Brdaric-Interview "Klinsmann verlangt Selbständigkeit"

Was macht Jürgen Klinsmann besser als Rudi Völler? Kurz vor den letzten Länderspielen des Jahres gegen Japan, Südkorea und Thailand spricht Stürmer Thomas Brdaric mit SPIEGEL ONLINE über neue Ansprüche im Training, Motivation per E-Mail und die Bedeutung der WM 2006.

SPIEGEL ONLINE:

Als die deutsche Nationalmannschaft vor zweieinhalb Jahren nach Asien flog, ging es um die Weltmeisterschaft. Was ist diesmal das Ziel?

Brdaric: Ich hoffe, dass wir nach dem Ende der ersten Bundesliga-Halbserie alle ohne Verletzungen anreisen werden, um Deutschland mit einer schlagkräftigen Truppe auf dem asiatischen Markt präsentieren zu können. Der DFB sieht die Reise als wichtigen Bestandteil der Vorbereitung auf die WM 2006.

SPIEGEL ONLINE: Ist die weite Reise aus sportlicher Sicht wirklich gut durchdacht?

Brdaric: Es gibt Stimmen, die darauf hinweisen, dass die körperliche Verfassung der Fußballer zum Ende der Bundesliga-Hinrunde nicht mehr die beste ist. Aber als Nationalspieler muss man eben ein bisschen mehr leisten als andere. Wir sind das Aushängeschild und haben eine Vorbildfunktion. Da gehört so eine Reise eben dazu. In einigen anderen Ländern gibt es ja nicht mal eine Winterpause.

SPIEGEL ONLINE: Muss das DFB-Team nach der enttäuschenden EM in Asien Imagepflege betreiben?

Brdaric: Das ist sicherlich ein Aspekt. Aber wir wollen gar nicht so sehr in die Vergangenheit schauen. Der neue Bundestrainer mit seinem Team hat schon einiges umgekrempelt.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie im ersten Moment gedacht, als der DFB Jürgen Klinsmann als Nachfolger von Rudi Völler vorstellte?

Brdaric: Um ehrlich zu sein: ganz schön mutig vom DFB, keinen der seit Jahren Etablierten zu nehmen. Man neigt ja immer dazu, am Altbewährten festzuhalten.

SPIEGEL ONLINE: Klinsmann tritt als großer Modernisierer auf. Was hat sich für die Nationalspieler tatsächlich verändert?

Brdaric: Zunächst einmal: Rudi Völler und Michael Skibbe haben ihre Arbeit tadellos gemacht. Aber Klinsmann, Joachim Löw und Oliver Bierhoff führen das Team anders. Zum Beispiel hat sich der Tagesablauf vor Länderspielen geändert. Wir trainieren und essen zwar zusammen, aber in der Zeit dazwischen gibt es keine Vorschriften, dass man im Hotel oder auf dem Zimmer zu bleiben hat.

SPIEGEL ONLINE: Sie sollen sich also selbständig aufs Spiel vorbereiten?

Brdaric: Ja, Klinsmann verlangt Selbständigkeit von uns.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von seinen Maßnahmen, mit einem externen Fitnesstrainer zu kooperieren und einen Mentaltrainer zu Rate zu ziehen?

Brdaric: Ich bin ein Typ, der sich gerne weiterentwickelt. Deshalb bin ich für jeden Tipp zu haben. Stagnation ist ein Rückschritt. Klinsmann versucht immer wieder etwas Neues. Das ist die Spur, die zum Erfolg führt.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern unterscheidet sich Klinsmann von Völler?

Brdaric: Beiden waren Nationalstürmer und wissen, wie Fußballer ticken. Das ist das Allerwichtigste. Als wesentlichen Unterschied bringt Klinsmann seine in den USA erworbenen Kenntnisse über neue Methoden mit, wie man ein Team leiten muss. Das ist sein Pluspunkt. Außerdem hat Völler das Training ein bisschen lockerer gesehen, Klinsmann und Löw dagegen legen ihr Hauptaugenmerk darauf, dass ordentlich trainiert wird.

SPIEGEL ONLINE: Klinsmann wirkt vor allem auch abseits des Platzes sehr engagiert.

Brdaric: Rudi Völler war Rudi Völler, wie ihn jeder kennt. Was ansonsten ums Nationalteam herum passierte, hat er größtenteils dem DFB überlassen, zum Beispiel die Einladungen zu Länderspielen. Klinsmann dagegen sucht selbst den Kontakt per E-Mail zu den Nationalspielern. Auf diese Weise erhalten wir ständig neue Informationen. Mit Bierhoff und Georg Behlau (Leiter des Nationalmannschafts-Büros beim DFB, d. Red.) nimmt er auch vieles andere in die Hand und ist dabei sehr innovativ.

SPIEGEL ONLINE: Als Klinsmann bei seinem Amtsantritt das Ziel WM-Titel verkündete, waren Sie da erstaunt?

Brdaric: Positives Denken hat noch keinem geschadet. Klinsmann versucht für optimistische Stimmung zu sorgen. Bei jedem Treffen mit ihm motiviert er uns und zeigt uns den Weg, den wir gemeinsam gehen wollen. Er ist da ein Vorbild.

SPIEGEL ONLINE: Ihre dynamische, sehr laufintensive Spielweise erinnert ein wenig an die von Klinsmann. Ist das im Kampf um die Stammplätze ein Vorteil für Sie?

Brdaric: Berti Vogts hat mal gesagt, ich sei das größte deutsche Stürmertalent. Und als er dann nach Leverkusen kam, hatte ich es sehr schwer, mich durchzusetzen. Der Vergleich mit Klinsmann ehrt mich. In meiner Kindheit habe ich ihn sehr verehrt. Aber es geht nichts über Leistung.

SPIEGEL ONLINE: In Iran haben Sie Ihr erstes Länderspieltor erzielt. Wie schätzen Sie Ihre Chancen im Hinblick auf die WM 2006 ein?

Brdaric: Die WM im eigenen Land ist das Größte, was man erreichen kann. Ich richte wirklich mein Leben danach aus. Wir haben vier, fünf Topstürmer, die sich in einem offenen Konkurrenzkampf befinden. Noch hat keiner seinen Stammplatz für die WM 2006 sicher.

SPIEGEL ONLINE: Was offenbar auch für die Torhüterposition gilt. Als "Wilde 13" hatten sie ihre Probleme mit Oliver Kahn und Jens Lehmann in einem Lied thematisiert, das auf CD veröffentlicht wurde. Was denken Sie über den Torwart-Streit in der DFB-Elf?

Brdaric: Bisher lief es doch noch ganz human ab. Ich finde, Konkurrenz belebt das Geschäft. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir außer Kahn und Lehmann in Deutschland weitere gute Torhüter haben, beispielsweise Timo Hildebrand. Klinsmann kann darauf eigentlich stolz sein.

SPIEGEL ONLINE: Ganz so toll waren die Leistungen zuletzt nicht mehr. Möglicherweise verunsichert die offene Torwartfrage die Rivalen. Sollte Klinsmann für Klarheit sorgen?

Brdaric: Nein. Es ist noch lange hin bis zur WM. Deswegen wäre es auch schlecht, sich schon jetzt festzulegen, wer spielt. Ehrlich gesagt, bin ich ganz froh, dass ich das alles nicht entscheiden muss.

Das Interview führte Till Schwertfeger

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