Gladbacher Niederlage bei Union Hütters Fehlstart

Borussia Mönchengladbach wurde vor der Saison hoch gewettet, ist aber nach drei Spieltagen immer noch sieglos. Für den neuen Trainer Adi Hütter wächst schon der Druck, Unruhe im Kader hat ihm die Arbeit zudem erschwert.
Adi Hütter kann’s nicht fassen – wieder eine Niederlage

Adi Hütter kanns nicht fassen – wieder eine Niederlage

Foto: Tilo Wiedensohler / imago images/camera4+

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In der letzten Minute der abgelaufenen Saison drehte Max Kruse die Machtverhältnisse um. Mit seinem Kopfballtor zum 2:1 gegen RB Leipzig in der 90. Minute des 34. Spieltages sicherte der Ex-Gladbacher Union Berlin die Qualifikation für den Europapokal. Borussia Mönchengladbach, bis zu dieser Sekunde noch für die neue Conference League qualifiziert, ging dadurch leer aus.

Viele haben das damals als eine Momentaufnahme angesehen, schließlich ist Mönchengladbach ein Verein, der im Vorjahr noch in der Champions League spielte, und Union ist gerade erst zwei Jahre in der Bundesliga. Aber nach dem 2:1 (2:0)-Erfolg der Köpenicker am Sonntag gegen die Borussia kann man da nicht mehr so ganz sicher sein. Die Saison ist noch lang, sehr lang sogar, aber in Mönchengladbach sollten sie hoffen, dass nach drei Spieltagen nicht schon ein Trend erkennbar ist.

Einen Punkt hat die Borussia in drei Spielen ergattert und steht auf einem ernüchternden Platz 15 der Tabelle. Zugegeben, das Anfangsprogramm war schwer, mit dem Auftakt gleich gegen die Rekordmeister-Bayern, danach zwei Auswärtspartien nacheinander bei den heimstarken Teams Leverkusen und Union. Zudem fehlten der Mannschaft am Sonntag gleich mehrere wichtige Spieler wegen Verletzung oder Krankheit: Mathias Ginter, Marcus Thuram, Stefan Lainer, Breel Embolo.

Am Strafraum war Ende der Herrlichkeit

Es gibt also auch Erklärungen für den Fehlstart. Aber die Borussia ist vor der Saison von vielen Experten hoch gewettet worden, und zu einer Spitzenmannschaft gehört auch, bei anderen guten Teams zu punkten. Das ist weder in Leverkusen (0:4) noch jetzt in Berlin gelungen.

»Eine unglückliche und bittere Niederlage«, befand Trainer Adi Hütter, »weil sie meiner Meinung nach in dieser Form nicht verdient war.« Tatsächlich war die Borussia zwar über weite Strecken des Spiels feldüberlegen, aber dass sie als Gewinner hier vom Feld gehen würde, das Gefühl konnte man nur haben, wenn man die Borussia-Brille fest auf dem Gesicht hatte. Das Team kombinierte ganz hübsch anzusehen, gepflegtes Passspiel, der eine oder andere Kringel. Alles bis kurz vor die Gefahrenzone, dann jedoch war es mit der Herrlichkeit vorbei. Während der Gegner vormachte, was Entschlossenheit bewirken kann. Union hatte viel weniger Ballbesitz, aber jeder Angriff der Berliner strahlte nur eines aus: den Willen und Wunsch, den Ball so schnell wie möglich Richtung gegnerisches Tor zu bringen. Ohne jeden Schnörkel. Genau das Gegenteil vom Gladbacher Spiel.

Es gehört zu den Gnadenlosigkeiten dieser Branche, dass nach drei Spieltagen schon von wachsendem Druck die Rede sein wird. Hütter wird das in den nächsten Tagen aushalten müssen. Er ist mit durchaus hohen Erwartungen bei der Borussia angetreten. Nach der freudlosen Rückrunde unter Marco Rose soll er einen Neuanfang verkörpern.

Allerdings ist mit ihm und seinem Amtsantritt auch eine gewisse Skepsis im Fanlager verbunden. Der Abgang von Rose hat bei den Borussia-Fans so viel Ärger ausgelöst, weil der Trainer zuvor sich noch zum Verein bekannt hatte. Genau das hat auch Hütter in Frankfurt getan, bevor er dann doch holterdiepolter nach Gladbach wechselte. Beide, Rose und Hütter, haben dies mit einem ungewöhnlichen Formabfall ihrer bisherigen Teams und einem spürbaren Imageverlust ihrer Person bezahlt. Das hat nicht unbedingt geholfen, bei den Fans im Sommer Euphorie auszulösen. Hütter ist sozusagen in einer gewissen Bringschuld, und da helfen nur Erfolge.

Viel Unruhe im Kader

Dass sein Start in den vergangenen Wochen zudem von einer permanenten Unruhe im Kader begleitet wurde, hat ihm die Sache bislang nicht leichter gemacht. Bis auf Torwart Yann Sommer waren fast sämtliche Leistungsträger Spekulationen auf dem Transfermarkt ausgesetzt, von Denis Zakaria über Alassane Pléa und Florian Neuhaus bis Marcus Thuram, zuletzt wurde in der Gerüchteküche über ein Interesse der Bayern an den Nationalspielern Jonas Hofmann und Mathias Ginter berichtet. Bislang sind alle diese Wechselspekulationen zerstoben, der hochwertige Kader aus dem Vorjahr ist noch vollständig erhalten, aber all die Gerüchte haben Spuren hinterlassen. Zumal die genannten Spieler selbst wenig getan haben, den Spekulationen entgegenzutreten und sich zur Borussia zu bekennen.

Das Transferfenster schließt am 31. August, zum nächsten Spieltag im Anschluss an die Länderspielwoche hat Hütter Planungssicherheit, dann kommt Arminia Bielefeld in den Borussia-Park, und das wird das erste Spiel sein, bei dem ein Sieg wirklich Pflicht ist. Soll es nicht noch ungemütlicher werden.

Währenddessen ist der Gegner derzeit da, wo die Borussia gern wäre: im Stimmungshoch. Union ist auch nach dem dritten Spiel ungeschlagen, die Fans dürfen wieder die Mannschaft und sich selbst im Stadion feiern. Die Union-Fans müssen sich nicht mehr im Köpenicker Wald hinter der Tribüne verstecken oder sich aufs Stadiondach schleichen, um von dort aus die Mannschaft anzufeuern oder Feuerwerk zu zünden, wie das in der Vorsaison im Lockdown der Fall war. Sie bejubeln die kommenden Europareisen in der Conference League, zu der sie bei den Heimspielen sogar das Stadion des Lokalrivalen Hertha BSC nutzen oder besser gesagt, einnehmen. Dem Lokalrivalen, der als einziger Verein in der Liga bisher punktlos dasteht. Es könnte nicht besser laufen für den 1. FC Union.

In Gladbach schauen sie zumindest an diesem Sonntag ein bisschen neidisch auf das, was der als bedächtig unterschätzte Trainer Urs Fischer in Köpenick aufgebaut hat. Fischer war nach dem Rose-Abgang auch mal kurz als möglicher Trainer der Gladbacher im Gespräch, das hatte sich schnell erledigt. Fischer weiß, was er in Köpenick hat. Hütter weiß das von seiner neuen Arbeitsstelle noch nicht.

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