Gladbacher Remis bei Union Zwei Schritte vor, einen halben zurück

Borussia Mönchengladbach hat zwar bei Union Berlin nur einen Punkt geholt, an dem Positivtrend des Teams bestehen aber kaum Zweifel. Die Störgeräusche um die Zukunft des Trainers werden dadurch allerdings lauter.
Aus Berlin-Köpenick berichtet Peter Ahrens
Gladbachs Trainer Marco Rose

Gladbachs Trainer Marco Rose

Foto: Matthias Koch / imago images/Matthias Koch

An diesem Samstagnachmittag ist Borussia Mönchengladbach der eigenen Vergangenheit begegnet. Der Torwart von Gegner Union Berlin hieß Andreas Luthe. Jener Luthe stand vor zehn Jahren im Tor des VfL Bochum, als die Gladbacher und die Bochumer im Relegationsduell ausspielten, wer künftig in der Bundesliga spielen darf oder stattdessen in der 2. Liga. Luthe trieb die Gladbacher Offensive damals zur Verzweiflung mit seinen Paraden, erst in der Nachspielzeit ließ er dann doch noch einen Ball von Igor De Camargo zum 1:0 passieren, für die Anhänger von Borussia Mönchengladbach ist diese Szene bis heute einer der unvergesslichen Momente der jüngeren Vereinsgeschichte.

Es wäre schamlos untertrieben zu formulieren, dass sich seit diesem Moment von 2011 bei Mönchengladbach einiges verändert hat.

Die Mannschaft, die an diesem eiskalten Nachmittag in der Alten Försterei beim 1:1 einen Punkt mitnahm, steht mittlerweile im Achtelfinale der Champions League, sie hat in dieser Spielzeit Bayern München, RB Leipzig und zuletzt auch Borussia Dortmund besiegt. Es ist eine Mannschaft, die mittlerweile so weit ist, den derzeitigen siebten Tabellenplatz ganz selbstverständlich nur noch als Zwischenziel für eine höhere Platzierung zum Saisonende anzusehen. 2011 ging es mehr oder weniger um die Existenzsicherung, wer 2021 die Borussia ein Spitzenteam der Bundesliga nennt, dem wird wohl niemand ernsthaft widersprechen.

Jubelnde Gladbacher nach dem 1:1 durch Alassane Plea

Jubelnde Gladbacher nach dem 1:1 durch Alassane Plea

Foto: O.Behrendt / imago images/Contrast

Wobei das Unentschieden allerdings nicht nur die Stärken, sondern auch die Anfälligkeiten des Teams in geradezu beispielhafter Weise deutlich machte. Beim 0:1 durch Robin Knoche ließ sich die Abwehr von einer einfachen Standardsituation überraschen, nach dem 1:1 geriet die Borussia mehrfach in Verlegenheit, wieder in Rückstand zu geraten.

Manchmal in Passivität verfallend

Es gehört zu den Merkwürdigkeiten dieser Mannschaft in der Saison 2020/2021, dass sie mitten im Spiel mehrfach den Modus wechselt. Dass sie häufig die Dominanz auf dem Feld fast freiwillig herschenkt und in Passivität verfällt, nachdem sie ein Teilziel erreicht hat. Gegen Union waren die Gäste bis zum eigenen Ausgleich feldüberlegen, nach dem 1:1 durch Alassane Plea verzichtete die Mannschaft darauf, nachzulegen, überließ stattdessen Union die Initiative.

Dennoch überwog auch an diesem Nachmittag die Gewissheit, dass Borussia Mönchengladbach auf einem soliden Weg ist, sich im Vorderfeld der Liga zu etablieren. Der Kader mag nicht die Tiefe einiger Konkurrenten haben, aber wer von der Bank Lars Stindl, Florian Neuhaus und Breel Embolo zu bringen in der Lage ist, kann personell nicht so ganz schlecht ausgestattet sein.

Mönchengladbach hat einen erfolgreichen Januar hinter sich mit Siegen über die Bayern und den BVB, und ein Remis beim 1. FC Union kann man mittlerweile auch als Erfolg verbuchen. Die Berliner wirken in dieser Saison dermaßen gefestigt, stehen defensiv sicher, machen fast keine Fehler und beherrschen in ihrer zweiten Erstligasaison ein sehr hübsch anzusehendes Kombinationsspiel. »Hut ab vor Union Berlin! Sie kommen nicht nur über Kampf, sondern können auch Fußball spielen«, lobte Gladbachs Trainer Marco Rose den Gegner nach der Partie auch in höchsten Tönen. An der Alten Försterei unentschieden zu spielen, ist inzwischen für jedes Team ein ehrenvolles Resultat, das hat selbst Bayern München einsehen müssen. Vermutlich ist es derzeit leichter, Borussia Dortmund zu schlagen als den 1. FC Union.

Wenn man die Führungen behalten hätte...

Dass man in Mönchengladbach mit dieser Bundesligasaison dennoch noch nicht wirklich zufrieden sein kann, liegt an wiederholte Fahrlässigkeiten aus der Hinrunde, als man vor allem im heimischen Borussia Park Führungen gern kurz vor Schluss noch aus der Hand gab und mögliche Siege verschenkte: Im Hinspiel gegen Union, zudem gegen Wolfsburg, Hertha, Augsburg und Hoffenheim hatte die Borussia in Front gelegen und verstand es nicht, den Vorsprung über die Zeit zu bringen. Es ist eine beliebte Freizeitbeschäftigung der Borussia-Anhänger auszurechnen, wo die Mannschaft stünde, wenn es in diesen Partien die eigentlich eingeplanten drei Punkte gegeben hätte. Elf Punkte mehr in der Tabelle wären das, Gladbach wäre der erste und wohl auch einzige Bayern-Verfolger.

Insofern läuft diese Gladbacher Spielzeit bislang ein wenig unter dem Motto: zwei Schritte vor, einer zurück. Oder zumindest ein halber zurück. Die Borussia ist in allen drei Wettbewerben noch aussichtsreich vertreten, gleichzeitig aber sorgen Störgeräusche dafür, dass im Verein nicht die Behaglichkeit aufkommt, die man eigentlich von der Ruhezone Mönchengladbach erwartet. Die Disziplinlosigkeiten der Angreifer Marcus Thuram, der gegen Hoffenheim seinen Gegner anspuckte, und Breel Embolo, der offensichtlich als Partygast in Essen alle Coronamaßregeln ignorierte, waren nicht nur schlecht fürs Image, für die Form der beiden Stürmer war das auch nicht gerade leistungsfördernd.

Dazu kommen die ständigen Gerüchte um einen möglichen Wechsel von Rose zum Rivalen Borussia Dortmund, auf die der Trainer zunehmend gereizt reagiert. Solange es allerdings von Rose selbst oder vom Verein kein klares Dementi gibt, wird es auch an dieser Stelle keine Ruhe geben.

In der kommenden Woche kehrt Manager Max Eberl aus seiner vierwöchigen Auszeit zurück und wird zu tun haben, die eine oder andere Woge zu glätten. Eberl ist der Baumeister des Vom-Abstiegsanwärter-zum-Champions-League-Teilnehmers Borussia Mönchengladbach, er war schon als Verantwortlicher in Amt und Würden, als ARD-Livekommentator Steffen Simon damals 2011 ausrief:  »Und da ist De Camargo, und da ist schon wieder Luthe, und da ist Hanke, De Camargo und Tooor!«

Eberl ist unstrittig der wichtigste Mann im Verein, das Vertrauen in seine Fähigkeiten geht bei Borussia-Fans mittlerweile in Richtung unendlich. Ihm trauen sie auch zu, Rose erklären zu können, warum er möglicherweise sinnvoller ist, bei der einen Borussia zu bleiben, statt zur anderen zu gehen.

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