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09. Juli 2014, 19:09 Uhr

Brasiliens Halbfinal-Demontage

"Dieser Makel bleibt für immer"

Ein Interview von

Der Schmerz wird langsam verschwinden, aber vergessen wird Brasilien die 1:7-Niederlage gegen Deutschland nie. Im Interview spricht der Journalist Fernando Duarte über die Arroganz des brasilianischen Fußballs und die Verantwortlichen des Debakels.

SPIEGEL ONLINE: Herr Duarte, Sie sind Brasilianer und begleiten die Seleção seit vielen Jahren. Wie geht es Ihnen am Morgen nach diesem Spiel?

Duarte: Ich wünschte, ich könnte sauer sein oder traurig. Aber da ist nichts, ist bin leer, auf der Tribüne musste ich laut lachen. Da haben Schuljungs gegen ein Team von Weltformat gespielt. Ich wusste, dass das irgendwann passieren würde. Wie so viele hatte ich jedoch gehofft, dass der Zeitpunkt noch nicht jetzt, noch nicht bei dieser WM im eigenen Land kommen würde.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben gewusst, dass Brasilien so einen Abend erleben würde?

Duarte: Nein, das konnte niemand ahnen, das ist schlimmer als jedes ausgedachte Szenario. Doch es war klar, dass diese brasilianische Fußballära an ihr Ende gelangt. 2002 waren wir mehr mit Glück und durch die Einzelleistungen großer Spieler wie Ronaldo, Ronaldinho und Rivaldo Weltmeister geworden, auch damals lag es nicht an der tollen Taktik von Luiz Felipe Scolari. Zweimal haben wir uns danach in die K.o.-Runde gerettet, doch mit dem Fußball von 1994 hatte das nichts mehr zu tun. Der brasilianische Fußball hat sich seit vielen Jahren nicht weiterentwickelt.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass sich durch diese Niederlage etwas ändert?

Duarte: Wenn Sie zurück in die Geschichte des brasilianischen Fußballs schauen, waren es immer die schmerzhaften Niederlagen, die den Anstoß zu etwas Neuem gegeben haben. Wir Brasilianer sind so arrogant, wenn es um Fußball geht. Wir denken, wir haben ihn erfunden, wir haben die Tradition, keiner kann uns etwas sagen. Deshalb brauchen wir so einen Schock, um uns entwickeln zu können. Und dieses Spiel gegen Deutschland ist der größte Schock bisher, vielleicht sogar heftiger als Maracanaço aus dem Jahr 1950. Es ist ein neues Kapitel unserer Nation.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet das für die Spieler, die daran beteiligt waren?

Duarte: Sie werden auf ewig damit verbunden sein, das brasilianische Gedächtnis vergisst so etwas nicht. Sie können ihre Karriere professionell weiterführen und auch das Spiel am Samstag um Platz drei müssen sie ja irgendwie hinter sich bringen. Aber es ist egal, ob sie dort gewinnen oder verlieren: Dieser Makel bleibt für immer.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert nun im brasilianischen Fußball?

Duarte: Zunächst muss sich der Schmerz legen, das dauert. Dann müssen die Verantwortlichen verstehen, dass es bei uns ein großes Ungleichgewicht gibt. Der brasilianische Verband ist so reich, doch alles Geld fließt in die Seleção. Den Klubs in Brasilien geht es schlecht, es gibt keine gute Nachwuchsarbeit mehr. Da hat uns Europa so vieles voraus. Es fehlt an taktischem Verständnis, an der Ausbildung der Trainer. Wir müssen einsehen, dass wir nicht mehr den besten Fußball der Welt haben. Wir sind noch immer Rekordweltmeister, aber darauf haben wir uns viel zu lange ausgeruht.

SPIEGEL ONLINE: Hat Brasilien die Augen vor der Realität des modernen Fußballs verschlossen?

Duarte: Wir haben uns von unseren Erfolgen blenden lassen und dabei nicht mitbekommen, dass sich das Spiel verändert hat. Deutschlands Stärke ist das Ergebnis eines etwa zehnjährigen Prozesses. So etwas gibt es bei uns nicht, ich glaube auch nicht, dass die Zeit bis zur WM 2018 dafür reicht. Die Fußballwelt hat sich weitergedreht, sie ist taktischer geworden, aber Brasilien dachte, man könnte so ein Turnier noch immer mit Leidenschaft und dem Respekt der anderen Teams gewinnen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Schuld trägt Scolari?

Duarte: Er hat ganz richtig erkannt, dass es vor allem seine Verantwortung ist. Scolari hat so viele fachliche Fehler gemacht, dass der Verband ihn als Trainer nicht wird halten können. Sein Fußball ist altmodisch, seine taktischen Pläne sind ein Witz. Du kannst doch nicht mit Fred als Sturmspitze gegen Deutschland spielen! Okay, Scolari hat es geschafft, dem Team und dem Land mit seinen Phrasen Selbstbewusstsein zu geben, aber das war es. Er ist das Gesicht für dieses Drama. Es ist Zeit, zu gehen.

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