Brasiliens Willian vor dem Halbfinale Von Null auf Neymar

Die Seleção sucht vor dem WM-Halbfinale gegen Deutschland nach einem Ersatz für Neymar. Brasiliens Trainer Scolari hat keine große Auswahl - auch deshalb betont die Mannschaft nun den Gruppengedanken.

AP

Aus Teresópolis berichtet


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Von Rio de Janeiro bis ins auf knapp 900 Meter Höhe gelegene Teresópolis dauert es mit dem Auto anderthalb Stunden. Auch an diesem Sonntagmittag läuft es zügig, bis kurz vor der Stadtgrenze gar nichts mehr geht. Die einzige Zufahrtsstraße ist dicht, kilometerlang reiht sich ein Auto an das nächste, sie alle wollen zum Trainingsgelände der brasilianischen Nationalmannschaft. Zu Hunderten sind die Anhänger der Seleção angereist; sie möchten ihrem Team in dieser komplizierten Situation nahe sein, vor allem aber wollen sie wissen: Wer wird im Halbfinale gegen Deutschland am Dienstag (22 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ZDF) den verletzten Neymar ersetzen?

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Heft 28/2014
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Der brasilianische Verband CBF hat an diesem Nachmittag gleich zwei mögliche Kandidaten auf das Pressepodium gesetzt, Bernard, 21, offensiver Mittelfeldspieler bei Schachtjor Donezk, und Willian, 25, Flügelspieler beim FC Chelsea. Ob es die Größe der ihnen möglicherweise bevorstehenden Aufgabe ist oder ihre jungenhafte Erscheinung - beide wirken auf ihren Stühlen etwas verloren.

Es dauert allerdings auch, bis sie das erste Mal über sich selbst sprechen dürfen, denn wieder und wieder wollen die brasilianischen Journalisten von ihnen hören, wie die Mannschaft mit dem Schock nach Neymars Wirbelfraktur und dessen WM-Aus umgeht. Mindestens dreimal muss Bernard sagen, wie traurig das ganze Team ist, und Willian darf noch einmal aufzählen, welche großartigen menschlichen und fußballerischen Eigenschaften Neymars der Mannschaft fehlen werden.

"Jeder hat besondere Qualitäten"

"Keiner hätte je damit gerechnet, dass es zu dieser Situation kommen würde", sagt Bernard, weder die Mannschaft noch die Fans: "Wir haben deshalb vorher nicht geübt, wie es ist, ohne ihn zu spielen." Doch er sei sicher, dass Trainer Luiz Felipe Scolari es schaffen werde, die von Neymar hinterlassene Lücke zu füllen. "Jeder Spieler im Nationalteam ist hier, weil er besondere Qualitäten hat", sagt auch Willian, "alle sind psychisch und körperlich gut vorbereitet. Wen auch immer Scolari wählt, um auf Neymars Position zu spielen: Er wird sein Bestes geben und den Job gut machen."

Sie scheinen ihre motivierenden Sätze gemeinsam auswendig gelernt zu haben, in beinahe jeder Antwort betonen sie, dass sie ihrem Trainer und dessen Entscheidungen vertrauen: "Er wird das Team so zusammenstellen und die richtige Taktik wählen, damit wir Deutschland schlagen können", sagt Willian. Doch wie diese aussehen soll, ist auch vielen Experten noch unklar. Denn bislang konzentrierte sich das brasilianische Spiel voll und ganz auf Neymar, Scolari hatte seine Taktik um den 22-Jährigen herumgebaut. Die wahrscheinlichste Lösung auf der Neymar-Position ist Willian. Er ist zwar technisch nicht so versiert wie der verletzte Ausnahmespieler, aber ähnlich schnell und wendig.

"Ich glaube sehr an Willian, er hat ähnliche Fähigkeiten wie Neymar", sagt der im Halbfinale gesperrte Kapitän Thiago Silva, "ich bin sicher, dass er das Loch sehr gut schließen wird". Bislang ist Willian bei dieser WM noch nicht wirklich in Erscheinung getreten, überhaupt hat er seit seinem Debüt in der Seleção im Jahr 2011 erst zehn Spiele absolviert. In Brasilien tauchte er als Ersatzmann in den beiden Gruppenspielen gegen Mexiko und Kamerun auf, auch im Achtelfinale gegen Chile wurde er eingewechselt. Kurz darauf verschoss er einen der Elfmeter.

Vier Tore in 42 Spielen

"Ich stand noch nie in einem Halbfinale", sagt Willian und bemüht sich, dabei Zuversicht auszustrahlen, "es wäre etwas wirklich Großes für mich, dort zu spielen". Als ein Journalist von ihm wissen will, ob er glaube, ein würdiger Ersatz zu sein, lächelt Willian. "Ich würde mich nie mit Neymar vergleichen, wir sind sehr unterschiedlich. Er ist ein außergewöhnlicher Spieler, aber ich habe auch meine Fähigkeiten."

Das Schießen von Toren gehört allerdings nicht unbedingt dazu. Seit seinem Wechsel von Anschi Machatschkala zu Chelsea im vergangenen August erzielte er in insgesamt 42 Spielen nur vier Treffer. An der Stamford Bridge hält man dennoch viel von Willian, Trainer José Mourinho schätzt vor allem dessen kreative Ideen. Sie waren auch ein Grund, warum Scolari den 25-Jährigen in seinen WM-Kader berief.

Sollte die Wahl tatsächlich auf Willian fallen - ernstzunehmende Alternativen sind eigentlich nur Bernard und Ramires -, stünde er vor der bislang schwierigsten Aufgabe seiner Karriere. Er muss es gegen Deutschland nicht nur schaffen, die bislang wenig erfolgreichen Angreifer Hulk und Fred in Szene zu setzen, sondern auch, mit dem Druck umzugehen, der automatisch auf Neymars Ersatzmann liegen wird.

Denn von seiner Titelmission möchte Brasilien trotz allem nicht abweichen: "Unser Traum ist es noch immer, ins Finale zu kommen und Weltmeister zu werden", sagt Willian. Deutschland sei eines der besten Teams, das er kenne - "jetzt müssen wir zeigen, wie stark wir als Gruppe wirklich sind". Einen anderen Plan wird auch Scolari nicht haben.

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medermark 07.07.2014
1. Vielleicht liege ich falsch, aber
Vielleicht liege ich ja falsch, aber ich habe das Gefühl es könnte zu einem knappen deutschen 2:1 Sieg reichen. Der Spieler Neymar ist für Brasilien kaum ersetzbar und zu einem kompakten Mannschaftsleistung war die Seleccao in diesem Turnier eigentlich nie in der Lage. Stattdessen Einzelaktionen und knappste Siege. Es könnte diesmal für uns Deutsche reichen.
tomaraya 07.07.2014
2. Was heisst dieses mal?
Zitat von medermarkVielleicht liege ich ja falsch, aber ich habe das Gefühl es könnte zu einem knappen deutschen 2:1 Sieg reichen. Der Spieler Neymar ist für Brasilien kaum ersetzbar und zu einem kompakten Mannschaftsleistung war die Seleccao in diesem Turnier eigentlich nie in der Lage. Stattdessen Einzelaktionen und knappste Siege. Es könnte diesmal für uns Deutsche reichen.
Das hört sich ja an als wenn D noch nie gegen B gewonnen hätte. Brasilien ist schon langre nicht mehr unbesiegbar, war es auch noch nie. Und bei diesem komischen Gegurke, das sie bei dieser WM spielen schon gar nicht. Bislang hatten sie immer viel Glück und sind weitergekommen. Das wird sich aber jetzt ändern...
stefansaa 07.07.2014
3.
Zitat von medermarkVielleicht liege ich ja falsch, aber ich habe das Gefühl es könnte zu einem knappen deutschen 2:1 Sieg reichen. Der Spieler Neymar ist für Brasilien kaum ersetzbar und zu einem kompakten Mannschaftsleistung war die Seleccao in diesem Turnier eigentlich nie in der Lage. Stattdessen Einzelaktionen und knappste Siege. Es könnte diesmal für uns Deutsche reichen.
Betrachtet man sich Brasilien wiegt der Ausfall von Thiago Silva deutlich schwerer als der von Neymar. Auch wenn immer alle Neymar so hoch loben, so gibt es in der Offensive durch aus brauchbare Alternativen. In der Abwehr ist Silva allerdings einzigartig und als Kapitän auch noch ein wichtiger Eckpfeiler der Mannschaft. Ich denke, dass die geschwächte Defensive uns deutlich mehr liegt.
saxae 07.07.2014
4.
Irgendwie brauchen die Brailianer neben ihrer Jesus-Statue stets einen Fußballgott-Vertreter. Diesmal war/ist es Neymar. Wie man diese starke Mannschaft auf immer nur diesen Namen reduzieren konnte ist mir ein Rätsel. Ob dieses umschalten nun von einem auf das andere Spiel klappt, dass ist die große Frage. Ich bezweilfe es.
brainstorm 07.07.2014
5. Grukentruppe
Morgen bekommt die Prügel- und Rumpeltruppe aus Brasilien hoffentlich ein paar Buden von der DFB-Elf eingeschenkt und dann ist Ruhe. Diese Heulsusen sind wirklich kaum zu ertragen. Hierzu auch: "the worst team to win a World Cup" http://www.bbc.com/sport/0/football/28172053
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