Streit bei Borussia Dortmund Szenen einer Ehe

Das Verhältnis zwischen den BVB-Bossen und Trainer Thomas Tuchel ist zerrüttet. Zwei Parteien, die sich nie nahe waren, entfremden sich zusehends. Hat der Coach in Dortmund noch eine Zukunft?
Thomas Tuchel

Thomas Tuchel

Foto: SASCHA SCHUERMANN/ AFP

Es war ein turbulentes Wochenende für Borussia Dortmund. Der Höhepunkt war das 2:1 im Top-Spiel gegen Hoffenheim und der damit verbundene Sprung auf Tabellenplatz drei. Doch die Schlagzeilen zum BVB bestimmten Zitate von Vereinsführung und Trainer Thomas Tuchel, mal wieder. Es ist das nächste Kapitel in einem Zwist, der seit bald eineinhalb Jahren im Klub gärt. Um diesen Zwist zu verstehen, muss man seine Geschichte kennen. Die geht so:

Tuchel wäre beinahe mal beim Hamburger SV gelandet, genau wie Sven Mislintat. Trainer Tuchel wollte der HSV als Coach verpflichten, Mislintat hätten die Hanseaten gerne zum Sportchef gemacht. Beide Versuche scheiterten.

Tuchel wurde stattdessen im Sommer 2015 Trainer bei Borussia Dortmund. Dort traf er auf Mislintat, der damals als Chefscout arbeitete. Das wäre auch heute noch die treffende Bezeichnung, aber offiziell firmiert Mislintat als "Leiter Profifußball". Er genießt in der Branche einen hervorragenden Ruf, was er - bezogen auf die fachliche Komponente - mit Tuchel auch noch gemein hat.

Ärger um Atlético-Talent Torres

Im Winter 2015/2016 dann hatte Mislintat den Spanier Óliver Torres als Neuzugang ausgemacht. Die Verhandlungen mit dem U21-Nationalspieler und seinem Verein Atlético Madrid, der ihn auch heute noch an den FC Porto ausgeliehen hat, waren erfolgreich geführt worden. Doch die Unterschrift blieb aus. Tuchel zögerte lange, wollte Torres dann doch nicht mehr. Das ist das gute Recht eines Trainers.

An der Entscheidung entbrannte allerdings ein Streit, der von beiden Seiten verharmlost, aber im Kern nie bestritten wurde. Ohne es explizit zu sagen, stellten sich Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Sportdirektor Michael Zorc hinter Mislintat. Seine neue Bezeichnung als "Leiter Profifußball" war als Beförderung gemeint.

Die Kommunikation zwischen Cheftrainer und einem wichtigen Zuarbeiter, der sich Transfers wie Pierre-Emerick Aubameyang, Raphaël Guerreiro und Ousmane Dembélé auf die Fahne schreiben darf, ist seitdem auf das Allernötigste beschränkt.

Der Bruch zwischen Tuchel und Mislintat ist ein Beleg für die Schwierigkeiten, die es im Binnenverhältnis schon lange vor der Meinungsverschiedenheit gab, die aus der schnellen Neuansetzung des Spiels in der Champions League gegen AS Monaco resultierte. Die Partie war wegen des Anschlags auf das Leben von Tuchel und seinen Spielern im Mannschaftsbus zunächst abgesagt worden.

Watzke soll von der Wucht des Interviews überrascht gewesen sein

Die gärenden Differenzen gefährdeten nie den sportlichen Erfolg, Berichte darüber wurden daher kaum beachtet oder als unglaubwürdig eingestuft. Seit dem Interview von Watzke mit der Funke Mediengruppe, in dem er den Dissens auch einen Dissens nennt, ist das anders. Das Thema erfährt eine Dynamik, die eine Trennung von Tuchel nach dem Saisonende wahrscheinlich erscheinen lässt - obwohl der Vertrag des Trainers noch bis Sommer 2018 gültig ist. Der Boss des BVB soll von der Wucht, die das Interview entfaltete, überrascht gewesen sein. Dass es so wirken musste, als sehe er nur geringe Chancen auf eine gemeinsame Zukunft, wird den geltungsbedürftigen Medienprofi kaum überrascht haben.

Watzke will sich zunächst nicht mehr zu der Thematik äußern. Olaf Meinking, der Berater Tuchels, nahm hingegen Stellung. "Es ist verabredet, dass wir uns nach dem Pokalfinale zusammensetzen. Das bleibt auch so. Es sollte auf keinen Fall ein Scheidungstermin werden", sagte der Hamburger Anwalt dem SPIEGEL.

Tuchel hat allerdings keinen Fürsprecher mehr im Verein, der in diesen Tagen öffentlich für ihn Stellung bezieht. Im Gegenteil. Die "Süddeutsche Zeitung" zitiert einen Profi des BVB, der anonym bleiben will. Die enge Bindung, die angeblich nach dem Anschlag zwischen Spielern und dem Trainer entstanden sei, sei eine "reine Mediensache".

Klopp und Watzke waren Freunde

Tuchel hat durchaus noch enge Vertraute im Klub, er selbst spricht gerne von seinem "Staff". Dazu gehört vor allem Arno Michels, der bereits in Mainz Tuchels Assistent war. "Das ist schon ein intimes Paar", sagte Christian Heidel mal über Tuchel und Michels. Als Tuchel im Mai 2014 überraschend ankündigte, die Arbeit in Mainz trotz eines gültigen Vertrags einstellen zu wollen, verkündete Manager Heidel, heute beim FC Schalke, dass er und Tuchel nie "die dicksten Freunde" gewesen seien.

Mit Jürgen Klopp hingegen war Heidel gut befreundet, so wie auch Watzke. Dass Klopps Nachfolger Tuchel im Umgang anders, schwieriger, anstrengender sein wird, muss Watzke gewusst haben. Er hat es, genau wie Zorc, in Kauf genommen, im Wissen um den hervorragenden Fußballlehrer Thomas Tuchel.

Ein professionelles Arbeitsverhältnis wird so etwas dann genannt. Mehr war es nie, im Lauf der Zeit ist es schlechter geworden. Meinungsverschiedenheiten bei weiteren Transfers, wie es sie auch mit Klopp gegeben hat, trugen ihren Teil dazu bei.

Es ging aber auch um vermeintliche Indiskretionen von Olaf Meinking. Der Rechtsanwalt vertritt die Interessen von Tuchel seit Jahren. Es gehört daher zu seinem Job, im Gespräch mit Medienvertretern seinen Klienten in einem guten Licht darstehen zu lassen. Im Verein ist aber ein deutliches Grummeln zu vernehmen, dass Meinking dabei häufiger mal die Wahrheit beugt, was Vertreter des BVB in ein schlechtes Licht rücke. "Ich vertrete die Interessen von Thomas Tuchel, aber auch die Vereinsführung nimmt mich stark in Anspruch und sucht intensiv den Austausch, bis zum heutigen Tag. Wenn sie von meiner Integrität nicht überzeugt wären, würden sie das gewiss nicht tun", so Meinking.

Die Beziehung zwischen dem Klub und Tuchel und seinen Vertrauten ist kompliziert, schwierig, aber noch nicht am Ende. Am Samstag, nach dem Sieg in der Bundesliga gegen Hoffenheim, gingen Watzke, Zorc und Vereinspräsident Reinhard Rauball in die Kabine. Sie gratulierten der Mannschaft - und dem Trainer. Das ist in diesen Tagen schon eine Erwähnung wert.