Braunschweiger Meisterteam 1967 Die Minimalisten vom Zonenrand

Sie wurden verspottet, doch das spornte die Braunschweiger Bundesliga-Fußballer nur an. 1967 holte das Provinzteam den Titel. Bis heute halten die Niedersachsen einen Rekord: Keiner brauchte weniger Tore für den Triumph.
Von Stefan Maiwald

Keiner nahm die Provinzler mit ihren grellgelben Trikots ernst, auch die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" nicht: "Die Gefahr, dass die Hanse der Bundesliga-Städte als nächsten Fremdkörper die biederen Braunschweiger abstößt, lässt sich nicht von der Hand weisen", schrieb die "FAZ" im Sommer 1966. "Ihr Ausscheiden käme einer folgerichtigen Begradigung der geographischen und wirtschaftlichen Bundesliga-Grenzen gleich." Braunschweig schien einfach nicht in die oberste Spielklasse zu passen. Die Stadt, einst in ökonomisch vorteilhafter Mittellage zwischen Ruhrgebiet und Berlin prosperierend, fand sich nach dem Krieg im Zonenrandgebiet wieder - der tote Winkel der Wirtschaftswunder-Republik. Was konnte man von Braunschweig in der 1963 gegründeten Bundesliga erwarten? Die Experten waren sich einig: wenig.

Dennoch wollte die Mannschaft partout nicht absteigen, im Gegenteil: Von Spielzeit zu Spielzeit wurde die Eintracht stärker. Trainer Helmuth Johannsen setzte auf mannschaftliche Geschlossenheit: Die Meistersaison 1966/67 bestritt Johannsen praktisch mit einem Kader von zwölf Spielern. Das bescherte ihm eine perfekt harmonierende Defensive. Und dann gab es auch noch Torhüter Horst Wolter, dem man bescheinigte, zumindest auf der Linie besser zu sein als Sepp Maier.

Johannsen orientierte sich an der Taktik des Argentiniers Helenio Herrera, der zur gleichen Zeit Inter Mailand trainierte und den modernen Catenaccio erfand. Für seine Kontertaktik hatte Johannsen genau die richtigen Offensivspieler: Die schnellen und technisch starken Lothar Ulsaß, Erich Maas und Gerd Saborowski. Die drei maßen nur 178, 167 und 173 Zentimeter, schossen in der Meistersaison aber 14, 11 und 8 Tore. Besonders Maas und Saborowski lösten mit ihren Sprints bei der gegnerischen Defensive Herzflattern aus.

Auch das Umfeld stimmte: Präsident Ernst Fricke war ein Patriarch alter Schule, der Wert auf ein intaktes Vereinsleben legte und täglich das Stadion besuchte, ob nun Training war oder nicht. Er setzte auf Teamgeist, der damals noch "Kameradschaft" hieß. Und er war klug genug, Johannsen freie Hand in Sachen Aufstellung und Taktik zu lassen.

Das Stadion an der Hamburger Straße fasste immerhin 37.000 Zuschauer und war nicht nur in der Meistersaison
meistens ausverkauft. Und doch war Glamour ein Fremdwort. "Als andere Vereine schon in tollen Glitzertrikots aufliefen, trugen wir noch die alten Baumwollhemden, die im Regen immer kleiner wurden", erinnert sich Keeper Wolter. Auch die Bezahlung regelte man kameradschaftlich: 1200 Mark Grundgehalt pro Spieler, 250 Mark pro Sieg.

Nach sechs Begegnungen war die Eintracht mit 9:3 Punkten erstmals Tabellenführer. Am 17. Spieltag feierte man die Herbstmeisterschaft, punktgleich vor dem Hamburger SV. Die meisten Experten gingen weiterhin von einem fußballhistorischen Irrtum aus. Die hervorragend eingespielte Eintracht, die den FC Bayern 5:2 eingestampft hatte, machte es noch einmal spannend: Durch zwei Niederlagen am 30. und 31. Spieltag gegen den niedersächsischen Rivalen Hannover 96 und Karlsruhe war Eintracht Frankfurt plötzlich punktgleich, Titelverteidiger 1860 München lag nur noch einen Punkt zurück.

Am nächsten Spieltag entschieden Ulsaß und Erich Maas mit ihren Treffern in der 84. und 89. Minute beim 2:1-Sieg gegen Gladbach das Rennen für die Braunschweiger, denn Frankfurt und 1860 patzten. Das 0:0 bei Rot-Weiss Essen am vorletzten Spieltag machte die Meisterschaft auch mathematisch klar, der abschließende 4:1-Sieg gegen Nürnberg wurde zum Auftakt für eine mehrtägige Feier. Die Dortmunder Union-Brauerei stellte ein "Meisterbier" her: Die Dosen waren mit dem Mannschaftsfoto der Eintracht versehen, und noch heute stehen in vielen Braunschweiger Kneipen ungeöffnete Exemplare hinter beschlagenen Vitrinen.

Den Braunschweiger Minimalisten gelang ein bis heute gültiger Rekord: Als Meister schossen sie in 34 Spielen nur 49 Tore (27 Gegentreffer). Dabei war das Team keine mauernde Tretertruppe: Eintracht blieb von allen Bundesligateams am längsten ohne Platzverweis: Von 1963 bis zum ersten Abstieg 1974 waren das 322 Bundesligaspiele hintereinander ohne Rote Karte – ein Rekord, der wohl ewig halten dürfte. Den ersten Platzverweis für Braunschweig kassierte 1975 der damals älteste Spieler der Bundesliga, der 35-jährige Wolfgang Grzyb, als er Schiedsrichter Manfred Scheffner beschimpfte, der zwei Jahre jünger war als er.

Vor dem Auftritt im Europapokal der Landesmeister in der Saison 1967/68 wurde eine Blamage für den deutschen Fußball befürchtetet. Doch Braunschweig schaffte es bis ins Viertelfinale und traf auf Juventus Turin. Im Heimspiel schlug man Juve 3:2, im Rückspiel hielt Eintracht bis zur 88. Minute ein 0:0. Dann verwandelten die Italiener einen Foulelfmeter, und weil es noch keine Auswärtstor-Regelung gab, wurde das Spiel auf neutralem Platz wiederholt. In Bern gewann Juventus 1:0.

Das Meisterwunder konnte zwar nicht wiederholt werden, aber in den folgenden zehn Jahren platzierte Braunschweig sich noch viermal unter den ersten Fünf, 1976/77 fehlte nur ein Punkt zur erneuten Meisterschaft. Johannsen verließ die Eintracht 1970 und wurde 1978 mit Grashoppers Zürich Schweiz Meister. Da schloss sich der Kreis: Die "Hoppers" hatten in den dreißiger Jahren den "Schweizer Riegel" erfunden – den Vorläufer des Catenaccio.

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