Peter Ahrens

Gladbach gegen Real Mein erstes Mal

Borussia Mönchengladbach spielt am Abend gegen Real Madrid - so wie sie schon vor 44 Jahren aufeinandertrafen. Für unseren Autor ein ganz besonderer Abend.
Gladbachs Hans-Jürgen Wittkamp traf mit dem Hinterkopf gegen Real Madrid - so erzählte man es mir jedenfalls später

Gladbachs Hans-Jürgen Wittkamp traf mit dem Hinterkopf gegen Real Madrid - so erzählte man es mir jedenfalls später

Foto: Horstmüller / imago images

Mit neun Jahren lernte ich den großen Fußball kennen. Er war ungefähr 1,90 Meter groß, männlich und versperrte mir die Sicht. An diesem kalten Abend des 3. März 1976 spielten Borussia Mönchengladbach und Real Madrid im Europapokal der Landesmeister gegeneinander, welch eine große Nummer. Ich war das allererste Mal in meinem Leben in einem so gewaltigen Fußballstadion, und ich sah - nichts.

Borussia Mönchengladbach ist ein Verein, der viele Jahre dazu verleitet hat, in der Vergangenheit zu leben. Die größten Erfolge der Borussia sind schließlich mittlerweile gut 40 Jahre her, ein Gutteil seiner Fans ist aus dieser Zeit und mit den dann folgenden Aufs und Abs des Vereins gealtert. Ich bin einer davon.

Am Abend spielt die Borussia in der Champions League wieder gegen Real, allein das ist Beleg, dass es dem Klub so gut geht wie lange nicht. Und als ob auch eine höhere Macht ein schwarz-grünes Herz hätte, hat sie dem Verein mit Inter Mailand und Real Madrid zwei Teams in der Gruppenphase zugeordnet, die unauflöslich zur Vereinsbiografie gehören. Wenn man sich noch so sehr gegen diese nostalgische und viele außerhalb Mönchengladbachs nur noch nervende Verklärung der Netzer-Wimmer-Heynckes-Weisweiler-Jahre mit den fliegenden Haaren aus der Tiefe des Raumes wehren mag, so wenig kann man ihr in diesem Herbst 2020 entrinnen.

Mit dem Reisebus aus Ostwestfalen

Mit dem Spiel gegen Inter Mailand von vor einer Woche ist der Büchsenwurf auf Roberto Boninsegna schon mal abgehakt, 1971 war ich noch zu klein, um das Drama um die Coladose am Bökelberg angemessen zu würdigen. Fünf Jahre später aber war ich schon ein kleiner Erfolgsfan. Mit dem einzigen Makel - bisher kannte ich die Borussia nur aus der Sportschau und aus der WDR2-Konferenz mit Kurt Brumme. Aber an diesem Mittwochabend kutschierte ein Reisebus aus Ostwestfalen ins Rheinland nach Düsseldorf, wo die Borussia ihre Europapokalheimspiele austrug. An Bord: mein Vater und ich.

Mein allererstes Fußballspiel, das einzige Kind im Bus unter Männern, das einzige Kind auch später im Zuschauerblock. Und mein Vater war vom vielen Hochheben seines Sohnes auf der Stehtribüne schon zum Anpfiff so müde, dass er während des Spiels seine Ressourcen anderweitig einsetzen musste. Er brauchte seine Arme schließlich zum Jubeln: Henning Jensen, der gern unterschätzte zweite Däne im Team neben dem großen kleinen Allan Simonsen, hatte schon nach zwei Minuten zum 1:0 getroffen. Ich habe auch von diesem Tor nichts mitbekommen, umringt von all den großen jauchzenden Männern um mich herum, aber ich weiß noch, dass sich mir eine freie Sichtachse auf die Anzeigetafel eröffnete. Und eines der Bilder, die ich vom Fußball bis zum heutigen Tag abrufen kann, ist der Blick von schräg unten zwischen den hochspringenden Männern hindurch auf die mir riesig erscheinende Anzeigetafel des Düsseldorfer Rheinstadions, auf der aufleuchtet: 2:0 Wittkamp (27. Minute).

Eine Gladbacher 2:0-Führung gegen Real Madrid, das war damals ähnlich sensationell, wie es das heute wäre. Real Madrid, was für ein Klub, der Präsident war damals noch Santiago Bernabeu, den kennen die heutigen Menschen nur noch als Stadion. Real mit dem Denkmal Pirri als Kapitän, mit den schlitzohrigen Benito und Camacho in der Abwehr, mit Vicente Del Bosque im Mittelfeld, mit Paul Breitner - und natürlich mit Günter Netzer. Der doch eigentlich in das andere Trikot gehört hätte. Drei Jahre zuvor hatte er der Borussia den Rücken gekehrt, nachdem er ihr noch den Pokalsieg beschert hatte. Und jetzt trug dieser Günter Netzer das blauschwarze Auswärtsdress der Madrilenen. Wie gut, dass ich das dank der 1,90-Männer um mich nicht mitansehen musste.

Real drehte das Spiel noch auf Unentschieden

Ansehen musste ich allerdings, wie sich die Einträge auf der Anzeigetafel im Lauf des Spiels veränderten: Roberto Martinez und Pirri brachten Real auf den Endstand von 2:2. Trotzdem: ein Unentschieden gegen Real Madrid im Europapokal, nicht so schlecht für ein erstes Fußballspiel. Die lokale Alternative wäre der 1. FC Paderborn gegen den SVA Gütersloh oder den SC Herford in der Verbandsliga West gewesen. Nichts gegen den 1. FC Paderborn, aber die Local Heroes Alois Fortkord und Michael Vanderfeesten jener Tage waren dann doch im Vergleich zu Jupp Heynckes und Rainer Bonhof keine echte Option.

Noch nachts ging es wieder zurück im Bus, um mich herum kursierte der Apfelkorn, ich habe keine Ahnung, wie das damals mit der Schulpflicht geregelt war, es waren jedenfalls keine Ferien, im Zweifelsfall habe ich am nächsten Tag mit einer fadenscheinigen Ausrede gefehlt, die nachträgliche Entschuldigung an das nordrhein-westfälische Bildungsministerium ist hiermit ausgesprochen.

Gladbachs Uli Stielike schickt dem Schiedsrichter Leonardus van der Kroft noch ein paar freundliche Worte hinterher

Gladbachs Uli Stielike schickt dem Schiedsrichter Leonardus van der Kroft noch ein paar freundliche Worte hinterher

Foto: imago

Über das Rückspiel in Madrid zwei Wochen später vor sagenhaften 120.000 Zuschauern soll hier der Mantel der Nächstenliebe ausgebreitet werden. Wie bei Asterix die Gallier stets betonen: "Ich kenne kein Alesia", weil sie dort eine historische Niederlage gegen die Römer bezogen hatten, heißt die Gladbacher Variante: "Ich kenne keinen Leonardus van der Kroft." Der niederländische Schiedsrichter, der im Rückspiel beim Stand von 1:1 zwei reguläre Treffer der Borussia aberkannte und danach international nie mehr schiedsen durfte, ist sozusagen der lebende Büchsenwurf dieses Duells gewesen. Gladbach schied aus, und ich lernte fürs Leben: Fußball nimmt auch deswegen so viele Menschen emotional mit, weil er so ungerecht ist.

Es dauerte neun Jahre des schmerzlichen Aufarbeitens, bis die Borussia im Europapokal noch einmal auf Madrid traf: 1985 kreuzten sich die Wege im Uefa-Cup, Jupp Henyckes war mittlerweile der Gladbacher Trainer. Im Hinspiel, wieder in Düsseldorf, nahm das Team grausame Rache an den Spaniern: 5:1. Frank Mill, Uwe Rahn, Ewald Lienen, es war ein einziges Fest, rauschhaft, die Stimme von Livekommentator Heribert Fassbender überschlug sich.

Aber wie fast bei jedem Fest kommt danach der Kopfschmerz. Genauer gesagt: Bei mir war es eine Grippe, die mich rechtzeitig zum Rückspiel in Madrid ereilte. Mit 40 Grad Fieber durfte ich vorm Fernsehen miterleben, wie Real den Spieß umdrehte: zwei Tore vor der Pause, zwei danach. 4:0, wieder ein Alesia. Und bei Heynckes reifte an diesem Abend womöglich die Idee, dass er wohl besser Trainer in Madrid werden sollte, wenn er mal den Europapokal gewinnen will.

Heute Abend kommt es zur dritten Auflage. Nur so als Tipp: Kein Borussenfan sollte sich vor dem Rückspiel in Madrid anfangen zu freuen. Gladbach gegen Real Madrid - da liegt kein Segen drauf.