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15. Oktober 2016, 11:36 Uhr

Dortmunds Remis gegen Hertha

"Das war Männerfußball, ich mag so was"

Aus Dortmund berichtet

Werden Dortmunds Spieler zu oft gefoult? Trainer Thomas Tuchel hatte das zuletzt kritisiert. Doch harte Zweikämpfe haben die mittelmäßige Partie gegen Hertha BSC erst sehenswert gemacht.

Von Thomas Tuchels Stimme war nur noch ein Krächzen übrig, als er nach 90 Minuten höchst intensiver Trainerarbeit doch wieder von der Debatte eingeholt wurde, die er vor zwei Wochen losgetreten hat. Das 1:1 seiner Dortmunder gegen Hertha BSC war in eine wilde Schlussphase gegipfelt, in einem Stadion kurz vor dem Siedepunkt hatten die Spieler Mühe, ihre Emotionen zu kontrollieren. Am Ende gab es sogar zwei Rote Karten.

"Man hat gemerkt, dass die Diskussion im Vorfeld Spuren hinterlassen hat", sprach der Berliner Innenverteidiger Sebastian Langkamp aus, was alle gespürt hatten: Die von Tuchel angestoßene Debatte über zu viele Fouls an seinen Spielern hatte nicht zu mehr Rücksicht und einer akribischeren Schiedsrichterleistung geführt, sie hatte alle Beteiligten elektrisiert.

Das konnte auch dem Dortmunder Trainer nicht entgangen sein, der allerdings genervt erklärte: "Ich sage dazu nichts, ich mache nicht mehr mit." Die Kommunikationsstrategie der Dortmunder lautete offenkundig: Das Foulthema muss schleunigst abmoderiert werden. Die Debatte, die die ganze Liga infiziert hat, habe "sich verselbstständigt, aber das hat uns nicht groß beschäftigt", behauptete Dortmunds Sebastian Rode. Die ungewöhnlich hohe Intensität des Spiels war jedoch nicht zu verkennen.

Am Ende war die Partie emotional im tief roten Bereich angekommen. "Die Zuschauer sind bei jedem kleinen Foul aufgesprungen", sagte Langkamp. Wäre das Duell eine politische Veranstaltung gewesen, käme man kaum um den Modebegriff "postfaktisch" herum, um die turbulente Schlussphase zu beschreiben: Gefühle dominierten, für klare, rationale Überlegungen und Strategien war kein Platz mehr. Doch anders als im politischen Diskurs war das nicht ärgerlich, sondern höchst unterhaltsam.

Das Spiel des BVB, der mit der jüngsten Startelf seit 2011 begonnen hatte, holperte lange Zeit. Valentin Stocker brachte den Gast aus der Hauptstadt verdient in Führung (51.). Dortmunds Starstürmer Pierre-Emerick Aubameyang vergab tolle Chancen, verschoss sogar einen Elfmeter und traf erst zum 1:1, als die Partie immer abenteuerlicher geworden war (80.). Das Spiel war immer noch nicht wirklich hochklassig, aber es war nun extrem intensiv. Der BVB rannte an, Tuchel, der schon vorher permanent gefuchtelt und gebrüllt hatte, sprang an der Seitenlinie wild herum. "Das ist Fußball, wie er sein soll, mit Temperament und in einer guten Atmosphäre", sagte Herthas Mittelfeldspieler Per Skjelbred.

Wenn ein Spiel eine solche Dynamik entwickelt, steigt allerdings auch die Eskalationsgefahr. Nach 84 Minuten hielt Sebastian Langkamp Emre Mor kurz vor dem Strafraum fest, die 80.000 im Stadion grölten, der 19-jährige Türke schubste den Berliner genervt, woraufhin dieser theatralisch zu Boden sank. Die Rote Karte, die Mor daraufhin sah, bezeichnete Langkamp später als ebenso übertrieben wie seinen pathetischen Sturz. Ganz falsch war der Feldverweis aber nicht. Und in der Nachspielzeit ließ sich Valentin Stocker zu einer üblen Grätsche von hinten gegen Matthias Ginter hinreißen, auch dafür gab es Rot (90.).

Dardai: "Das war Männerfußball, ich mag so was"

Obwohl die Dortmunder wieder über 20-mal gefoult wurden, war Stockers hartes Einsteigen jedoch die einzige wirklich gemeine Aktion des Spiels. Unterdessen zeigte die Partie, wie wenig Aussagkraft die Foulstatistik über die Haltung einer Mannschaft hat. Es wurde - bis zur 90. Minute - nie brutal, und Hertha-Trainer Pal Dardai erklärte: "Das war Männerfußball mit vielen Zweikämpfen, ich mag so was." Überspitzt gesagt hatten die vielen Zweikämpfe eine lange Zeit eher mittelmäßige Begegnung attraktiv und sehenswert gemacht. Und gleichzeitig erinnerte das Spiel alle Dortmunder daran, dass eine hohe Intensität dem eigenen Team zumindest im heimischen Stadion eher nutzt als schadet.

Denn sie hätten beinahe noch ein Top-Spiel gewonnen, das unter schlechten Vorzeichen begonnen hatte. Wegen der vielen Ausfälle absolvierte der 20-jährige Innenverteidiger Mikel Merino sein erstes Pflichtspiel, nach Anfangsschwierigkeiten kam der Spanier immer besser in die Partie, hatte sensationelle 149 Ballkontakte und trug am Ende sogar einen wunderschönen vorletzten Pass zum Ausgleichstor bei. Die Flügel waren mit den jungen Spielern Mor, 19, und Christian Pulisic, 18, besetzt, und weil das Zentrum mit Mario Götze und Rode blass blieb, fehlte lange die nötige Struktur.

Erst nachdem der wieder einmal großartige Ousmane Dembélé eingewechselt wurde, waren die Dortmunder besser. "Es hat heute wirklich viel Spaß gemacht, diese Mannschaft zu coachen", sagte Tuchel ganz am Ende mit heiserer Stimme, und es war nicht zu übersehen, wie froh er war, dass es noch andere relevante Themen gab als die leidige Foulstatistik.

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