Borussia Mönchengladbach Er wagt, gewinnt

Borussia Mönchengladbach ist die Überraschung der Bundesligasaison. Weil das Mittelfeld zu den besten der Liga gehört - und weil Dieter Hecking den taktischen Zeitgeist verstanden hat.
Von Tobias Escher
Borussia Mönchengladbachs Trainer Dieter Hecking

Borussia Mönchengladbachs Trainer Dieter Hecking

Foto: Lars Baron/ Bongarts/Getty Images

Es ist die 61. Minute im Spiel Borussia Mönchengladbach gegen den VfB Stuttgart. Sechzig Minuten lang war Gladbach gegen eine Betondefensive angerannt. Sechzig Minuten, in denen sie immer wieder über das Zentrum angriffen, über 400 Pässe spielten, 70 Prozent Ballbesitz sammelten - und doch kein Tor erzielten.

Nun hebt der Vierte Offizielle die Anzeigetafel, Dieter Hecking will wechseln. Er lässt die Fans ratlos zurück. Es gingen Stürmer-Star Alassane Pléa und der körperlich robuste Denis Zakaria, die Techniker Raffael und Florian Neuhaus kamen. Die Fans hatten mit einer Systemumstellung gerechnet, oder dass man nun vermehrt auf hohe Bälle setzt. Hecking wollte jedoch nicht mehr Wucht, keine neue Strategie - sondern er wagte noch mehr Fußball.

Das Ergebnis gibt ihm recht. 3:0 gewannen die Borussen am Ende, alle drei Tore schön herausgespielt unter der Beteiligung der eingewechselten Neuhaus und Raffael. Offensiv spielen, die spielerische Lösung wagen: Dafür steht Gladbach in dieser Saison. Das Team symbolisiert damit einen Trend, der sich in der gesamten Bundesliga durchsetzt.

Schauen wir zurück: 2,71 Tore fielen in der vergangenen Saison durchschnittlich pro Spiel. Das war der siebtniedrigste Wert in der 55-jährigen Geschichte der Fußball-Bundesliga. Vizemeister Schalke machte es vor: Hinten zu null spielen, vorne per Konter oder Standard treffen - so feierte man in der Liga Erfolge.

In dieser Saison schlägt das Pendel in die entgegengesetzte Richtung. 3,1 Tore fallen aktuell pro Partie, das ist der zweithöchste Wert der vergangenen dreißig Jahre. Offensivfußball ist wieder angesagt. Kein Wunder: Wenn die meisten Teams auf eine kompakte Defensive setzen, ist derjenige König, der diese kompakten Defensiven zu knacken weiß. Eintracht Frankfurt, Werder Bremen, allen voran natürlich Borussia Dortmund: Sie haben in der Sommerpause das Angreifen gepaukt.

Und Borussia Mönchengladbach. Mit 31 Treffern tragen sie maßgeblich zur Torflut der Liga bei. In Gladbach zeigt sich diese neue Spielfreude vor allem im Mittelfeld. Dieter Hecking hätte alle Möglichkeiten, ein defensiv stabiles Mittelfeld aufzustellen. Weltmeister Christoph Kramer als Dauerläufer und Balljäger etwa, oder Denis Zakaria als physisch starker Achter. Nach der herrschenden Lehrmeinung sollte mindestens einer der beiden Lauf- und Kampfspieler im zentralen Mittelfeld auflaufen.

Hecking wählte einen anderen Weg. Sein Stamm-Mittelfeld hat die Stärken nicht im Spiel gegen, sondern mit dem Ball. Sechser Tobias Strobl überzeugt als Stratege vor der Abwehr. Er löst viele Szenen mit seinem Auge, hat den Blick für den freien Mitspieler, antizipiert Pässe, bevor sie gespielt werden. Florian Neuhaus und Jonas Hofmann beeindrucken wiederum mit ihrer Technik: Auch unter höchstem Druck bewahren sie Ruhe und Übersicht.

Die entscheidende Fähigkeit, die Gladbachs Mittelfeld auszeichnet: Sie können blitzschnell die Richtung wechseln. "Aufdrehen" nennt sich diese Fähigkeit auf Fußball-Neudeutsch: sich mit dem Ball am Fuß Richtung Tor drehen. Hofmann und Neuhaus schauen sich ständig um, vergewissern sich, wo sich freie Räume befinden. In diese stoßen sie sofort mit dem Ball vor.

Gladbachs spielstarkes Mittelfeld befreit die Angreifer. Thorgan Hazard muss sich nicht mehr im zentralen Mittelfeld aushelfen, wie es häufig in der Vergangenheit der Fall war. Er kann aus höherer Position direkt in Richtung Tor ziehen. Mit acht Treffern und sechs Vorlagen hat er bereits jetzt seine persönliche Saison-Bestmarke geknackt. Stürmer Pléa (acht Tore) wiederum erhält genau die Zuspiele, die ein Stürmer benötigt.

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Wie wichtig ein Spieler für eine Mannschaft ist, zeigt sich erst, wenn er fehlt. Genau diese Misere erlebt Gladbach zurzeit: Ohne Hofmann gelang es dem Team bei der 0:2-Niederlage gegen RB Leipzig nicht, das gegnerische Pressing zu umspielen. Und beim 3:0-Erfolg gegen den VfB Stuttgart konnte Gladbach die eigene Dominanz erst dann in Tore ummünzen, als Neuhaus ins Spiel kam. Er legte ein Tor auf und bereitete ein weiteres vor.

Der SPIX unterstreicht diese Abhängigkeit: Gegen Gladbach war Zakarias Wert (21) sehr viel schwächer als jener von Strobl (93). Den höchsten Durchschnittswert dieser Saison erreicht Hofmann (69). Er wird allerdings wahrscheinlich erst zum Ende der Hinrunde wieder zum Einsatz kommen. Das ist ein Grund, warum Träume von einer Gladbacher Meisterschaft vermessen scheinen.

Ihre zweite Schwachstelle: Auswärts können die Gladbacher ihren Stil nicht so durchsetzen wie im heimischen Borussia-Park. Zu Hause gewannen sie alle sieben Partien (21:3 Tore), auswärts holten sie nur acht Punkte (12:13 Tore). Dort trauen sich ihre Gegner mehr zu, stören die Gladbacher früher. Wenn der Gegner Gladbachs Innenverteidiger angeht, können sie den Ball nicht ins Mittelfeld spielen. Dann gelingt es Gladbach nicht, den Rhythmus einer Partie zu kontrollieren. Durchschnittlich haben sie auswärts fünf Prozent weniger Ballbesitz.

Auf Fragen zur Meisterschaft reagiert Hecking dementsprechend gereizt . "Wir wollen nicht als Titelkandidat, sondern als die Mannschaft gelten, die weiter Woche für Woche erfolgreich Fußball spielen möchte." Am Wochenende werden sie genau das versuchen. Dann haben sie die Chance, in Hoffenheim ihre Auswärtsbilanz aufzubessern. Ob ihnen das gelingt? Wer weiß. Aber zumindest wird Gladbach auch an diesem Tag wieder versuchen, schönen Fußball zu zeigen.

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