Borussia Mönchengladbach Letzter - na und?

In der Vorsaison klappte bei Borussia Mönchengladbach alles, in dieser Spielzeit ging dafür bisher fast alles daneben. Vor dem Spiel gegen den HSV steckt der Champions-League-Teilnehmer im Tabellenkeller. Trainer Favre gilt dennoch als "unrauswerfbar".

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Dieser Tage wollte ein Fan beim Training von Borussia Mönchengladbach unbedingt ein Selfie mit Trainer Lucien Favre machen. Um seine Chancen dafür zu verbessern, sprach er den Coach an: "Sie sind der beste Trainer der Welt." Favre lächelte etwas gequält ins Fotohandy des Mannes und antwortete: "Derzeit nicht."

Der Schweizer hat in seinen fast fünf Jahren bei der Borussia zumeist bessere Zeiten erlebt als die, die es gerade durchzumachen gilt. Das Team hat die ersten drei Spiele der Saison verloren, überdeutlich in Dortmund, etwas unglücklich gegen Mainz, verdient in Bremen. Und aus dem Rückrundenbesten der Vorsaison, dem Champions-League-Teilnehmer, ist schnell ein punkt- und freudloser Tabellenletzter der Bundesliga geworden.

Vor der Partie gegen den Hamburger SV (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) wird in Gladbach, wenn auch erst leise, das Wort Krise geraunt. Ein Wort, das man lange bei der Borussia nicht gehört hat.

Vergleiche mit der Borussia aus Dortmund

Verteidiger Tony Jantschke, bei Favres Amtsantritt 2011 zum Stammspieler befördert und seitdem in unterschiedlichsten Positionen immer in der Startelf, hat die Gladbacher Situation mit jener der Namenscousine aus Dortmund verglichen, die in der Vorsaison abstürzte: "Wir sollen zumindest nicht glauben, dass uns das nicht auch passieren kann." Der BVB war als Vizemeister zeitweilig bis auf Platz 18 durchgereicht worden und schaffte erst in der Rückrunde einigermaßen den Turnaround.

Die Dortmunder Krise beendete auch die Ära Jürgen Klopp. Bei der Gladbacher Borussia jedoch wollen sie solche Parallelen gar nicht erst anfangen zu ziehen. Gladbach hat Favre ähnlich viel zu verdanken wie Dortmund Klopp. Der Coach sei "absolut unrauswerfbar", hat Manager Max Eberl noch am Freitag gesagt. So etwas nährt die Gefahr, jemanden auch dann von jeglicher Kritik auszunehmen, wenn es welche zu üben gäbe. Aber so weit ist man in Gladbach noch lange nicht.

In Mönchengladbach herrscht Ruhe - noch

"Wir reden nach gerade mal drei Spielen absolut nicht von Krise", sagte Innenverteidiger Roel Brouwers bei Sport1, "wir haben einen guten Kader mit viel Qualität, ich hab keine Angst davor, dass die Punkte nicht noch kommen". Tatsächlich hat die Borussia auch unter Favre schon solche Phasen gehabt und überstanden. In der Vorsaison, der besten immerhin, die Gladbach seit mehr als 30 Jahren gespielt hat, verlor das Team Mitte der Hinrunde ebenfalls drei Partien in Folge. Auch damals ging es mit einer Niederlage in Dortmund los, dann verlor man das Heimspiel gegen Frankfurt, bevor man in Wolfsburg unterlag.

Noch herrscht demonstrative Ruhe rund um den Borussia Park. "Wir gehen realistisch mit der Situation um", nennt Eberl das. Als die meisten anderen Teams zum Ende der Transferperiode in hektische Betriebsamkeit verfielen, hielt sich der Manager auffallend zurück. Der einzige mögliche Wunschspieler auf dem Markt, der frühere Gladbacher Dante, war ohnehin zu teuer für den Verein. Dante ging nach Wolfsburg.

Dorthin, wohin es auch Stürmer Max Kruse zog, neben Christoph Kramer einer der beiden prominenten Abgänge des Sommers. Die beiden Nationalspieler haben Lücken gerissen. Kramer war das Scharnier dieser Mannschaft, laufstark, einsatzfreudig, natürliche Überlegenheit ausstrahlend. Und mit Kruse hatte die Borussia seit langer Zeit wieder einen Spieler, dem man nicht gerade mangelnde Chancenverwertung vorwerfen konnte. Neuzugang Josip Drmic, der ihn ersetzen soll, muss erst einmal den Weg in die Stammformation finden.

Zudem hat Martin Stranzl, der Abwehr-Stabilisator der Vorsaison, in den ersten drei Spielen gefehlt. Gegen Hamburg wird der 35-jährige Österreicher wieder auf dem Platz stehen. Anders als Patrick Herrmann, der sich mit einer Kapselverletzung herumplagt. Anders als der US-Amerikaner Fabian Johnson (Muskelfaserriss). Anders als der Schweizer Mittelfeldspieler Granit Xhaka (Gelb-Rot-Sperre).

Herrmann, Johnson, Xhaka - die drei Nationalspieler gehörten in der Vorsaison, als die Borussia das mit Abstand erfolgreichste Team der Rückrunde war, zu den Stützen der Mannschaft. Und alle drei werden in der kommenden Woche auch beim Champions-League-Debüt beim FC Sevilla (Dienstag 20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) nicht dabei sein können. Favre ist von dem Magazin "11 Freunde" zuletzt als "Schraubergott" bezeichnet worden, der es verstehe, immer wieder funktionierende Mannschaften zusammenzubasteln. Derzeit herrscht massiver Schrauberbedarf.

insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
ambergris 11.09.2015
1.
Gladbachs Abwehr ist das Problem. Es gibt da die alten Stranzl und Brouwers und die ganz jungen Schulz und Christensen. Stranzl war verletzt und letztes Jahr der zweikampfstärkste Spieler der Liga. Am ersten Spieltag hat man dann Schulz und Christensen gegen die reformierten Dortmunder eingesetzt, was motivationsmäßig wohl absolut das Falsche war. Stranzl muss wieder kommen und den neuen Spielern die Ordnung beibringen. Dann wird es sich einrenken. Mich wundert es, dass Hahn recht wenig eingesetzt wird.
Herzbubi 11.09.2015
2. Letzter - na und?
gegen den HSV müsste es immer noch langen. Es sei den: der Schiedsrichter will es anders
gloriavictoria 11.09.2015
3. Dominguez?
Zitat von ambergrisGladbachs Abwehr ist das Problem. Es gibt da die alten Stranzl und Brouwers und die ganz jungen Schulz und Christensen. Stranzl war verletzt und letztes Jahr der zweikampfstärkste Spieler der Liga. Am ersten Spieltag hat man dann Schulz und Christensen gegen die reformierten Dortmunder eingesetzt, was motivationsmäßig wohl absolut das Falsche war. Stranzl muss wieder kommen und den neuen Spielern die Ordnung beibringen. Dann wird es sich einrenken. Mich wundert es, dass Hahn recht wenig eingesetzt wird.
Es vergessen irgendwie immer alle, dass mit Dominguez ein erfahrender und auf hohem Niveau spielender Verteidiger seit längerem fehlt. Ich denke hier liegt das Hauptproblem der Abwehr, neben den von Eberl nicht ersetzten Abgängen und dem ineffektiven Strum.
frau_bert 11.09.2015
4. Anders als in Dortmund...
... wo die Krise Anfangs niemand wahrhaben wollte. Die sind ganz passabel gestartet, dann aber immer wieder diese unerklärlichen Niederlagen, aber immer nach dem gleichem Muster. Überlegen gespielt - kein Tor geschossen - ein Tor bekommen - danach fiel denen nichts mehr ein. Bei MG dagegen gleich ein Grottenkick zum BuLi Start, danach ohne nennenswerte Fortschritte die nächsten Niederlagen. Favre sollte froh sein (und ist es wahrscheinlich auch) das sich das Problem sofort am Anfang bemerkbar macht. So kann er sich direkt an die Baustellen begeben. Und ich denke er bekommt das noch in der Vorrunde hin. In der Rückrunde beginnt dann eine neue Aufholjagd. So gehts halt, wenn einem Jahr für Jahr ein gerade eben eingespieltes Team auseinandergerissen wird. Hecking kann auch ein Lied davon singen, jetzt in Wolfsburg kann er endlich konstant arbeiten. Mal sehen wie lange Favre das noch durchhält.
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