Favre-Aus beim BVB Wie ein Kletterer vor einer drei Meter hohen, spiegelglatten Wand

Er verlangte nie etwas, weder Rückendeckung noch neue Spieler. Nun muss Lucien Favre beim BVB gehen, weil er nicht der Trainer war, den sich die Verantwortlichen wünschten. Und weil er an der letzten Stufe scheiterte.
Von Marcus Bark, Dortmund
Ex-BVB-Trainer Favre: Seine Zeit in Dortmund ist vorbei

Ex-BVB-Trainer Favre: Seine Zeit in Dortmund ist vorbei

Foto: FOCKE STRANGMANN/POOL/EPA-EFE/Shutterstock

Jürgen Klopp, Thomas Tuchel und Peter Bosz haben ihr letztes Spiel als Trainer von Borussia Dortmund jeweils gegen Werder Bremen bestritten. Am Dienstag tritt der BVB an der Weser an – und dieses Mal musste der Trainer schon vorher gehen.

Lucien Favre wird dieses Spiel nicht mehr verantworten. Trainer und Klub beendeten am Sonntag die Zusammenarbeit, die desolate Leistung beim 1:5 gegen den VfB Stuttgart einen Tag zuvor gab den Ausschlag.

Es gab Tage in den knapp 30 Monaten der Zusammenarbeit, da wäre das Ende ein bisschen weniger überraschend gekommen. Etwa im November 2019, nach einem peinlichen 3:3 gegen den SC Paderborn, dem eine dieser herben Niederlagen beim FC Bayern vorangegangen war.

Aber der BVB gewann die folgende Partie bei Hertha, obwohl er eine Hälfte in Unterzahl spielte. Die Umstellung auf eine Dreierkette hatte Erfolg gezeigt. Schnell sickerte aber durch, dass Favre, ein Verfechter der Viererkette, zu seinem Glück gedrängt werden musste.

Favre blieb Favre

Die Zeit von Favre beim BVB ist eine Geschichte der Kompromisse. Die Dortmunder wussten, dass sie nach einer turbulenten Saison mit Bosz und Peter Stöger einen exzellenten Fußballlehrer und tadellosen Menschen bekamen.

Sie nahmen in kauf, dass sie einen zaudernden Trainer bekamen. Die Ansprüche von Borussia Dortmund, deutlich höher als die bei seinen ehemaligen Bundesligaklubs Hertha BSC und Borussia Mönchengladbach, waren ihm immer zu hoch gewesen.

Es wurde oft versucht, Favre hinzubiegen. Im Sommer 2019, auf einer PR-Tour in den USA, schien der Trainer davon überzeugt worden zu sein, die Meisterschaft als Ziel zu verkaufen. Aber nach dem ersten Rückschlag zeigte sich, dass Favre eben Favre blieb.

Eine andere Definition des Erfolgs

Er war sich immer treu. Auch die »Entscheidungsträger des BVB«, die sich nun laut der Mitteilung »einmütig« für die Freistellung entschieden, blieben sich treu. Sie wären die Zweifel gerne losgeworden, aber Favre blieb einer für den zweiten Platz, der vor der letzten Stufe steht wie ein Kletterer vor einer drei Meter hohen, spiegelglatten Wand.

»Wir hatten zwei sehr erfolgreiche Jahre und haben eine Mannschaft, die auch in diesem Jahr am Ende eine erfolgreiche Saison gespielt hätte«, sagte Favre zum Abschied. Seine Definition von »erfolgreich« – zwei zweite Plätze in der Bundesliga, zweimal im Achtelfinale der Champions League ausgeschieden, zweimal im Achtelfinale des DFB-Pokals – ist eine andere als die des BVB. Gerade das frühe Scheitern in den »Do-or-die-Spielen« nährte die Zweifel.

Favre blieb stets loyal. Er verlangte nie etwas, weder Rückendeckung noch neue Spieler. Dass er erst des biologischen Fortschritts wegen mit dem 16 Jahren alten Youssoufa Moukoko einen zweiten Mittelstürmer in den Kader bekam, ist ein Versäumnis der Entscheidungsträger. Es wurde offensichtlich, als sich Erling Haaland verletzte.

Vertrauten ihm die Spieler noch?

Favre verteidigte seine »falschen Stürmer« Marco Reus, Julian Brandt und Thorgan Hazard. Dass die sich in der vordersten Linie nie richtig und gut aufgehoben fühlten, wurde ihm letztlich auch zum Verhängnis.

Dass Jadon Sancho nach einer überragenden Saison in der aktuellen Spielzeit an Klasse und Tempo verlor, entschuldigte Favre mit dem Alter des Engländers. Ein treffliches Argument, aber in der Summe waren es zu viele Spieler jeglichen Alters, die zuletzt aus dem Tritt gerieten.

Ob die Spieler ihrem Trainer (noch) vertrauten, ihm zutrauten, sie wieder in die Spur zu bringen, ist eine Frage, die nur in der Mannschaft und dem innersten Zirkel des Vereins zu beantworten ist.

Nachfolger Terzić hat einen anderen öffentlichen Auftritt

Edin Terzić wird es wissen. Der 38 Jahre alte Sauerländer mit deutschem und kroatischem Pass, gehörte zum Stab von Favre. Er sprang mal für den Schweizer ein, als der krank zu Hause bleiben musste. Sein öffentlicher Auftritt war ganz anders als die Auftritte von Favre, der oft um Worte rang und dann häufig nur die gleichen fand.

Edin Terzić (Zweiter von links) übernimmt die Trainerbank beim BVB

Edin Terzić (Zweiter von links) übernimmt die Trainerbank beim BVB

Foto: FRIEDEMANN VOGEL/EPA-EFE/Shutterstock

Als er am Samstag nach dem Spiel gegen Stuttgart sagte, dass die Mannschaft nun in Bremen ein »Zeichen zeigen« müsse, wunderten sich die Zuhörer, denn das hatte er noch nie gesagt. Es deutete sich an, dass etwas anders war.

Die schnelle Trennung kam dennoch ein bisschen überraschend. Auch die Nachfolge, denn Enrico Maaßen von der Regionalliga-Mannschaft galt seit Langem als Favorit auf die Favre-Nachfolge. Terzić sei näher an der Mannschaft als Maaßen, heißt es aus dem Klub.

Wie nahe Favre ihr am Ende noch war, bleibt eine offene Frage. 

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