Trainingsauftakt beim BVB Umbruch im Stau

Kurze Vorbereitung, aufgeblähter Kader, kaum Neuzugänge: Borussia Dortmund startet unter dem neuen Trainer Thomas Tuchel mit Altlasten in die Saison. Beim BVB muss in den kommenden Wochen einiges passieren.
BVB-Trainer Tuchel: "Trainingszeit ist das Wichtigste"

BVB-Trainer Tuchel: "Trainingszeit ist das Wichtigste"

Foto: Maja Hitij/ dpa

Knapp vier Wochen ist es her, da stellte der BVB Thomas Tuchel als neuen Trainer vor. Manager Michael Zorc und Klubchef Hans-Joachim Watzke waren zufrieden. Der vielfach umworbene Tuchel und Borussia Dortmund - eine Verbindung, die trotz des großen Schattens von Jürgen Klopp Erfolg versprach. Heute ist der Bundesligist in die neue Saison gestartet.

"Trainingszeit ist das Wichtigste", hatte Tuchel auf seiner ersten Pressekonferenz betont. Um sich kennenzulernen, aber auch um den Rückstand auf die enteilten Klubs aus Wolfsburg, Mönchengladbach oder Leverkusen aufzuholen. Die Asienreise und der frühe Saisonstart in die Europa League am 30. Juli seien deshalb "eine massive Beeinträchtigung", bemängelte Tuchel.

Wenn der 41-Jährige nun erstmals auf dem Trainingsplatz steht, weiß er um weitere Probleme. Der benötigte Umbruch im Kader gestaltet sich schwierig. Aktuell trainiert Tuchel mehr oder weniger eine Klopp-Mannschaft. Mit Gonzalo Castro, Roman Bürki und Julian Weigl gibt es zwar drei Neuzugänge, zudem kehren die Leihspieler Moritz Leitner, Jonas Hofmann und Marvin Ducksch zurück. Wegen ausbleibender Verkäufe ist Tuchels Trainingsgruppe mit 30 Spielern zu groß.

Gündogan ist der bessere Geis

In dieser Hinsicht sind Zorc und Watzke in einen Stau geraten - und der Trainer muss sehen, wie er sein Team in einem zäh fließenden Trainingsverkehr auf Stand bringt. Ilkay Gündogan stand ganz oben auf der Transferliste. Über eine Ablöse von 20 Millionen Euro wurde spekuliert.

Gündogan geht, Johannes Geis kommt - so lautete die allgemein angenommene Wechselwirkung. Doch der um seine Form kämpfende Nationalspieler fand keinen Klub, hat seinen Vertrag mittlerweile wohl sogar verlängert, und Geis unterschrieb beim Erzrivalen FC Schalke.

Was an der Fan-Basis kritisch betrachtet wird, ist sportlich sinnvoll. Ein ungeschriebenes Gesetz in der Bundesliga besagt, dass verletzte Spieler nach sechsmonatiger Ausfallzeit genauso lang benötigen, um wieder die Bestform zu erlangen. Gündogan fiel 14 Monate aus.

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Die Passstatistiken von Geis (Saison 2014/15) und Gündogan (Saison 2012/13) zeigen, dass sie ihre Rollen im defensiven Mittelfeld unterschiedlich interpretieren. Geis schlug fast jeden dritten Pass lang, als Freistoß- und Eckenschütze hatte der Mainzer mehr Torschussbeteiligungen.

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Gündogan wiederum ist variabler, passsicherer, wendiger und deshalb ein wichtiger Faktor im Dortmunder Umschaltspiel. Erreichen beide Sechser ihre Bestform, ist Gündogan der insgesamt vielseitigere Mittelfeldspieler - und passt mit seinen Stärken besser zum BVB als Geis.

Verkaufe viel, aber mit Stil

Der BVB muss daher nun andere Wege finden, den Kader zu verkleinern, Einnahmen zu generieren und sich dann auch noch punktuell zu verstärken. Tuchel betonte zwar, die Spieler erst persönlich kennenlernen zu wollen. Die Situation bei den Torhütern beweist aber das Gegenteil. Bürki kommt mit Ambitionen auf einen Stammplatz, Mitchell Langerak flüchtet deshalb nach Stuttgart, und der stillos degradierte Roman Weidenfeller könnte noch eine Saison auf der Ersatzbank erleben. Potenzielle Verkaufskandidaten gibt es weiterhin genug:

Innenverteidigung: Sokratis ist als vierter Mann hinter Mats Hummels, Neven Subotic und Matthias Ginter zu gut. Für den Griechen gibt es Interessenten.

Außenverteidigung: Mit Lukasz Piszcek, Erik Durm, Kevin Großkreutz, Marcel Schmelzer und U20-Nationalspieler Jeremy Dudziak scheint Dortmund gut aufgestellt. Unter Klopp traten auf den Außenbahnen jedoch spielerische Mängel auf, die Nachfolger Tuchel beheben muss. Wer über einen Umbruch nachdenkt, sollte hier einen wichtigen Hebel ansetzen.

Defensives Mittelfeld: Hier ist der BVB zu breit besetzt. Neben Gündogan haben Castro, Weigl und der derzeit verletzte Nuri Sahin einen Kaderplatz sicher. Leitner, Oliver Kirch und auch der verletzungsanfällige Publikumsliebling Sven Bender stehen im Schatten dieses Quartetts. Ein oder zwei Verkäufe ergäben hier Sinn.

Offensives Mittelfeld: Im besten Dortmunder Mannschaftsteil haben Jakub Blaszczykowski, Jonas Hofmann, Kevin Großkreutz und der vom 1. FC Köln umworbene Milos Jojic die geringsten Chancen auf einen Stammplatz.

Bleibt die Problemzone Sturm. Statt für Ciro Immobile gibt es derzeit wohl nur für Pierre-Emerick Aubameyang einen Interessenten. Was zunächst wie ein schlechtes Geschäft klingt, könnte der Dortmunder Königstransfer werden. Ein Verkauf des treffsicheren und schnellen, aber spielerisch limitierten Aubameyang wäre sogar ein bedeutender Schritt weg von einer Klopp- und hin zu einer Tuchel-Mannschaft. Genau das könnte dem Neuen einen unbelasteten Start ermöglichen.

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