Dortmunds Sieg gegen Bayern Wieder auf Jagd

Der BVB nimmt die Bayern-Verfolgung auf. Nach dem ersten Heimsieg gegen den Erzrivalen seit mehr als vier Jahren werden in Dortmund Erinnerungen an die Meistertitel wach. Das alte Selbstvertrauen ist zurück.

Pierre-Emerick Aubameyang
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Pierre-Emerick Aubameyang

Aus Dortmund berichtet


Es war ein tiefer, inbrünstiger Jubelschrei, den die schwarz-gelbe Masse in der Dortmunder Arena am Samstagabend in den dunklen Nachthimmel ausstieß. Stadionsprecher Norbert Dickel, der eigentlich gern laut brüllt, hauchte nach dem Abpfiff ein erlöstes "Jaaa!" in sein Mikrofon, Torhüter Roman Bürki sprach von einer "Riesenerleichterung", die ihn nach dem hart erkämpften 1:0-Sieg gegen den FC Bayern erfülle. Das Publikum sang "Oh wie ist das schön".

Euphorie war nur in Spuren vorhanden, vielmehr wehte ein Gefühl eines reinen, entspannten Glücks über die Tribünen. Überall umarmten sich Männer, das trockene Geräusch von Händen, die auf schwarz-gelbe Anoraks klopfen, erfüllte die Gänge des Stadions, und Hans-Joachim Watzke strahlte: "Definitiv ist ein Sieg über Bayern das Schönste überhaupt", sagte der Geschäftsführer von Borussia Dortmund.

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Es war nicht zu übersehen, dass der erste Heimsieg gegen den Rekordmeister seit viereinhalb Jahren für den BVB in seiner Tragweite über alle tabellarischen Wirkungen hinausgeht. Dortmund versank in einem wohligen Wir-sind-wieder-wer-Gefühl, und Sportdirektor Michael Zorc sagte: "Man hat heute den Geist gespürt, dieses Spiel unbedingt und mit allen Mitteln gewinnen zu wollen." Irgendwie schien der deutsche Meister der Jahre 2011 und 2012 sein altes Selbst wiederentdeckt zu haben.

Dortmund erfindet sich neu

Statt wie in den vergangenen Jahren so sein zu wollen wie die Bayern, statt einen ähnlich elaborierten Künstlerfußball spielen zu wollen, haben sie sich ungefähr 70 Minuten lang einer Rolle als Underdog hingegeben. "Wir haben sehr gelitten, aber unser Anspruch war, dass wir das aushalten", sagte Trainer Thomas Tuchel, der ganz offensichtlich selbst dazulernt in der Arbeit mit seiner jungen und unperfekten Mannschaft. Die Dortmunder sind immer noch dabei, sich neu zu erfinden, nachdem das brillant funktionierende Ensemble der Vorsaison durch diverse Spielerwechsel zerfallen ist. "Natürlich haben wir ein Bild von unserem Spiel im Kopf, wie das letztes Jahr ausgeschaut hat", sagte Tuchel, aber "es ist ein wichtiger Prozess, dieses Bild auch loszulassen, und einfach neu zu malen."

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Das neue BVB-Gemälde, das nun entsteht, orientiert sich nicht mehr an den großen Jahren des Josep Guardiola als Trainer des FC Barcelona und der Bayern. Es wirkt weniger ideologisch, und der Emanzipationsprozess von Tuchels Vorgänger Jürgen Klopp spielt ebenfalls keine Rolle mehr. Vielmehr gehören Elemente wie maximale Leidenschaft und Pragmatismus zu den Hauptmotiven des Werks.

Dortmund spielte 20 Minuten lang dominant, hatte in dieser Zeit viel Ballbesitz, und Pierre-Emerick Aubameyang schoss ein großartiges Tor. Vorbereitet vom starken Mario Götze, der damit erstmals seit seiner Rückkehr zum BVB direkt an einem Bundesligatreffer beteiligt war. An einem Tor, das eine Guardiola-artige Ballstafette krönte. Mitte der ersten Hälfte fand dann eine erstaunliche Metamorphose statt. Dortmund wurde zu einem tief stehenden Außenseiter, der Räume verknappte und konterte.

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Bundesliga: Aubameyang trifft per Grätsche

Diese Flexibilität, diese Fähigkeit, die Erfordernisse eines Spielverlaufs anzuerkennen und den eigenen Wunschfußball aufzugeben, ist neu. "Bayern hat besser gespielt als wir, war dominanter, wir haben nicht so eine hohe Ballbesitzquote gehabt, und die Passquote war nicht gut", räumte Zorc selbstkritisch ein. Gegen die Bayern der vergangenen Jahre wäre diese Schwäche vermutlich bestraft worden, nicht aber gegen das satt wirkende Münchner Team der Gegenwart, das keine Mittel findet, in engen Räumen Chancen zu kreieren.

34 Prozent Ballbesitz reichen

Götze spielte plötzlich ungewohnt defensiv, Dortmund überließ den Bayern den Ball. "Wir haben das in Kauf genommen, um uns nicht zu überfordern und um gefährlich zu bleiben", sagte Tuchel, dessen Team am Ende nur 34 Prozent Ballbesitz hatte. Mit einer ähnlichen Strategie haben schon Hoffenheim, Frankfurt und Köln Punkte gegen die Bayern geholt, nun setzte es die erste Niederlage für den Rekordmeister, die der BVB-Trainer auch als persönlichen Erfolg betrachten kann.

Nach diesem Sieg leuchte nun "ein weiterer Stern auf dem Revers" von Tuchel, sagte Watzke etwas umständlich, und der Fußballlehrer selbst sprach von einem "Meilenstein". Beide waren auch eine Stunde nach dem Abpfiff umgeben von einer Aura tiefen Glücks, denn jenseits der Ergebnisse und der Tabellenkonstellation brachte diese Partie eine sehr befriedigende Erkenntnis hervor: Bei aller Unvollkommenheit entwickelt sich Borussia Dortmund derzeit viel, viel schneller, als der behäbige Rekordmeister.



insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
franz.v.trotta 20.11.2016
1.
Wann wird Aubameyang das Bayern-Trikot überstreifen?
cave68 20.11.2016
2.
Zitat von franz.v.trottaWann wird Aubameyang das Bayern-Trikot überstreifen?
Es kann sich nur um einen Zeitraum zwischen 50-100 Millionen Euro handeln;-)
suburber 20.11.2016
3. Kirche im Dorf
Dass hier plötzlich davon gesprochen wird, dass die Bayerndominanz verschwunden sei, ist kompletter Unsinn. Ich bin zwar selbst Dortmund-Fan, aber nach 11 Spieltagen nicht mehr die beste Mannschaft der Liga zu sein, nachdem man es jahrelang war, und jetzt mal kurzfristig nur die Nummer 2 in der Liga zu sein, ist nicht wirklich eine schlechte Bilanz. Bitte, bitte, bitte mal die Kirch im Dorf lassen. Bayern hat keine Krise, Bayern ist nicht grottenschlecht oder sonstwas geworden. Sie sind in diesem Jahr eben nicht mehr permanent besser als alle Anderen sondern nur noch fast permanent besser als alle Anderen.
immerfroh 20.11.2016
4.
Zitat von suburberDass hier plötzlich davon gesprochen wird, dass die Bayerndominanz verschwunden sei, ist kompletter Unsinn. Ich bin zwar selbst Dortmund-Fan, aber nach 11 Spieltagen nicht mehr die beste Mannschaft der Liga zu sein, nachdem man es jahrelang war, und jetzt mal kurzfristig nur die Nummer 2 in der Liga zu sein, ist nicht wirklich eine schlechte Bilanz. Bitte, bitte, bitte mal die Kirch im Dorf lassen. Bayern hat keine Krise, Bayern ist nicht grottenschlecht oder sonstwas geworden. Sie sind in diesem Jahr eben nicht mehr permanent besser als alle Anderen sondern nur noch fast permanent besser als alle Anderen.
Genau, es ist der 11.Spieltag und Bayern hat mitnichten schon die Meisterschaft verspielt. Der Unterschied ist, dass sie es in diesem Jahr nicht so leicht haben werden. Was soll daran eine Krise sein ? Und das bisschen Häme müssen sie in ihrem miasanmia schon aushalten.
Joinme66 20.11.2016
5.
Zitat von suburberDass hier plötzlich davon gesprochen wird, dass die Bayerndominanz verschwunden sei, ist kompletter Unsinn. Ich bin zwar selbst Dortmund-Fan, aber nach 11 Spieltagen nicht mehr die beste Mannschaft der Liga zu sein, nachdem man es jahrelang war, und jetzt mal kurzfristig nur die Nummer 2 in der Liga zu sein, ist nicht wirklich eine schlechte Bilanz. Bitte, bitte, bitte mal die Kirch im Dorf lassen. Bayern hat keine Krise, Bayern ist nicht grottenschlecht oder sonstwas geworden. Sie sind in diesem Jahr eben nicht mehr permanent besser als alle Anderen sondern nur noch fast permanent besser als alle Anderen.
Gratulation an Deine Mannschaft und an dich, dass du ein normaler Fan bist und bleibst. Die anderen Artikel inklusive Forum kann man schon wieder vergessen. Da waren schon wieder die Polemiker und Theoretiker unterwegs. Übrigens die Bayerndominanz meiner Münchner ist mir seit Jahren völlig egal. Ich will nur guten Fußball sehen. Was ich gestern auch getan habe. Außerdem lebe ich nach dem Prinzip, dass der Bessere gewinnen soll, wenn es fair zugegangen ist. Das war dann gestern der BVB. Geld gewonnnen hab ich auch, da für mich persönlich schon vorgestern klar war, dass es in dieser Form gerade nix gegen Dortmund wird. Als Exspieler kann ich es verstehen wie schwer es ist vom System Pep (vermutlich sogar Philosophie) auf Ancelotti umzusteigen. Als Extrainer kann ich nur hoffen das es Ancelotti packt, denn für ihn ist es noch um ein vielfaches schwerer als für die Spieler. Auch wenn er mir sympathisch ist, er hätte nicht davon sprechen sollen das es mit dieser Mannschaft kein Problem für Pep ist, die Meisterschaft zu gewinnen. Davon sind sie gerade weit entfernt. Nicht weil es nun drei Punkte sind, sondern eben das alle Spieler noch den Pep-Fußball intus haben. Und der hatte sich extrem viel Wissen über die Bundesliga angeeignet. In den Medien leider immer belächelt und so ein wenig "veräppelt" war sein Wissen z.B. über den Super-super Trainer Streich aus Freiburg, halt einfach mal ehrlicher Respekt und eben eine wahre Tatsache. Ich wünsch mir zwar was anderes aber ich glaube Bayern wird auch das Spiel gegen Leipzig verlieren, außer Robben und Ribéry spielen in Höchstform mit. Das sind leider die einzigen beiden Profis die eh schon immer ihre eigene Philosophie spielten und deshalb Pep auch nicht erst abstreifen müssen.
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