Bremen reloaded Werder 3.0 auf dem Weg an die Spitze

Seit dem Abgang von Regisseur Diego spielt das Team von Werder Bremen als echte Einheit - und plötzlich wieder um die Meisterschaft mit. Das torreiche Revival bringt vor allem den Hamburger SV ins Schwitzen.

Werder-Zugang Marin: Dem HSV auf den Fersen
dpa

Werder-Zugang Marin: Dem HSV auf den Fersen

Von Christoph Biermann


Mitunter gibt es am Ende von Fußballspielen Ergebnisse, die zugleich lügen und doch eine tiefere Wahrheit enthüllen. Das 4:1 von Werder Bremen beim VfL Bochum gehört dazu.

Der Sieg war umkämpfter, als man nach dem Endstand vermuten könnte - und fiel um ein oder gar zwei Treffer zu hoch aus. In entscheidenden Momenten half auch mal das Glück mit.

Doch das Ergebnis machte eines endgültig klar: Auch der letzte Zweifler wird inzwischen anerkennen müssen, dass der SV Werder als Spitzenteam der Bundesliga zurück ist.

Wenn die Geschichte der Saison 2009/10 später einmal in Bremen rekapituliert wird, könnte diesem Sonntagabend im Ruhrgebiet sogar eine besondere Bedeutung beikommen. An diesem zehnten Spieltag schob sich Werder nicht nur wieder in die Top Drei und kam auf einen Punkt an die Tabellenspitze heran, sondern wirkte außerdem wie eine Mannschaft, die ernsthaft um die Deutsche Meisterschaft mitspielen kann.

Nach der Niederlage zum Saisonstart in Frankfurt hat sie inzwischen weder in der Bundesliga noch im Pokal noch in der Europa League verloren. Die Serie steht nun schon bei 15 Spielen ohne Niederlage und hat längst nichts Episodenhaftes mehr.

Thomas Schaaf ist nun schon in seiner zwölften Saison Trainer der ersten Mannschaft von Werder Bremen und Exegeten des Clubs streiten darüber, das wievielte Team er in dieser Zeit zusammengebastelt hat. Keinen Zweifel gibt es aber daran, dass dieses ein Neues ist, denn Werder befindet sich in Jahr eins n.D. (nach Diego), so wie es auch mal ein Jahr eins n.M. (nach Micoud) gegeben hat - oder vielleicht sogar das n.A. (nach Ailton).

Nach dem Sieg in Bochum sagte Manager Klaus Allofs vorsichtig, der Wechsel von Diego nach Italien habe auch Platz für andere Spieler geschaffen. Das sollte keineswegs die Leistung des Brasilianers nachträglich herabwürdigen, aber offenbar hatten etliche seiner Mannschaftskameraden in der verkorksten Vorsaison die Verantwortung fürs Spiel mit besten Wünschen bei Diego abgeladen: Mach du mal!

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Sonntagsspiele: Fordernde Fans, kämpfende Kicker

Inzwischen ist das Team kein Begleitensemble eines Stars mehr, sondern eine gut verschweißte Einheit. Das wird besonders in der Defensive deutlich, die bekanntlich Grundlage für alle Titelaspiranten ist.

In Bochum kassierte Werder das erst siebte Gegentor der laufenden Bundesligasaison und wird diesbezüglich nur von Bayer Leverkusen unterboten. Im Vorjahr waren es zum gleichen Zeitpunkt schon mehr als dreimal so viele Gegentreffer, nämlich 22 - der damals schlechteste Wert der Liga. Vorne ging auch in der vergangenen Saison immer was, das hat sich nicht wesentlich verändert. Die 20 erzielten Tore dieser Spielzeit liegen nur drei Treffer unter dem Wert der Vorsaison zum gleichen Zeitpunkt und sind derzeit hinter dem Hamburger SV zweitbester Wert der Bundesliga. In Bochum drehte Werder einen Rückstand aus der ersten Minute noch vor der Pause, ohne den Eindruck besonderer Anstrengung zu verbreiten.

Pizarro - nicht mal Staatsanwälte können ihn stoppen

Jede Standardsituation ist für den Gegner schon wegen der vielen Bremer Kopfballriesen eine Horrorsituation. Dazu ist Mittelfeldspieler Mesut Özil erstaunlich selbstverständlich aus dem Schatten von Diego getreten und mal Dirigent, mal Solist des grün-weißen Ensembles. Doch am wichtigsten in der Offensive bleibt Angreifer Claudio Pizarro. Den Peruaner bringen schon die Staatsanwälte seines Landes nicht aus der Ruhe, wenn es um Steuerhinterziehung oder unerlaubte Transfergeschäfte geht, wie soll das Bundesligaverteidigern gelingen?

Da macht es auch wenig, dass die Neuzugänge im Schaaf-Team 3.0 für den Umschwung nur am Rande verantwortlich sind. Marco Marin sorgt eher für die Verzierungen im Bremer Spiel, Tim Borowski glänzt vor allem durch Selbstzufriedenheit und der Stürmer Marcelo Moreno für Auftritte als Statist.

Doch was soll's, wenn die alten Spieler wie neu getaktet aufspielen?

An diesem Sonntagabend bejubelten die Bremer Fans in Bochum nicht nur ihre Mannschaft, sondern auch den späten Ausgleichstreffer gegen den Nordrivalen Hamburger SV in Schalke. In der vergangenen Saison lieferten sich beide Clubs in Bundesliga, Pokal und Uefa Cup eine Serie epischer Schlachten, an deren Ende nur Werder jubelte und eine Papierkugel als Kultobjekt feierte. Am letzten Spieltag der Hinrunde werden beide Clubs wieder aufeinander treffen. Und diesmal dürfte es auch tabellarisch ein Spitzenspiel sein.

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Seite 1
frubi 26.10.2009
1. .
Zitat von sysopSeit dem Abgang von Regisseur Diego spielt das Team von Werder Bremen als echte Einheit - und plötzlich wieder um die Meisterschaft mit. Das torreiche Revival bringt vor allem den Hamburger SV ins Schwitzen. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,657291,00.html
Sehr schöne Sache. Auch als neutraler Beobachter kann man das sagen. Manch ein anderer Verein hätte nach dem Abschluss der Saison den Trainer entlassen. Herr Allofs und die Leute in Bremen verdienen Respekt für ihre Entscheidungen.
Las51, 26.10.2009
2. Totgesagte leben länger
Von einigen Medien, dem Spiegel eingeschlossen, wurde ja schon ein steiler Abstieg Werders angesichts der Konkurenz durch Investorenvereine in den nächsten Jahren prognostiziert (Saisonprognose: mit den internationalen Plätzen wird's nix). Erfreulich dass die Saison bis jetzt so wunderbar läuft...
walu 26.10.2009
3. Kontinuität im Umbruch
Glückwunsch an den Autor, ganz ehrlich, dass wir langsam da ankommen, wo die tiefere Wahrheit sitzt. Endlich! Letzte Woche waren Werder und HSV an gleicher Stelle für den gleichen Autor noch die Verantwortlichen für die neue Anti-Attraktivität im deutschen Fußball (Zitat: "im Würgegriff"). Aber sieben Tage später ist der Groschen nun scheinbar gefallen. Prima! Ja, in Bremen ist was im Gange, es wächst etwas zusammen. Das macht Spaß, weil es so schön dynamisch und überhaupt nicht unattraktiv ist. Vor allem aber ist es erfreulich zu sehen, wie Thomas Schaaf immer weiter dazulernt. Was jetzt in Bremen stattfindet, erinnert eigentlich nicht so sehr an "n.M." oder "n.A.", sondern vor allem an das Jahr 1987. Damals ging Rudi Völler und mit ihm noch die Achse Pezzey/Burdenski, und ein damals großes Blatt orakelte "Antreten zum Abtakeln". Was folgte, ist hinlänglich bekannt. Nur eben das "wie". Da dürfte Schaaf (für den als Spieler die Saison 87/88 vermutlich die beste seiner Karriere war) nun tatsächlich schon die eine oder andere Anleihe gemacht haben. Auch damals war Schaaf schon Integrationsfigur, der "Häuptling" der jungen Wilden aus dem Nachwuchs. Unterschiedliche Charaktere zu integrieren, das zeichnet Schaaf aus. Auch Rehhagel hat das geschafft. Aber Schaaf ist Teamworker und kommuniziert mit allen, nach innen und außen, mit Respekt und Wertschätzung. Thomas Schaaf ist ein großer Trainer!
mwalker, 26.10.2009
4. Respekt !
Es ist immer wieder bewundernswert wie Werder Bremen auch größere Krisen mit Ruhe meistert um dannch wieder in der Spitzengruppe der Bundeslige aufzutauchen. Der krasse Gegesatz ist Bayern München : der hektische Hühnerhaufen verschleisst der seit einigen Jahren Spieler und Trainer wie kein zweiter Klub in der Liga ohne nur annähernd die gesteckten Zeile zu erreichen.
saul7 26.10.2009
5. Es
Zitat von frubiSehr schöne Sache. Auch als neutraler Beobachter kann man das sagen. Manch ein anderer Verein hätte nach dem Abschluss der Saison den Trainer entlassen. Herr Allofs und die Leute in Bremen verdienen Respekt für ihre Entscheidungen.
bleibt die Hoffnung, dass die Mannschaft Zählbares einfährt und sich in Zukunft als stabiler erweist.
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