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BVB-Remis gegen Leipzig Ein verschenkter Sieg

Borussia Dortmund spielt gegen Tabellenführer RB Leipzig glanzvollen Fußball - und leistet sich gleichzeitig haarsträubende Patzer. Die Konzentrationsmängel könnten das Team am Ende den Titel kosten.

Es war ein spektakuläres Spiel. Ein Spiel mit überraschenden Wendungen, sechs Toren. Diese Partie zwischen Borussia Dortmund und RB Leipzig, die am Ende 3:3 (2:0) ausging, war vielleicht sogar das bisher unterhaltsamste Spiel der Saison.

Ein faires Duell war es obendrein, geradezu vorweihnachtlich. Tobias Stieler, von dem eigentlich niemand merkte, dass er als Schiedsrichter auch auf dem Platz war, zeigte nicht mal eine Gelbe Karte. Die Fairness in diesem Spiel ging sogar so weit, dass Leipzigs Torwart Peter Gulacsi und sein Dortmunder Kollege Roman Bürki jeweils der anderen Mannschaft einen Treffer schenkten.

Die Partie zwischen Borussia Dortmund und RB Leipzig war übertrieben fair, wie Julian Brandt wohl sagen würde. "Übertrieben" ist eines der Lieblingsadjektive seiner Fußballer-Generation.

Vor der Pause glanzvoller Dortmunder Fußball

Wenn sich Julian Brandt also mit anderen 24 Jahre alten Menschen unterhält, würde er vermutlich sagen, dass er gegen Leipzig ein übertrieben geiles Tor geschossen hat, das zum 2:0 nämlich. Allerdings, so fair müsste er sein, war es dann auch ein übertrieben krasser Abspielfehler von ihm, den Timo Werner für den Tabellenführer der Bundesliga zum zwischenzeitlichen 2:2 nutzte.

Dass der BVB 2:0 zur Pause führte, war der Lohn für glanzvollen Fußball. Dass der Vorsprung acht Minuten nach der Pause aufgebraucht war, war die Strafe für "zwei solche Böcke". So sagte das Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc, dem nur anzusehen war, dass er einen übertrieben dicken Hals hatte. "Leipzig weiß gar nicht, wie sie hier an den Punkt gekommen sind", klagte Zorc.

Tatsächlich war es aber die Borussia, die nach dem Spiel rätselte. Marco Reus etwa sagte: "Wir stehen jetzt hier und wissen nicht so recht, was wir mit dem Ergebnis anfangen sollen." In ein paar Dingen war sich der Kapitän allerdings sicher. Etwa darin, dass "wir gefestigt sind, obwohl wir solche Gegentore bekommen haben". Die Fehler von Bürki und Brandt, auch das behauptete Reus, hätten "nichts mit Konzentration zu tun" gehabt.

Brandt steht für beide Seiten der Medaille

Das mag beim Torwart so gewesen sein, dem der pitschnasse Ball über den Kopf gerutscht war. Aber wieso spielt Brandt in demselben Spiel, in dem er ein technisch höchst anspruchsvolles Tor erzielt und auch sonst wieder ziemlich gut drauf war, einen solch verheerenden Rückpass?

Mangelnde Konzentration ist die einzige Erklärung.

Der Fehler von Bürki warf den BVB mit Wucht aus der Spur, nach dem 2:2 drohte er, die Böschung hinunter zu stürzen. Leipzigs Führung schien plötzlich nur eine Frage der Zeit zu sein. Doch es gab eine erneute Wende, das 3:2 von Jadon Sancho.

Jadon Sancho brachte den BVB zwischendurch wieder auf Kurs

Jadon Sancho brachte den BVB zwischendurch wieder auf Kurs

Foto: Leon Kügeler REUTERS

Führungen zu verspielen, das hatten sich die Dortmunder in den vergangenen Wochen eigentlich abgewöhnt. Gegen Leipzig erinnerten ein paar vogelwilde Minuten und Sekunden (vor dem 3:3) an die Zeit, als der Reihe nach nur jeweils ein 2:2 gegen Eintracht Frankfurt, Werder Bremen und den SC Freiburg heraussprangen. In den Partien führte der BVB jeweils, in Frankfurt und Freiburg gar zweimal.

Sechs Unentschieden in 16 Partien sind es nun schon insgesamt, die meisten in der Liga. Das führt zum Rückstand von vier Punkten auf Leipzig, das wie der BVB bisher nur zwei Spiele verlor.

"Noch mal passieren solche Tore nicht"

Bei der Borussia waren sie bemüht, das Glanzvolle hervorzuheben und die Fehler (beim dritten Gegentor leistete ihn sich Raphael Guerreiro) als singuläre Ereignisse darzustellen. "Noch mal passieren solche Tore nicht", orakelte Reus. Aber der Ausfall aller Systeme zu Beginn der zweiten Halbzeit erinnerte stark an Phasen, die den BVB unter Trainer Lucien Favre in der vergangenen Saison schon die Meisterschaft kosteten.

Da war etwa das 2:2 in Bremen, als die Dortmunder herausragend spielten und 2:0 führten, sich aber dann zwei schlimme Fehler erlaubten. Es gab auch das 3:3 gegen die TSG Hoffenheim, als die Borussia ebenfalls zur Pause 2:0 vorne lag. Trainer der Hoffenheimer war Julian Nagelsmann, heute bei RB Leipzig.

Das ist übertriebener Zufall. Oder vielleicht auch nicht: Die letzte Probe auf gefestigte Nerven folgt für den BVB schon am Freitag: Es geht zur TSG Hoffenheim.