Brasilien vs. Frankreich Standstürmer trifft Seniorenteam

Es ist absurd: Nach vier Siegen und dem Einzug ins WM-Viertelfinale ist Brasilien nicht mehr der große Favorit auf den Titel, sondern nur noch ein Team unter vielen. Die Seleção hat viele Probleme. Nach dem Spiel gegen Frankreich könnte die WM für sie bereits vorbei sein.

Von Oliver Lück


Manchmal sind es die kleinen Momente, die besonders viel erzählen und für große Aufregung sorgen können. So wie in der Halbzeitpause des WM-Achtelfinales zwischen Brasilien und Ghana in Dortmund. Dass ihr Teamkollege Adriano wenige Sekunden zuvor aus einer Abseitsposition zum vorentscheidenden 2:0 getroffen hatte, schien die brasilianischen Ersatzspieler wenig zu interessieren.

Orientierungslos lief Juninho vom französischen Abomeister Olympique Lyon vor der Auswechselbank herum, sprach mit einigen Fifa-Offiziellen und zuckte immer wieder mit den Schultern. Doch niemand schien das Problem lösen zu können. Die Stars der Seleção wurden immer unruhiger. Und ratloser. Und dann wurde klar, was ihnen fehlte: ein Ball. Und man sah, was die Spieler dachten: Was machen wir denn jetzt? "So weit ist es also gekommen", witzelte ein Radiojournalist aus São Paulo auf der Pressetribüne, "nun vergessen die auch schon ihre Bälle!"

Auch sonst herrscht große Ratlosigkeit beim fünfmaligen Weltmeister. Dass das Team aus grandiosen Einzelspielern noch nicht zusammengefunden hat, wird immer offensichtlicher. Auch beim 3:0 im Achtelfinale gegen Ghana segelten Pässe reihenweise ins Seitenaus, kam es zu Missverständnissen im Minutentakt und mussten die Spieler untereinander viel diskutieren und erklären – wie auch schon in der Vorrunde gegen Kroatien (1:0) und Australien (2:0). Die bisweilen beste Leistung war das 4:1 gegen Japan – bei dem die Mannschaft zur Hälfte aus Ersatzspielern bestand.

Das Gesicht der Seleção 2006 ist nicht Barcelonas Ronaldinho, nicht Kaka vom AC Mailand und auch nicht Juan von Bayer 04 Leverkusen, der bislang im defensiven Viererverband ein überdurchschnittliches Turnier spielt. Das Gesicht des natürlichen WM-Favoriten ist Ronaldo – doch es ist kein glückliches. Es sieht angestrengt aus. Völlig außer Form erfindet der 29-Jährige bei dieser WM unfreiwillig einen neuen Stürmertyp: den des Standstürmers, der nicht läuft, kaum anspielbar ist, meist im Abseits steht und dennoch seine Tore schießt.

Doch darin ist Ronaldo zurzeit absolute Weltklasse, wie gestern gegen Ghana: Ronaldo schleppt sich über den Platz, er atmet schwer. Ronaldo will antreten, rutscht aus. Immer wieder blickt er auf seine neongelben Schuhe, auf denen der Name seines Sohnes Ronald steht, und in denen er läuft, als ob sie ihm viel zu klein wären. Ronaldo hebt müde den Arm, will Anweisungen geben, lässt es dann aber bleiben. Auf der Anzeigetafel wird der Hinweis eingeblendet, dass "Ronaldo Nr. 9" mit 15 Treffern nun der erfolgreichste Torschütze der WM-Geschichte ist.

Die Fans feiern "RO-NAL-DO" mit Sprechchören. Ronaldo winkt müde ins Publikum, läuft zur Seitenlinie und trinkt einen Schluck. Trainer Carlos Alberto Parreira zeigt ihm, dass er sich mehr bewegen muss. Ronaldo geht zurück aufs Feld, steht im Abseits. So weit im Abseits, dass der Schiedsrichterassistent es anscheinend nicht mehr für nötig hält, die Fahne zu heben, da es sowieso jeder sieht. Ebenso wie es der einst beste Stürmer der Welt nicht für nötig hält, mehr zu tun, als nötig ist – stellvertretend für die gesamte Elf.

"Das erinnert mich an das Turnier 1998, da war Ronaldo auch nicht fit und hätte auf die Bank gemusst", sagt Ricardo Setyon, seinerzeit Pressechef des brasilianischen Fußballverbandes und heute als Journalist bei der WM dabei. "Es ist doch offensichtlich, dass Ronaldo auf die Bank gehört", betont er nochmals, "ebenso wie diese ganzen alten Männer: Cafu, Roberto Carlos, Emerson und Zé Roberto."

Doch Parreira traue sich nicht, denke viel zu ergebnisorientiert und nehme dem kreativen Spiel so "die Frische und das Tempo", so Setyon. Doch es gilt als sicher, dass sie allesamt wieder in der Startelf stehen werden am Samstag im Viertelfinale gegen Frankreich. Lediglich Standstürmer Ronaldo wird mit dem gegen Ghana noch verletzten Robinho, dem momentan mit Abstand besten brasilianischen Angreifer, frischen Wind zur Seite bekommen. Adriano von Inter Mailand, der gegen Ghana ebenso matt wirkte, wird wieder auf der Bank Platz nehmen müssen.

Dass die veraltete französische Equipe – Zidane (34), Thuram (34) und Makelele (33) spielen ihr letztes großes Turnier – nach dem 3:1 gegen Spanien nun auf Augenhöhe gegen die Südamerikaner antritt, zeigt, dass Brasilien endgültig dort angekommen ist, wo Argentinien, Deutschland, Italien oder Frankreich schon lange sind: Die Seleção ist nicht mehr die Übermannschaft, sondern nur noch ein Favorit unter vielen. Niemand kann mit Gewissheit sagen, ob die Elf einen guten oder schlechten Tag erwischen wird – auch nicht ihr Trainer Carlos Alberto Parreira, der lediglich weiß, dass "nun die wirklich schweren Gegner auf uns warten" und dass "die WM nun begonnen hat". Sie könnte allerdings auch ganz schnell wieder vorbei sein.

Immerhin das Problem der Halbzeitpause konnte doch noch gelöst werden. Die Ghanaer halfen den brasilianischen Ersatzspielern mit einem ihrer Bälle aus. Und die erleichterten Juninho, Gilberto, Julio Cesar und Ricardinho zeigten, dass sie zumindest im Spiel Sechs-gegen-Eins auf engem Raum nach wie vor unerreicht und weltmeisterlich sind. Der Ball tanzte durch die Reihen, dass es nur so eine Freude war. Es wurde gescherzt, gelacht und geschrien. Und da waren sie wieder, die Momente, die der Illusion des perfekten und schönen Spiels so nahe kommen.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.