Gladbach-Routinier Stindl Der Entschleuniger

Seine Konkurrenten sind jünger und flinker. Trotzdem ist Lars Stindl in Mönchengladbach noch immer gefragt, auch am Abend gegen Inter: Niemand sonst im Kader strahlt eine solche Ruhe aus.
Borussia-Kapitän Lars Stindl

Borussia-Kapitän Lars Stindl

Foto: INA FASSBENDER / AFP

Es ist schon ein paar Jahre her, da hat sich Lars Stindl selbst so charakterisiert: »Ich bin ein unaufgeregter Typ, der mit den Leuten klarkommt.« 2012 war das, Stindl war damals gerade erst als junger Kerl zu Hannover 96 gewechselt. Seitdem hat sich viel getan, Stindl ist in der Zwischenzeit Nationalspieler geworden, Confedcup-Sieger, Kapitän bei Borussia Mönchengladbach, er spielt in der Champions League. Aber an der alten Selbstbeschreibung dürfte sich in all den Jahren nicht viel verändert haben.

Am Wochenende hat Stindl sein 300. Bundesligaspiel absolviert, er hat damit zu Liga-Veteranen wie Uwe Bein, Rüdiger Wenzel oder Bernd Gersdorff aufgeschlossen. Wenn alles gut läuft und er unverletzt bleibt, wird er in dieser Saison in der Statistik noch Spieler der Güteklasse Peter Nogly, Bulle Roth, beide Rummenigge-Brüder, Frank Neubarth und Friedhelm Funkel überholen. Wenn man mehr Spiele gemacht hat als Friedhelm Funkel, gehört man wirklich zum Bundesliga-Inventar.

Profis mit so viel Routine bezeichnet man als abgeklärt, Stindl allerdings brachte diese Eigenschaft schon in jüngeren Jahren mit. Auch wenn ihm sein Teamkollege Oscar Wendt mal bescheinigt hat, Stindl habe »die beste Innenseite der Liga«, liegt seine Hauptqualität anderswo: darin, auf dem Platz Ruhe auszustrahlen. Stindl ist ein Kopfspieler, ebenso kühl im Spielaufbau wie am Elfmeterpunkt. Das Gegenteil von einem Heißsporn, so stellt man sich wahrscheinlich einen Mannschaftskapitän vor. Eben ein unaufgeregter Typ.

Als Tempospieler nicht unbedingt bekannt

32 Jahre ist Stindl mittlerweile, das kann für ein Team, das vom Trainer Laufintensität und Tempospiel verordnet bekommt, schon ein grenzwertiges Alter sein. So gab es auch einige, die Stindl prophezeiten, er könne einer der Verlierer unter einem Trainer Marco Rose werden. Die Konkurrenz in der Offensive mit Alassane Pléa, Marcus Thuram und Breel Embolo ist durchweg athletischer, wuchtiger, schneller. Dass da noch Platz für einen sein soll, der seine Stärken auch darin hat, das Spiel zu entschleunigen, war zumindest zweifelhaft.

Zumal Stindl die Spielzeiten 2017/2018 und 2018/2019 jeweils mit schweren Verletzungen vorzeitig beenden musste. 2018 zog er sich gegen Schalke 04 eine schwere Bänderverletzung zu, ein Jahr später gegen seinen Ex-Klub Hannover 96 brach er sich das Schienbein. In beiden Fällen bedeutete das einen monatelangen Ausfall, als Rose seinen Job antrat, war Stindl außer Gefecht. Kann so einer mit 30 noch mal zurückkommen?

Nach anderthalb Jahren unter Rose sind diese Zweifel verschwunden. Durch die Mehrfachbelastung aus Bundesliga, Pokal und Champions League im ohnehin mehrfach belastenden Corona-Jahr ist Kader-Rotation auch in Mönchengladbach angesagt, sodass alle Stürmer ihre Chancen bekommen. Und Stindl reizt vor allem in der Champions League seine Erfahrung aus. In den beiden Partien gegen Schachtjor Donezk gab er einen überragenden Anführer, zwei Tore, zwei Assists brachte er aus dem Duell mit. In der Liga schleppte er die Borussia in der Vor-Corona-Zeit mit seinen Toren und Vorlagen durch die Phase, als seine Sturmkollegen Flaute hatten.

Thema Nationalelf ist abgehakt

Das Thema Nationalmannschaft hat er nach neun Länderspielen abgehakt, die damalige Verletzung aus dem Schalkespiel hat Stindl eine mögliche WM-Teilnahme gekostet, danach ist er allmählich und unausgesprochen aus dem Fokus des Bundestrainers herausgerutscht. Er ist nicht der Erste, dem das bei Joachim Löw passiert ist.

Die Wertschätzung im Verein hat darunter nicht gelitten. »Er ist einer, der vorangeht, wichtig in der Kabine, aber eben nicht nur da, ein echter Kapitän eben«, sagt Rose auf SPIEGEL-Nachfrage über Stindl. Attribute, die am Abend bei der nächsten Auflage des Büchsenwurf-Gedächtnisspiels gegen Inter Mailand gefordert sein sollten. Der italienische Topklub, gespickt mit Stars von Belgiens Romelu Lukaku bis zum Ex-Dortmunder Achraf Hakimi, steht unter Druck, hat in vier Spielen erst enttäuschende zwei Punkte geholt und muss gewinnen, um noch weiterkommen zu können. Die Gladbacher brauchen höchstwahrscheinlich nur noch einen Punkt fürs Achtelfinale – »nur« ist bei den ausstehenden Gegnern Inter und Real Madrid allerdings auch ein verharmlosendes Wort.

Die Gladbacher haben bisher über den Erwartungen abgeschnitten, aber am Ziel ist die Borussia noch nicht. Und Erfahrungen, wie es ist, kurz vor dem Ende noch um den Erfolg gebracht zu werden, hat das Team in dieser Spielzeit schon häufig genug gemacht, als es Siege durch späte Gegentreffer verschenkte.

Wenn der Borussia das Weiterkommen gelingt, stünde sie zum ersten Mal seit imposanten 43 Jahren wieder in der K.-o.-Runde des wichtigsten Europapokals. Das Spiel gegen Inter findet zudem wieder am 1. Dezember statt, dem Datum, an dem die Partie 1971 schon einmal angesetzt war, nachdem zuvor das vielleicht größte Europacupspiel der Gladbacher Geschichte gegen Inter Mailand 7:1 und mit einer geworfenen Coladose endete. Das 7:1 wurde annulliert, ein Wiederholungssspiel für den 1. Dezember angesetzt, und Gladbach schied dort aus.

Ein Spiel mit Bedeutung also, mehr als irgendein Europacupabend in und für Mönchengladbach. Umso mehr heißt die Devise vor so einer wichtigen Partie erst recht: Ruhe bewahren. Der Spezialist dafür steht bereit.