kicker.tv

Gladbach-Sieg gegen Augsburg Krachender Akt der Befreiung

Borussia Mönchengladbach kann doch noch gewinnen - und wie! Gegen Augsburg führte das Team schon nach 20 Minuten 4:0 und feierte einen souveränen Sieg. Daran hat auch der zurückgetretene Trainer Lucien Favre seinen Anteil.

Manchmal werden im Fußball Kräfte freigesetzt, die ungefähr so unerwartet und wuchtig auftreten wie ein schweres Erdbeben. Ein imposantes Beispiel dafür ist Robert Lewandowskis magische Fünf-Tore-Show vom Dienstagabend; auch die erste Halbzeit des 7:1 der deutschen Nationalmannschaft gegen Brasilien bei der WM im vorigen Jahr war ein Fußballmoment der totalen Entfesselung. Am Mittwochabend erlebten nun die Menschen im Mönchengladbacher Borussia-Park solch einen Rausch der Befreiung beim 4:2-Sieg des Heim-Teams gegen den FC Augsburg.

"Unglaublich, was da abgegangen ist", staunte Gladbachs Sportdirektor Max Eberl nach einer Spielhälfte mit maximalem Euphorieausschlag. In den ersten 20 Minuten spielte die Borussia, als wolle sie all die versäumten Glücksgefühle des fürchterlichen Saisonbeginns auf einmal nachholen. Nach zwei Minuten hatte der glänzend spielende Mahmoud Dahoud eine erste gut herausgespielte Torchance, nach fünf Minuten traf Fabian Johnson zum 1:0 und zwischen der 17. und der 21. Minute veranstalteten die Gladbacher tatsächlich eine Art Robert-Lewandowski-Gedächtnis-Spiel: Jeder Schuss ein Treffer.

Granit Xhaka, Lars Stindl und Dahoud schufen innerhalb von vier Minuten eine komfortable 4:0-Führung. Die Menschen lagen sich in den Armen, fast überall im Stadion sah man glückliche Gesichter. Und Raffael, der Mann, von dem manche glaubten, er könne nur unter Ex-Trainer Lucien Favre gut spielen, bereitete alle vier Treffer vor. Es war ein krachender Akt der Befreiung. Wobei diese Befreiung bei etwas genauerer Betrachtung auch zum Nachdenken anregte.

Fotostrecke

Bundesliga: Fast wie Lewandowski

Foto: INA FASSBENDER/ REUTERS

Denn bis zu dieser erstaunlichen ersten Halbzeit hatte niemand gedacht, dass der Rücktritt von Favre, den außer dem Trainer niemand gewollt hatte, in ein Gefühl der Befreiung gipfeln könnte. Vor der Partie gab es noch einen traurigen Abschiedsapplaus, als die Videoleinwände ein Bild des Schweizer Trainers zeigten, über dem "Merci Lucien" stand. Der Abschiedsschmerz ist noch längst nicht verklungen. Dass nun ausgerechnet eine Trennung von diesem so sehr geschätzten Trainer solch einen Effekt hatte, ist überaus erstaunlich.

Statistiker haben ja nach der Auswertung von Hunderten von Trainerwechseln festgestellt, dass mit einem neuen Fußball-Lehrer die Wahrscheinlichkeit ein Spiel zu gewinnen keineswegs steigt. Dieser Rücktritt lieferte nun ein aufregendes Gegenbeispiel. Xhaka, der Tony Jantschke als Kapitän vertreten durfte, erklärte, was neu war: "Wir haben noch das Favre-Spiel im Kopf, aber André Schubert hat uns gesagt, dass wir auch Fehler machen dürfen", sagte der Schweizer Mittelfeldspieler.

Angst vor Fehlern wurde zum lähmenden Faktor

Unter dem Perfektionisten aus der Schweiz hatte sich die Angst vor Missgeschicken offenbar zu einem lähmenden Faktor entwickelt. Der ewige Vergleich mit der Spielweise der Vorsaison hat alle frustriert und gehemmt. Das hat Interimstrainer Schubert dem Team abgewöhnt. Insofern war es falsche Bescheidenheit, als der Coach sagte, nicht er, "sondern die Mannschaft" habe diese Verwandlung zu verantworten.

Im Video: André Schuberts Lob an die Mannschaft

kicker.tv

"Was sie investiert haben, mit was für einer Power und Leidenschaft sie gespielt haben, das war gut", sagte Schubert, und lobte "wie sachlich und selbstkritisch" die Spieler nach dem Trainer-Schock darüber nachgedacht haben, "was besser gemacht werden kann".

Schubert hat die richtige Balance aus Zuhören, taktischer Feinjustierung, emotionaler Ansprache und Erhalt zentraler Favre-Prinzipien gefunden. "André hat es ein stückweit geschafft, die Jungs frei zu machen", sagte Eberl, der dann eine zweite Halbzeit erlebte, in der der FC Augsburg begann sich zu wehren.

Mit zwei verwandelten Elfmetern von Paul Verhaegh kamen die Gäste sogar noch einmal ins Spiel zurück. Die Reaktion der Gladbacher auf diese Gegentreffer zeugte dann aber von Reife und nährte die Hoffnung auf eine gewisse Stabilität des Umschwungs. In dieser Phase, in der plötzlich ein guter Nährboden für einen erneuten Ausbruch der Angst vorhanden war, ließen die Gladbacher sich nicht einschüchtern. Sie wehrten sich und versuchten nicht nur ihren Vorsprung zu verteidigen, sondern griffen weiter an. Es gab Latten- und Pfosten-Treffer.

"Wir haben endlich wieder die Borussia aus der vergangenen Saison gesehen", sagte Gladbachs Offensivspieler Patrick Herrmann. Dass dazu ein Rücktritt von Favre nötig war, bleibt das wohl größte Rätsel dieser ersten Saisonphase.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.