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Ohne Neymar im WM-Halbfinale Brasilien sucht den Deutschland-Schreck

Brasilien steht vor der härtesten Aufgabe bei dieser WM: Wer soll den verletzten Neymar im Halbfinale gegen Deutschland ersetzen? Hernanes? Jô? Willian? Trainer Scolaris Plan war komplett von dem Superstar abhängig.

Es ist ein Schock für die ganze Nation: Neymar, der Hoffnungsträger der "Seleção", hat sich verletzt. So schwer, dass er wochenlang pausieren muss. Brasilien, das im bisherigen Turnierverlauf so abhängig von seinem Superstar war, muss im Halbfinale gegen Deutschland am Dienstag (22 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ZDF) ohne den 22-Jährigen auskommen.

Wer kann Neymar ersetzen?

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Brasilien ohne Neymar: Sie müssen es jetzt richten

Foto: AP/dpa

Die Wahrheit ist: Scolari hat keine echte Alternative zu seinem Angreifer. Er hat zu beinahe 100 Prozent auf Neymar gebaut, dieser sollte mit seiner Schnelligkeit, seiner Antizipationsgabe und seiner außergewöhnlichen Technik für Tore sorgen. Dass etwa Mittelstürmer Fred viele Tore schießt, war in der Taktik Scolaris nicht unbedingt vorgesehen. Seine Aufgabe war es, Freiräume für Neymar und Hulk zu schaffen, Treffer wären ein Bonus gewesen. Dass Fred bislang nichts davon gelungen ist, verstärkt Brasiliens Sorgen nach dem WM-Aus Neymars.

Scolaris Konzept baute auf Tempo und Leidenschaft, auf der Hoffnung auf Überraschungsmomente und auf Standards. Beim Gewinn des Confederations Cup im vergangenen Jahr wussten die Gegner zu Spielbeginn nicht, wie ihnen geschah: Sie wurden von einer tanzenden, gelben Wand überrollt. Bei der Heim-WM fielen neben Neymars Geniestreichen vor allem Verteidiger-Tore nach Standardsituationen.

"Die Spieler wissen, dass sie die besten dieses Landes sind, weil sie der Nationaltrainer ausgewählt und ihnen sein Vertrauen geschenkt hat", sagte Scolari nach dem Achtelfinal-Erfolg gegen Chile. Der 65-Jährige hat sie nach bestem Wissen ausgewählt, dabei spielten für ihn nichtfußballerische Aspekte eine große Rolle. Es war ihm wichtiger, dass das Team menschlich zusammenpasst, als dass er die besten Fußballer zusammenstellt.

Nun hat Scolari ein Problem. Er besitzt keinen zweiten Spielertypen wie Neymar im Kader. Seine Optionen für das Halbfinale gegen Deutschland sind:

Hernanes, 29 Jahre, Inter Mailand, 26 Länderspiele (2 Tore)

Scolari deutete auf der Pressekonferenz nach der Kolumbien-Partie bereits an, dass er mit Hernanes eine gute Option habe. Dabei ist der 29-Jährige ein völlig anderer Spielertyp als Neymar. Hernanes holt sich Bälle in der eigenen Hälfte ab, er liebt das Spiel aus der Tiefe. Er ist starker Passgeber und gefährlicher Distanzschütze zugleich; ein spielintelligenter Profi, der Brasiliens Offensive ankurbeln kann. Doch ein Stürmer ist er nicht.

Ramires, 27 Jahre, FC Chelsea, 47 Länderspiele (4 Tore)

Eigentlich ist Ramires im Mittelfeld Zuhause: Beim FC Chelsea glänzt er durch Ballgewinne, gutes Umschaltspiel und das konsequente Zulaufen jeglicher Lücken. Vereinzelt wird er aber auch auf dem rechten Flügel eingesetzt, so auch im WM-Duell mit Mexiko. Ramires aufzustellen würde bedeuten, sich für die defensivste aller Varianten zu entscheiden. Gegen einen spielstarken Gegner wie Deutschland ist das nicht ausgeschlossen. Angesichts der dann fast vollständig fehlenden Torgefahr aus dem Spiel heraus erscheint die Option Ramires aber nicht sehr wahrscheinlich.

Willian, 25 Jahre, FC Chelsea, 10 Länderspiele (2 Tore)

Willian ist ein Konterstürmer und wohl der einzige Offensivspieler in Brasiliens Kader, der es in Sachen Tempo mit Neymar aufnehmen kann. Er besitzt ein hervorragendes Gespür für Räume, lässt seine Mitspieler gut aussehen. Was ihm abgeht, ist Neymars Zug zum Tor. In der vergangenen Saison erzielte er für Chelsea wettbewerbsübergreifend vier Tore - in 46 Spielen. Würde Scolari Willian bringen, könnte der vielgescholtene Fred vermehrt Torchancen erhalten.

Bernard, 21 Jahre, Schachtjor Donetsk, 13 Länderspiele (1 Tor)

Bernard, 1,66 Meter klein, gilt als riesiges Talent. Er ist ein brillanter Techniker, der sich in engen Räumen wohlfühlt, sie geradezu sucht. Anders als etwa bei Hulk ist sein Spiel nicht eindimensional; Bernard kann gegnerische Abwehrreihen überraschen. Allerdings stand Bernard überhaupt erst dreimal in der Startelf der "Seleção".

Jô, 27 Jahre, Atlético Mineiro, 19 Länderspiele (5 Tore)

Denkbar wäre, dass Scolari gar nicht erst probiert, Neymar durch einen anderen Spieler zu ersetzen. Stattdessen könnte er versuchen, den Ausfall durch eine Systemänderung aufzufangen - etwa, indem er Fred mit Jô einen zweiten Angreifer an die Seite stellt. Doch Jô konnte bei seinen WM-Auftritten nicht überzeugen, er wirkt, als habe er seinen Zenit längst überschritten.

Und Scolari? Es ist nachvollziehbar, dass Brasiliens Trainer nach den erfolgreichen Erfahrungen vom Confed-Cup keine großen Veränderungen vornahm. Er hatte gehofft, dass es erneut gut gehen würde. Brasilianische Kommentatoren klammern sich in der Katastrophe nun an einen Strohhalm: Scolaris Team habe jetzt die Chance, über sich hinauszuwachsen. Nach der niederschmetternden Nachricht von der Verletzung hatten die ersten Spieler auch schon erklärt, dass sie nun für Neymar den WM-Titel holen wollen.

Es gibt aber auch kritische Stimmen, die behaupten, Scolari mangele es gar an moderner fußballerischer Kompetenz. Sie verweisen darauf, dass er noch immer mit den Grundideen seines WM-Teams von 2002 spielen lasse, doch dieses Mal fehlen ihm große Ausnahmekönner wie Ronaldo, Ronaldinho oder Rivaldo, die Schwächen des Teams und seiner Ausrichtung mit ihrer Klasse ausgleichen können. Dieses Mal gab es nur: Neymar.

Mitarbeit: Jule Lutteroth
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