Borussia Mönchengladbach Ziege im Fohlenstall

Christian Ziege hat als Sportdirektor großen Anteil am Erfolg von Borussia Mönchengladbach. In seiner Arbeit orientiert er sich an der Vereinshistorie, lehnt Vergleiche mit legendären Gladbach-Größen aber ab. Im Derby gegen Köln wird man wieder den Spieler in ihm sehen.

Von Tobias Käufer


Die legendären Protagonisten der goldenen siebziger Jahre schmücken den Borussia-Park wie die Ahnengalerie ein altes Schloss: Riesige Bilder von Allan Simonsen oder Günter Netzer über den Aufgängen des neuen Stadions erinnern die Fans bei jedem Heimspiel von Borussia Mönchengladbach an eine Epoche, die viele der jüngeren Zuschauer nur noch aus den Erzählungen ihrer Väter kennen. Damit hat Christian Ziege nichts, aber auch gar nichts mehr am Hut: "Da fehlt mir der Hintergrund, das habe ich ja nicht mehr selbst miterlebt", sagt Borussias Sportdirektor SPIEGEL ONLINE und versucht erst gar nicht einen Vergleich mit Helmut Grashoff zuzulassen.

Gladbacher Ziege: "Fühle mich als Teil des Teams"
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Gladbacher Ziege: "Fühle mich als Teil des Teams"

Gladbachs konservativer Manager der siebziger und achtziger Jahre gilt als Macher der Fohlenelf. Doch wo einst Heynckes, Netzer und Simonsen auf dem Rasen des alten Bökelberg-Stadion wirbelten, stehen heute längst die ersten Einfamilienhäuser. Und auf Grashoffs Stuhl sitzt im erstaunlich karg eingerichteten Büro des Borussia-Parks mit 36 Jahren ein jugendlicher Nachfolger, dessen Tätowierungen auch ein langärmeliges Hemd nicht verstecken kann. Die Zeiten haben sich geändert in Mönchengladbach.

Am heutigen Montagabend können die "Enkel" der Fohlenelf mit einem Sieg ausgerechnet im seit Wochen ausverkauften rheinischen Derby beim Erzrivalen 1. FC Köln (20.15 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) das wohl entscheidende Meisterstück im Rennen um den Bundesliga-Aufstieg abliefern. Millioneninvestionen in das balltretende Personal wird es am Niederrhein ganz im Stile Grashoffs aber auch in Zukunft nicht geben: Borussen-Präsident Rolf Königs und Geschäftsführer Stephan Schippers achteten selbst in der Abstiegssaison 2006/2007 darauf, dass die wirtschaftliche Bilanz stimmte. Die Fluktuation nach dem Absturz in die Zweitklassigkeit war enorm. Der Weggang von Nationalspieler Marcell Jansen zu Rekordmeister Bayern München spülte zwar noch einmal 12,5 Millionen Euro in die Kasse, dennoch hielt sich Ziege bei seiner Personalpolitik im Vergleich zur Konkurrenz aus Köln erstaunlich zurück.

Während sich der rheinische Rivale bei internationalen Top-Clubs wie Fenerbahce Istanbul (Ümit Özat) oder Galatasaray Istanbul (Faryd Mondragon) bediente, beschränkte sich die Borussia auf biedere Hausmannskost aus Jena (Alexander Voigt) und Paderborn (Roel Brouwers). Das sportliche Konzept ging bislang trotzdem auf, auch wenn so viel kaufmännische Selbstdisziplin nicht überall gut ankommt. Ex-Bundestrainer und Ur-Borusse Berti Vogts, der so gerne wieder bei seinem früheren Verein mitgearbeitet hätte, verspottete den Gladbacher Fußballboss Rolf Königs prompt als "Sonnenkönig" ohne Fußballsachverstand.

In Mönchengladbach wünscht man Vogts jetzt viel Glück in Aserbaidschan und hat die Nase voll von der alten Generation: Berti Vogts, Rainer Bonhof, Horst Köppel oder Jupp Heynckes sind Geschichte. Die alten "Fohlen" hatten in der jüngsten Vergangenheit in verschiedener Funktion die Möglichkeit, das sinkende Schiff zu retten. Wirklich erfolgreich war keiner von ihnen.

Jetzt bringt Ziege den eingeforderten Fußballsachverstand ins Gladbacher Gesamtkunstwerk ein. Mitten im Mönchengladbacher Chaos im März 2007 übernahm der Europameister von 1996 das Zepter am Niederrhein. Im Sommer 2004 als Spieler nach Mönchengladbach gekommen, konnte der Profi Ziege die Erwartungen wegen einer schweren Verletzung nicht erfüllen. Den zweiten Bundesliga-Abstieg in der Geschichte der Borussia konnte der frühere Nationalspieler auch in der neuen Funktion als Sportdirektor nicht mehr verhindern. Dafür aber brachte der Mann mit internationalem Erfahrungsschatz aus drei europäischen Top-Ligen die Borussia wieder zurück auf Erfolgskurs und nach Lage der Dinge auch auf direktem Wege wieder zurück in die Bundesliga.

Und dabei orientiert sich Gladbachs Sportchef aus Überzeugung an der Geschichte des Clubs: "Natürlich sind wir auch der Tradition des Vereins verpflichtet. Deswegen werden wir auch in Zukunft auf junge Talente aus den eigenen Reihen setzen, die sich hier in Mönchengladbach entwickeln sollen. Wenn ich an einen Spieler wie Marko Marin denke, dann sind wir da auch auf einem guten Weg", sagt Ziege und verweist auf den jugendlichen Anteil im aktuellen Kader und im vereinseigenen Unterbau: "Es gibt noch eine Handvoll weiterer Spieler aus unserer Nachwuchsarbeit, die diesen Sprung ebenfalls schaffen können."

Den Karlsruher SC als Beispiel

Ein bisschen Profi steckt immer noch im Vize-Weltmeister von 2002, fast in in jeder Partie stürmt Ziege von der Bank an die Seitenlinie, um seinen Emotionen freien Lauf zu lassen. Er leidet intensiv mit und findet das auch gut so: "Uli Hoeneß ist bei Bayern München auch immer ganz nah dran bei der Mannschaft. Auch wenn ich jetzt der Vorgesetzte der Spieler bin, so fühle ich mich immer noch als Teil des Teams. Ich denke, das ist der richtige Weg."

Ein Sieg heute Abend und die Planungen für die neue Bundesliga-Saison könnten endgültig beginnen. Wenn es denn mit der Rückkehr in Deutschlands Eliteliga tatsächlich klappt, ist Ziege vor der Zukunft nicht bange: "Das Beispiel KSC zeigt, dass eine gute Zweitliga-Mannschaft auch in der Bundesliga bestehen kann." Und spätestens dann wird in Mönchengladbach niemand mehr nach der alte Generation fragen.



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