertrauten im Trainerteam. Arno Michels, Rainer Schrey und Benjamin Weber müssen ebenfalls gehen. All diese Informationen packte die Fußballfirma in einen Satz, der an die Aktionäre gerichtet war. Die Pressemitteilung war dann schon länger und vor allem im letzten Absatz interessant: "Das Wohl des Vereins Borussia Dortmund, den viel mehr als nur der sportliche Erfolg ausmacht, wird grundsätzlich immer wichtiger sein als Einzelpersonen und mögliche Differenzen zwischen diesen."

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Tuchel-Trennung vom BVB: Dabei ging es so gut los...

Mehr als diese Mitteilung werde es nicht geben, teilte der Klub noch Reportern mit, die vor allem auf eine Stimme von Hans-Joachim Watzke hofften. Es verwunderte daher zunächst, dass wenig später ein ellenlanger offener Brief des Geschäftsführers auf der Internetseite des BVB erschienen. "Euer Aki Watzke" legte darin den "lieben Mitgliedern" und "lieben Fans" dar, warum er mit dem Rückhalt aller Gremien einen Trainer entließ, der ein paar Tage zuvor noch den DFB-Pokal gewonnen hatte. Es gehe nicht nur um das Ergebnis, schrieb Watzke: "Es geht immer auch um grundlegende Werte wie Vertrauen, Respekt, Team- und Kommunikationsfähigkeit, um Authentizität und Identifikation. Es geht um Verlässlichkeit und Loyalität."

Die Basis war schon längst verloren gegangen. Es ging zuletzt beiden Parteien vor allem darum, die Kommunikationshoheit zu gewinnen oder zu behalten. Das wurde am Tag der Scheidungsverkündung mit dem eilig erstellten Twitteraccount und dem offenen Brief deutlich. Es kann sein, dass dieser Kampf noch Tage, vielleicht Wochen weitergeht.

Es wird schwierig bleiben, für Beobachter herauszufiltern und zu belegen, was in diesem nahezu beispiellosen Ränkespiel wahr, was ein bisschen wahr und was erfunden war.

Nach dem Pokalfinale in Berlin sagte Tuchel, dass er das seit Wochen anberaumte Gespräch über seine Zukunft als "zumindest ergebnisoffen" betrachte. Hätte er das ernst gemeint, müsste ihm die Naivität eines Kleinkindes zugesprochen werden. Was auszuschließen ist.

Das Gespräch mit Watzke und Sportdirektor Michael Zorc, bei dem Tuchel seinen Berater Olaf Meinking, der auch für Tuchels Tweets zuständig sein dürfte, bei sich hatte, dauerte weniger als 30 Minuten. Die Parteien trennten sich im Hotel l'Arrivée, in dem Mannschaft und "Staff" sich vor Heimspielen trafen. Es ist das Hotel, vor dem am 11. April drei Sprengkörper gezündet wurden, um "Menschen in unserem Mannschaftsbus umzubringen", wie Watzke schrieb. Einen Tag später musste der BVB in der Champions League Fußball spielen. Tuchel kritisierte das heftig, er traf damit auch Watzke. Der Streit war einer von mehreren Punkten, die das schon länger erschütterte Vertrauen immer mehr schwinden ließen. Nicht nur zwischen Watzke und Tuchel, sondern auch zwischen wichtigen Spielern und dem Trainer.

Daher soll sich der BVB auch schon lange nach einem neuen Trainer umgesehen haben. Als Favorit gilt Lucien Favre. Dessen Vertrag bei OGC Nizza ist noch bis 2019 gültig. Angeblich sind sich die Dortmunder mit dem Schweizer einig, nach Informationen des Magazins "Kicker" wollen sie nun mit dem französischen Klub verhandeln.

Favre hatte im September 2015 nach fünf Niederlagen zum Saisonstart in der Bundesliga bei Borussia Mönchengladbach aufgehört. Seinen Rücktritt teilte er den Nachrichtenagenturen in einer Erklärung mit. Es ging - auch hier - um Kommunikationshoheit. Tuchel dürfte sich in den kommenden Tagen zu Wort melden, vermutlich via Twitter.



insgesamt 114 Beiträge
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janowitsch 30.05.2017
1. Jämmerlich
Mal abgesehen davon, auf welche Seite man sich bei diesem Schmierentheater stellt, geben die Verantwortlichen des Unternehmens Borussia Dortmund in dieser Affäre ein jämmerliches Bild in der Öffentlichkeit ab.
matthiasbaumgaertner13 30.05.2017
2. Zum Wohle des Vereins
Spieler gegen Tuchel: Reus,Schmelzer,Sahin und vermutlich in Abstrichen ein paar weitere wie Goetze,Rode, und Schuerle. Spieler pro Tuchel: Pulisic ( hat ihn herzlich umarmt nach Pokalfinale, er ist Tuchel viel dankbar), Dembele, Weigl( wurde in Tuchels Zeit zum Weltklasse Spieler), Guerreiro, Bartra(klares Bekenntnis) ... Die Spieler im sogenannten Spielerrat contra Contra Tuchel sind keine Leistungstraeger mehr, die Spieler pro Tuchel dagegen schon und gehoert die Zukunft. TT drueckt sich oft rum. Das was er eigentlich denkt sagt er nicht immer direkt frei heraus und das ist ein Problem und hat auf Unverständnis gestoßen bei manchen Spielern. Was er eigentlich wollte war eine komplette Generalüberholung des Vereins, nur traute er sich das nie offen so zu sagen, weil das mit Maßnahmen verbunden ist die sich die Managment Ebene nicht zutraute. Als vor einigen Wochen Sahin,der viel zu viele Makel hat um Bundesliga zu Spielen seinen Vertrag verlängert bekommen hat, war das schon eine Affront gegen Tuchel. Tuchel haette den Verein in eine neue Aera eingeleitet,da er ein ausgezeichneter Jugend Trainer auch ist und dies schon bewiesen hat in Stuttgart. Auch bei den Transfers wurde er hintergangen . Rode und Goetze fuer 40 Millionen vom Erzrivalen Bayern abkaufen und Schuerllle fuer 30 Millionen zu holen ist schlichtweg ganz schlechtes Management . Micky,seinen Lieblings Spieler aus letzter Saison wurde abgeschoben nach Manchester. Wie so oft in großen Unternehmen kommt die Zeit wo sich Verantwortliche nicht mehr hinterfragen und leben im Rausch der Erinnerungen an laengst vergessene Zeiten. Dortmund ist gut beraten Favre zu holen. In diesen verwucherten Strukturen kann nur der Trainer Jesus Favre zurechtfinden. Ein Trainer mit vergleichbaren Kompetenzen wie Tuchel waere Nagelsmann noch,aber auch er wuerde frueher oder Spaeter die gleichen Probleme haben. Er wuerde es zwar kommunizieren und intern loesen,aber ein Management das in der Nostalgie feststeckt und sich nicht entbinden lassen will und ein Spielerrat der gar nicht mehr spielt ,nein das ist kein fruchtbarer Boden fuer ehrgeizige Ausnahme Trainer. Hier , ein Blick in die Vergangenheit: http://www.nordbayern.de/2.209/2.293/vor-25-jahren-kam-es-beim-club-zum-legendaren-spieleraufstand-1.683376
Bibendumx 30.05.2017
3. schade, schade
es scheint, dass das ego von herrn watzke etwas zu groß ist. aber bekanntlich stehen die besten kapitäne an land und die besten trainer sitzen auf der (ehren-)tribüne. die in der öffentlichkeit diskutierten differenzen sind lächerlich und die bosse sind undankbar.
ge1234 30.05.2017
4. Double feature!
Man weiß gar nicht, über was man mehr staunen bzw. lachen soll, das unwürdige Schauspiel vom Borsigplatz oder der freie Fall des anderen Giesinger Vereins ins sportliche Nirwana!
Nordbayer 30.05.2017
5. Man muss ja nicht alles ...
... verstehen - aber diese Trainerentlassung ist für mich völlig unverständlich. Auch wenn der BVB nicht nur aus Herrn Watzke besteht, für mich hat Dortmund jede Sympathie verloren, es ist doch ein Armutszeugnis für diesen Verein, wenn ein Egozentriker so viel Macht besitzt eine solche unverständliche Entscheidung zu treffen. Waren denn in der erweiterten Vorstandschaft keine Leute mit einem Arsch in der Hose die widersprochen haben, alles nur Speichellecker? Einfach widerlich solche Typen. Die Fans in Dortmund sollte diese Nullen aus dem Vorstand jagen sonst richten die noch mehr Unheil an. Auf die Barrikaden BVB-Fans!
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