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Gladbacher Gala gegen Bern Wie ein Abendspaziergang im Sommer

Borussia Mönchengladbach hat sich mit einer eindrucksvollen Leistung für die Champions League qualifiziert. Die Mannschaft von Trainer André Schubert wirkt jetzt bereits eingespielt und gereift.

Cristiano Ronaldo kann froh sein, dass das Regelwerk der Champions League die Playoff-Spiele nicht zum offiziellen Teil dieses Wettbewerbs zählt. Andernfalls "hätte Cristiano es schwer, wieder Torschützenkönig zu werden", scherzte Christoph Kramer am Mittwochabend, "denn Raffael hat jetzt erstmal fünf vorgelegt."

Fünf Tore, die nicht einfließen werden in die Wertung der besten Torjäger des Klubfußballs, aber das war den Fußballern von Borussia Mönchengladbach natürlich vollkommen egal nach dem leichtfüßigen 6:1-Erfolg über Young Boys Bern. In einem Fußballspiel, das wirkte wie ein sommerlicher Abendspaziergang, haben sie eines der wichtigsten Saisonziele, die Gruppenphase der Champions League, erreicht.

Drei Tore hatte Thorgan Hazard erzielt, die anderen drei waren Raffael gelungen, und weil der Brasilianer schon zwei Treffer zum 3:1-Hinspielsieg beigesteuert hatte, wurde der 31-Jährige zur Hauptfigur dieser Playoffs. Zumal er zwei der Hazard-Tore vorbereitet hatte.

Der schweigsame Mann mit dem meist leicht traurigen Blick ist brillant in Form, "er spürt Fußball, er fühlt Fußball, ich glaube, er fühlt sich unheimlich wohl, und das zeigt er auf dem Platz", schwärmte Sportdirektor Max Eberl.

Raffaels Form als Seismograph für die Stimmung

Das ist eine gute Nachricht, denn Raffael kann als Seismograph für den inneren Zustand seiner Mannschaften betrachtet werden. Wenn das Gefüge funktioniert, wenn die Stimmung gut und das gegenseitige Vertrauen groß ist, dann spielt er meist besonders zauberhaft. So gesehen könnten die Gladbacher, die am Samstag gegen Bayer Leverkusen in die Liga starten, voller Zuversicht auf die kommenden Monate blicken.

Selten erscheinen Bundesligisten in der letzten Augustwoche, wenn noch die letzten Transfers abgewickelt werden können und fast überall eine gewisse Unsicherheit über den eigenen Leistungsstand kursiert, derart aufgeräumt. Die Mannschaft steht, sie funktioniert, sie wirkt eingespielt und erstaunlich reif. Kein Wunder, dass Eberl nach dem Abpfiff strahlte.

Die Qualifikation für die Gruppenphase beschert dem Sportdirektor je nach Verlauf 25 bis 35 Millionen Euro, und viele Kollegen, deren Klubs die Playoffs überstanden haben, werden diese Summen in den kommenden Tagen noch hektisch in Verstärkungen investieren.

Imposante Leichtigkeit des Offensivspiels

Das Gladbacher Team hingegen steht. Es werde weder weitere Zugänge noch Verkäufe geben, "zum zweiten mal in Folge die Gruppenphase erreicht zu haben, ist sportlich mindestens genauso viel wert wie Bayern Münchens vier Meisterschaften in Folge", erklärte Eberl und behauptete: "Das Geld ist mir gerade scheißegal."

Natürlich werden bald die Tage kommen, an denen er sich über die Einnahmen freut, aber im Moment überwiegt in Mönchengladbach tatsächlich die Freude an einer beeindruckenden Fußballmannschaft. Gut, Young Boys Bern war kein Gegner, der besonders viel Widerstand leistete, nach dem 1:3 im Hinspiel und Hazards frühem 1:0 am Mittwoch versuchten die Schweizer praktisch nur noch, die Sache irgendwie hinter sich zu bringen.

Aber die Leichtigkeit des Gladbacher Offensivspiels war imposant. Es gebe "nicht viele Mannschaften, die den Ball so laufen lassen können, und dann sieht es so aus, wie es aussah", sagte Kramer, und wer die Geschichte des Mittelfeldspielers kennt, kann einen verborgenen Seitenhieb auf Bayer Leverkusen in diesen Sätzen finden.

Heimkehrer Kramer wirkt heilfroh

Kramer spielte im vorigen Jahr für den Werksklub, wo weniger gepflegt kombiniert und stattdessen im Mittelfeld ständig um zweite Bälle gekämpft werden musste. Er ist heilfroh, nach einem Jahr in Leverkusen zurück zu sein bei der Borussia, die in der Zeit seiner Abwesenheit unter dem Trainer André Schubert zu einer erstaunlichen Offensivspektakel-Mannschaft avancierte.

Schubert ist ja immer wieder kritisiert worden, weil er eher kühl wirkt, die Sympathien fliegen ihm nicht so zu wie seinen geradezu kultisch verehrten Vorgängern Lucien Favre oder Hans Meyer. Aber sein sportliches Werk ist erstaunlich.

Im Moment gibt es keinen amtierenden Bundesligatrainer mit einem besseren Punkteschnitt in der Liga, und viele Gladbacher Spiele sind aufregend oder gar mitreißend. Die Dreierkette entpuppt sich mehr und mehr als ideales System für diesen mit zahlreichen Außenbahnspielern bestückten Kader, und kaum ein Konkurrent kann derart sorglos Spieler in die erste Elf hinein und wieder hinausrotieren, ohne dass Qualität verloren geht.

"Das ist eine Mannschaft, die im vergangenen Jahr gewachsen und gereift ist", sagte Eberl und wunderte sich ein wenig, dass seine Borussia bei der Auslosung der Gruppenphase nun sogar aus Topf 4 der schwächsten Teams in Topf 3 aufgestiegen ist.

Die Entwicklung dieses Klubs verläuft rasant, auch wenn am Ende wohl kein Gladbacher Cristiano Ronaldo seinen führenden Platz als König der Torjäger streitig machen wird. Aber der Achtelfinaleinzug ist dieser Mannschaft zweifellos zuzutrauen.