Brasilien-Kroatien Samba ohne Rhythmus

Ronaldinho enttäuschte, Ronaldo spielte unterirdisch. Die Seleção quälte sich bei der Begegnung gegen Kroatien zum Sieg. Dabei hatten die Brasilianer Glück, dass der Gegner seine Torchancen nicht nutzen konnte.
Von Pavo Prskalo

Berlin - Der brasilianische Stürmer Ronaldo hat bei dieser Weltmeisterschaft ein großes Ziel. Er, der bisher zwölf WM-Tore auf seinem Konto hat, will den großen Gerd Müller (14 Treffer) einholen. Doch dies wird schwierig. Zumindest wenn der Angreifer so spielt, wie er es beim 1:0 (1:0)-Erfolg Brasiliens gegen Kroatien tat.

In der 69. Minute wurde Ronaldo ausgewechselt, die Zuschauer im Berliner Olympiastadion verabschiedeten ihn mit Pfiffen. Ronaldo war am diesem Abend der schwächste Spieler einer insgesamt enttäuschenden brasilianischen Auswahl.

Hätte Mittelfeldspieler Kaká in der 44. Minute nicht seine Genialität unter Beweis gestellt (er schlenzte einen Ball aus 20 Meter unhaltbar ins Eck), die vielen Anhänger der Seleção wären enttäuscht gewesen. Bitter für Kroatien: Kurz vor der Szene hatte ausgerechnet Kakás Bewacher Niko Kovac nach einem Foul von Cafu verletzt ausgewechselt werden müssen. Der Kapitän hinterließ damit unfreiwillig die entscheidende Lücke.

"Niemand hatte erwartet, dass es leicht wird. Aber wir haben sehr viel gelitten und das darf nicht sein", sagte der Torschütze. "Uns hat Beweglichkeit und mehr Organisation in der Abwehr gefehlt. Gegen Australien müssen wir aufpassen, denn Teams ohne Tradition haben schon oft überrascht", warnte der 24-Jährige.

Immer wieder rannte die Mannschaft von Trainer Carlos Alberto Parreira an, doch die kroatische Innenverteidigung ließ nur wenige Möglichkeiten zu. Weltfußballer Ronaldinho (Parreira: "Er hat nicht mit Fröhlichkeit gespielt"), der zumeist über die linke Seite kam, wurde von seinem Gegenspieler Darijo Srna ausgeschaltet und konnte keine Akzente setzen. Bezeichnend war, dass die Südamerikaner zwischen der 15. und 30. Minute nicht einmal gefährlich vor dem Tor von Schlussmann Stipe Pletikosa auftauchten.

Nach der Pause präsentierten sich die Brasilianer zunächst völlig von der Rolle. Die Kroaten, unterstützt von rund 25.000 Landsleuten, kamen zu hochkarätigen Chancen. So prüfte Stürmer Dado Prso Brasiliens Schlussmann Dida (51.), der nachfassen musste. Die beste Chance zum Ausgleich hatte der für Ivan Klasnic eingewechselte Ivica Olic in der 68. Minute. Doch statt nach innen zu passen, entschied der Angreifer, es selbst zu versuchen.

"Das war ein exzellentes Spiel. Wir hatte es nicht verdient zu verlieren, weil wir über weite Strecken die bessere Mannschaft waren", sagte Kroatiens Nationaltrainer Zlatko Kranjcar: "Aber einen Fehler gegen Brasilien darf man sich eben nicht erlauben. Das Spiel ist ein guter Maßstab, und das macht mich zuversichtlich für den Rest des Turniers", so der Coach, der im Mittelfeld seinem Sohn Niko trotz heftiger Kritik aus der Heimat das Vertrauen schenkte.

Erst als Ronaldo durch seinen Clubkollegen von Real Madrid, Robinho, ersetzt wurde, kam wieder Ordnung ins brasilianische Spiel. Stürmer Adriano, in der Regel ein Vorbild an Einsatzwille, trabte zumeist nur über den Platz. Bei seiner besten Szene 15 Minuten vor Spielschluss verfehlte er aus zehn Metern knapp das Gehäuse.

Trotz der schwachen Vorstellung nahm Parreira seine Profis in Schutz. "Ich habe immer gesagt, das Wichtigste beim ersten Spiel ist, dass wir gewinnen. Der Sieg ist phantastisch und gibt uns Selbstvertrauen für das nächste Spiel", erklärte der Coach, der ein Lob für die Kroaten übrig hatte: "Wir haben gegen den stärksten Gegner in dieser Gruppe gespielt."

Doch den Kroaten fehlte in der Schlussviertelstunde die Kraft, den Weltmeister noch einmal ernsthaft in Gefahr zu bringen. So war einem kroatischen Flitzer die letzte nennenswerte Aktion der Partie vorbehalten. Kurz vor dem Schlusspfiff stürmte der Anhänger in einem Klasnic-Shirt aufs Feld und umarmte Angreifer Prso. Dieser blieb gelassen und führte den Flitzer vom Platz. Richtig aufregen wollte sich der 31-Jährige nicht. Dafür hatte er mit seinen Teamkollegen zuvor eine zu starke Leistung abgerufen.

Brasilien - Kroatien 1:0 (1:0)
1:0 Kaka (44.)
Brasilien: Dida - Cafú, Lucio, Juan, Roberto Carlos - Kaká, Emerson, Zé Roberto, Ronaldinho - Ronaldo (69. Robinho), Adriano
Kroatien: Pletikosa - Simic, Robert Kovac, Simunic - Srna, Tudor, Niko Kovac (41. Jerko Leko), Babic - Kranjcar - Prso, Klasnic (56. Olic)
Schiedsrichter: Archundia (Mexiko)
Zuschauer: 72.000 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Emerson / Robert Kovac, Tudor, Niko Kovac

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