Mönchengladbachs Thuram Der fast perfekte Stürmer

Gegen die AS Rom war Marcus Thuram wieder mal der Matchwinner - und zeigte erneut, wie vielseitig er ist. Trainer Marco Rose sieht aber noch Verbesserungspotenzial bei seinem Stürmer.

Marcus Thuram, 22 Jahre, aktuell der Topstar beim Bundesliga-Tabellenführer aus Gladbach
SASCHA STEINBACH/EPA-EFE/REX

Marcus Thuram, 22 Jahre, aktuell der Topstar beim Bundesliga-Tabellenführer aus Gladbach

Aus Mönchengladbach berichtet


Kurz vor Anpfiff der zweiten Hälfte, die Spieler der AS Rom hatten sich gerade noch mal kurz und intensiv warmgelaufen, stand ein einziger Gladbacher am Mittelpunkt. Er wartete schon da, als seine Mitspieler den Rasen erst betraten. Marcus Thuram war längst bereit.

Es gibt viele Szenen des Angreifers, die von diesem emotionalen Europa-League-Abend in Mönchengladbach in Erinnerung bleiben. Thurams Hereingabe vor dem Eigentor zur Führung, sein Treffer zum 2:1 (2:1)-Endstand, durch den Borussia Mönchengladbach nach drei sieglosen Spielen in der Gruppenphase nun doch gute Chancen auf die K.-o.-Phase hat. Natürlich auch der ausgelassene Jubel. Aber dieser kurze Moment in der Halbzeit bringt den derzeitigen Status des 22-Jährigen bei der Borussia auf den Punkt: Thuram geht voran. Und die Mannschaft folgt.

Im Sommer kam Thuram für eine Ablöse von etwa zehn Millionen Euro vom französischen Erstligisten Guingamp zum Bundesligisten, der aktuell die erste Liga anführt. Er brauchte nur wenige Partien, um sich einzugewöhnen, jetzt hat er in den vergangenen zehn Pflichtspielen sieben Tore erzielt und vier vorbereitet.

Seine Zahlen sind beeindruckend, sein Spiel ist es auch: Rund vier Minuten nachdem Thuram ungeduldig auf den Anstoß zur zweiten Hälfte gewartet hatte, zeigte er in nur einem Angriff mehrere Stärken. Einen langen hohen Pass von Torwart Yann Sommer leitete der Franzose zu Lars Stindl weiter. Wenig später kam Thuram an der Strafraumkante erneut an den Ball, zog mit einer schnellen Bewegung vorbei an Chris Smalling und schloss ab. Erst Federico Fazio blockte den Schuss (48. Minute).

Thuram vereint mehrere Spielertypen

Thuram ist ein außergewöhnlicher Spieler, weil er Qualitäten vereint, die unterschiedliche Spielertypen ausmachen. Er ist groß und körperlich stark, gleichzeitig sehr beweglich, schnell, technisch gut. "Ich will nicht sagen, er kann alles, aber er kann vieles", sagte Jonas Hofmann nach dem Spiel. Durch seine Flexibilität ist Thuram auf dem Flügel und auch zentral im Sturm stark, kann lange Bälle festmachen oder weiterleiten, aber auch in die Tiefe gehen und Pässe erlaufen.

Das macht es selbst den eigenen Mitspielern in der Absprache manchmal noch schwer. Mit Florian Neuhaus gab es gegen Rom Missverständnisse, wenn dieser einen Ball in die Tiefe passte, den Thuram gar nicht erlief. "Wir reden viel im Training, wollen Abläufe reinbekommen", sagte der Mittelfeldspieler: "Ich glaube, dass das immer besser wird."

Trainer Marco Rose will mit Thuram noch an seinem Kopfballspiel arbeiten
SASCHA STEINBACH/EPA-EFE/REX

Trainer Marco Rose will mit Thuram noch an seinem Kopfballspiel arbeiten

Vor dem Tor zum 1:0 klappte es gut. Thuram legte auf Neuhaus ab, der dem Franzosen in den Lauf spielte. Thuram verschleppte erst das Tempo und zog dann plötzlich wieder an, ging so an Smalling vorbei, bevor Fazio seine scharfe Hereingabe ins eigene Tor lenkte (35.). In der fünften Minute der Nachspielzeit demonstrierte er dann auch noch seine Torgefahr, als er nach Vorarbeit des eingewechselten Alassane Pléa per Kopf zum Sieg traf.

Rose: "Wir können an allem noch arbeiten"

War das die Leistung eines perfekten Stürmers? Noch nicht. In der zweiten Hälfte tauchte Thuram nach gutem Start ab. Er bekam weniger Bälle, war nicht so abgeklärt wie vor der Pause, nicht mehr so agil und rannte sich nun doch mal fest. Es war die Phase, in der auch sein Team offensiv fast gar nicht mehr präsent war.

"Er ist ein junger Kerl, wir können an allem noch arbeiten", sagte Trainer Marco Rose und griff dann doch einen Verbesserungspunkt explizit heraus: ausgerechnet Thurams Kopfballspiel. "Aber heute hat er einen reingemacht, also ist er auch dort auf einem ganz guten Weg."

Es war Thurams drittes Tor per Kopf in dieser Saison. Aber tatsächlich deuteten sich gegen Rom trotz seiner Größe von 1,92 Metern Schwächen im Kopfballspiel an. In der ersten Hälfte verlor er bei einer Ecke der Gäste am kurzen Pfosten das Duell gegen Nicolò Zaniolo. Auch offensiv passte sein Timing nicht immer. In der Schlussphase beging er gleich bei zwei eigenen Ecken ein Foulspiel und verschenkte Gelegenheiten. Als er in der Nachspielzeit unbedrängt abschließen konnte, war sein Kopfball aber präzise.

Trotz Schwächen im Kopfballspiel: Thurams Tor in der Nachspielzeit war sein dritter Saisontreffer per Kopf
Federico Gambarini/dpa

Trotz Schwächen im Kopfballspiel: Thurams Tor in der Nachspielzeit war sein dritter Saisontreffer per Kopf

Minuten später, nach dem Schlusspfiff, sprang Thuram vor Freude über den Platz. Dann hängte er sein Trikot auf die Eckfahne, hielt sie vor der Kurve in die Luft. Ein Jubel, der langsam zur Tradition wird, schon seit dem Derbysieg gegen Köln.

Irgendwann kam Thuram zur Ruhe: Über eine Stunde nach Abpfiff, um kurz nach Mitternacht, als die letzten Journalisten immer noch vergeblich auf den Mann des Abends warteten, saß er in der Kabine, als letzter Spieler, nur Vereinsmitarbeiter waren noch da. So erzählte es einer von ihnen.

Thuram habe sein Handy in der Hand gehabt. Gut möglich, dass auch sein Vater sich bereits gemeldet hatte: Lilian Thuram, Frankreichs Weltmeister von 1998. Dieser rufe ihn nach jedem Spiel an, sei neben sich selbst sein größter Kritiker, sagte Thuram im August der "Rheinischen Post".

Diesmal dürfte sich die Kritik besonders auf die zweite Hälfte beziehen, vielleicht auch auf das Kopfballspiel. Wenn er das aber noch verbessert, dann ist Thuram wirklich nah dran am perfekten Stürmer.

Borussia Mönchengladbach - AS Roma 2:1 (1:0)
1:0 Fazio (35., Eigentor)
1:1 Fazio (64.)
2:1 Thuram (90.+4)
Gladbach: Sommer - Jantschke (28. Hofmann), Ginter, Elvedi - Lainer, Bénes, Zakaria, Neuhaus (74. Pléa), Wendt (85. Bensebaini) - Stindl, Thuram
Rom: López - Santon, Smalling, Fazio, Kolarov - Veretout, Mancini (59. Diawara), Zaniolo (77. Ünder) , Pastore (80. Perotti), Kluivert - Dzeko
Schiedsrichter: Jesús Gil Manzano
Gelbe Karten: Benes, Bensebaini / Mancini, Santon, Diawara
Zuschauer: 44.500



insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
ambergris 08.11.2019
1.
Ja, da ist jemand der in 1-2 Jahren für 80 Millionen Euro verkauft wird. Mal wieder ein guter Einkauf.
hokuspokusschwarzekatze 08.11.2019
2. furchtbares Spiel
ich habe nach der Halbzeit umgeschaltet furchtbar was Gladbach da teilweise gespielt hat man hatte das gefühl das 70% des Spiels nur aus Querpässen vorm eigenen 16ner und Rückgaben zum Torwart besteht. auch vorne ist viel zu viel klein-klein gespielt worden und man hat die besten Möglichkeiten vertändelt
bimat 08.11.2019
3. Gladbach hat auch nicht ...
Zitat von hokuspokusschwarzekatzeich habe nach der Halbzeit umgeschaltet furchtbar was Gladbach da teilweise gespielt hat man hatte das gefühl das 70% des Spiels nur aus Querpässen vorm eigenen 16ner und Rückgaben zum Torwart besteht. auch vorne ist viel zu viel klein-klein gespielt worden und man hat die besten Möglichkeiten vertändelt
... gegen einen Kreisligisten gespielt sondern gegen den Tabellendritten der Serie A, mit einer Niederlage in 11 Spielen. Die warten nur drauf, dass Gladbach so spielt, wie Sie's als Trainer würden spielen lassen.
telarien 08.11.2019
4. @#2
Also ich habe da speziell in der ersten Halbzeit ein sehr gutes Spiel gesehen. Zwei Mannschaften, die sehr hoch gepresst haben, Gladbach hatte viele Balleroberungen, Es wurde flüssig kombiniert. Gut, der letzte Pass kam nicht immer an, im Strafraum hat man zu kompliziert gespielt. Lag aber auch an starken Römern, die dann in Hälfte 2 ziemlich nah an einer Führung waren. Gladbach kam in der Schlussphase dann wieder besser ins Spiel und hatte das Quäntchen Glück. Wenn Sie das Spiel langweilig fanden, schauen Sie den falschen Sport.
argonaut-10 08.11.2019
5. Einfach schön
wie Gladbach im Moment spielt. Ja... es gibt noch viel zu verbessern und ja... nicht alle Automatismen greifen bereits. Aber was dieses Team an Willen hat, ist die erste Grundvoraussetzung, um ein Spiel positiv zu gestalten. Stindl hat mir das Spiel gestern zu oft abgebremst. Die anderen sind aber wirklich wild unterwegs und auch in der Rückwärtsbewegung passt Vieles. Ich kann nur hoffen, dass am Ende der Saison nicht wieder einige Leistungsträger verkauft werden müssen, beispielsweise Thuram an den FCB. Wenn die ein paar wenige Jahre miteinander spielen dürfen, dann setzen sie sich auch oben fest.
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