BVB-Remis gegen Real Madrid Reif für die Spitze

Borussia Dortmund hat Real Madrid ein Remis abgerungen. Die junge Mannschaft scheint bereit für höchste Aufgaben.


Eine tiefe Dankbarkeit erfüllte das Westfalenstadion, als die englischen Schiedsrichter den wunderbaren Fußballabend beendeten und das 2:2 von Borussia Dortmund gegen Real Madrid feststand. Mehr als eineinhalb Jahre hatten die Leute auf den Zauber der Königsklasse verzichten müssen, und nun war ihnen gleich wieder feinste Kost vorgesetzt worden.

Rasant, hochklassig und unberechenbar war das Spiel gewesen, und sogar die elegischen Momente, die zu jedem richtig guten Drama gehören, hatte dieses Duell hervorgebracht. Es war eines dieser herrlichen Spiele, von denen es in der Ära des Trainers Jürgen Klopp so viele gegeben hatte, intensiver Fußball mit einer Portion Schmerz, aber auch mit der Erfahrung, dass nicht alles kontrollierbar ist.

Klopp war ein Typ, der diese Form der Intensität aufsog und genoss, selbst wenn am Ende kein Sieg heraussprang. Thomas Tuchel hingegen haderte. Er wolle "gar nicht unzufrieden sein, das war alles okay", sagte der heutige Trainer des BVB, aber ein Blick in sein Gesicht verriet, wie schwer es ihm fiel, diesen Vorsatz zu erfüllen.

Schürrle sieht das Positive

Tuchel ist ein Perfektionist, es war nicht zu übersehen, wie dringend er den Titelverteidiger aus der spanischen Hauptstadt schlagen wollte. Tuchel sprach von "Situationen um den Strafraum, die nicht klar genug ausgespielt" wurden, sein Team habe in einigen Phasen "kein gutes Rhythmusgefühl in den Zonen" entwickelt.

Tatsächlich hatten sie den einen oder anderen Angriff nicht ganz sauber zu Ende gebracht, besonders in der rasanten ersten Hälfte, als sie den spanischen Giganten mächtig unter Druck setzten. Aber man konnte es auch sehen wie André Schürrle: "Wenn man zweimal nach einem Rückstand gegen Real Madrid zurückkommt und den Gegner so bespielt, ist das ein gutes Gefühl", sagte der Nationalspieler. "Wir sind auf jedem Niveau in der Lage, großen Teams Paroli zu bieten."

Das war die zentrale Erkenntnis des Abends. Das Tempo, in dem diese Dortmunder Mannschaft reift, ist nämlich bei aller Fehlerhaftigkeit beeindruckend. Julian Weigl, Raphaël Guerreiro, Christian Pulisic, Ousmane Dembélé und Emre Mor absolvierten ihr erstes Champions League-Spiel vor eigenem Publikum und bereiteten dem mit Weltstars bestückten Titelverteidiger enorme Probleme.

Tuchel will die Perfektion - am besten sofort

Aber Tuchel ist von dem Verlangen erfüllt, nicht nur mit den Allerbesten mitzuhalten, sondern auf diesem Niveau auch möglichst perfekt zu spielen. Und zwar sofort. Diese Ungeduld wirkte in der Nachbetrachtung der Partie vielleicht etwas zu kritsch, aber sie ist wohl ein wichtiger Energiespender für die rasende Entwicklung dieser runderneuerten Mannschaft.

Und diese Haltung ist zugleich ein großer Unterschied zu früheren Champions-League-Jahren, als die Dortmunder als wilde Abenteurer durch Europa zogen, die sich mit ihrem Mangel an Perfektion abfanden, so lange es intensiv, leidenschaftlich und erlebnisreich war. Am Mittwochabend saßen die Spieler nun nach einer mitreißenden ersten Halbzeit in der Kabine und ärgerten sich. In der Pause sei eine große Enttäuschung zu spüren gewesen, erzählte Tuchel, der Trainer hatte den Eindruck, "dass die Spieler fast schon zu streng mit sich waren".

Denn den einen gefährlichen Angriff, den Real hinbekam, vollendete der unglaubliche Cristiano Ronaldo zum 0:1 (17. Minute). Immerhin gelang Pierre-Emerick Aubameyang noch vor der Pause der Ausgleich (43.), erst in der zweiten Halbzeit war deutlich zu sehen, wie viel reifer Real agieren kann. Sogar das Publikum verstummte irgendwann, und Raphaël Varane traf zum 1:2 (68.).

Doch in der Schlussphase fanden die Dortmunder zurück ins Spiel. Und es war sicher kein Zufall, dass vier Minuten vor dem Ende mit Schürrle einer der Routiniers zum verdienten Ausgleich traf. Der Weltmeister ist nach diesem Treffer der erste deutsche Fußballer, der für vier unterschiedliche Klubs in der Champions League getroffen hat (Leverkusen, Chelsea, Wolfsburg, Dortmund), die Entschlossenheit und die innere Überzeugung, die seinen Schuss begleiteten, fehlte in vielen anderen Situationen im Strafraum.

Der umgebaute BVB hat es geschafft, sich nach den klaren Siegen in der Bundesliga auch auf einem noch höheren Niveau einzurichten. "Wir wollen dieses Spiel als Gelegenheit nutzen, um herauszufinden, ob uns genau das gelingt, ob wir diese Räume finden. Ob wir die gleiche hohe Schlagzahl, das gleiche Tempo spielen können wie in der Bundesliga", sagte Tuchel. Und lieferte die Antwort gleich mit: "Phasenweise."

Aber zu diesem frühen Zeitpunkt der Saison ist diese Abwesenheit von Perfektion vielleicht gar nicht so schlecht. Denn die echten Höhepunkte wird es ja erst in einigen Monaten geben, und als Beschleuniger für den Reifeprozess taugt dieser Abend allemal. Das gilt nicht nur für die Mannschaft, sondern auch für den Trainer.



insgesamt 72 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Bocuse_AK 28.09.2016
1. Es heißt schon eine Ewigkeit nicht mehr
Westfalenstadion. Die Echte-Liebe-AG hat die Namensrechte an die Signal-Iduna verkauft.
omop 28.09.2016
2. Naja..
Mit einem Sieg wäre man ggf. reif für die Spitze gewesen, aber ein Unentschieden gegen ein schlagbares Real Madrid ist keine Meisterleistung. Der BVB offenbart vor allem defensiv einige Schwächen. Im Rückspiel gibt es wieder eine Klatsche und alle schauen wieder "betreten drein"..
Attila2009 28.09.2016
3.
Zitat von Bocuse_AKWestfalenstadion. Die Echte-Liebe-AG hat die Namensrechte an die Signal-Iduna verkauft.
Soviel ich weiß akzeptieren die Fans diesen Namen einfach nicht. Die sagen trotzdem "Wir gehen ins Westfalenstadion " und jeder weiß was gemeint ist.
ge1234 28.09.2016
4. Witzig...
... erinnert mich irgendwie an den Scheich des anderen Giesinger Vereins: Kaum hat man die Abstiegsränge der 2.Liga verlassen, schon wird von der Champions League schwadroniert!
Turbo 28.09.2016
5. Dont believe the Hype
Haben sie ganz toll gemacht die Bienchen: Vor dem Spiel nur eine Frage ob 2:1, 3:1, vielleicht sogar ein 4:1., am Ende de fakto über 90 Minuten 2 Punkte verloren. Katastrophen-Transfer #1 schießt endlich mal ein Tor. Katastrophen-Transfer #2 wieder vorzeitig ausgewechselt Die "größten Talente Europas" treffen bei aller Zauberei das Tor nicht. Abwehr bleibt ein kritischer Schwachpunkt Motivation war da, keine Frage. Aber es geht bei einigen Spielern schließlich auch um Bewerbungsschreiben für die internationale Bühne (ihre echte Liebe sahen einige vermutlich sogar beim Gegner). Schöne Spielzüge im September haben noch niemandem etwas gewonnen. Nur mal so als Erinnerung,
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.