Bremens Uefa-Cup-Aus Das dunkle Jahr des Miro K.

Miroslav Klose ist am Boden. Als WM-Torschützenkönig in die Saison gestartet, erlebt der Nationalspieler in diesen Tagen den Tiefpunkt seiner Karriere. Mit seiner Schwalbe leitete er das Aus der Bremer im Uefa-Cup ein, für die Fans ist er der Sündenbock und ein "Bayern-Schwein".

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"Miro Klose – Fußballgott" – vor nicht einmal einem Jahr hallte diese Liebesbekundung aus Hunderttausenden Kehlen auf der Berliner WM-Fanmeile. Werders Stürmer ging mit 25 Toren aus 26 Spielen als treffsicherster Bundesliga-Spieler in die Weltmeisterschaft und wurde auch hier Torschützenkönig. Doch nicht nur seine fünf Treffer ließen Fans und Verein nach mehr hoffen. Es war vielmehr die Art und Weise, wie Klose den Fußball zelebrierte. In den wichtigen Momenten war der 28-Jährige da, stach eiskalt zu und hatte so maßgeblichen Anteil am dritten Platz der Klinsmann-Elf. Salto inklusive.

Zehn Monate später dreht sich Klose kaum noch in der Luft. Eher liegt der Stürmer am Boden. Wie gestern Abend im Rückspiel des Uefa-Cup gegen Espanyol Barcelona: Werder war bereits nach vier Minuten durch Kloses Kollegen Hugo Almeida in Führung gegangen und schickte sich an, das 0:3 aus dem Hinspiel aufzuholen. Ein weiteres Weser-Wunder bahnte sich an, doch in der 19. Minute platzten alle Träume der Grün-Weißen. Klose, bereits nach zwei Minuten mit einer fragwürdigen Gelben Karte für einen harmlosen Luftkampf verwarnt, ließ sich in einem Zweikampf jenseits der 16-Meter-Linie plump fallen und provozierte damit seinen Platzverweis.

Auch wenn die Gelb-Rote-Karte in dieser Situation eine harte Entscheidung von Schiedsrichter Bertrand Layec aus Frankreich war: Einem Nationalspieler darf so ein Fehler in einem so wichtigen Spiel nicht passieren. Immerhin gestand Klose seinen Blackout ein: "Ich versuche, mich da fallen zu lassen. Das ist absolut Gelb. Aber die erste Gelbe Karte, da fehlen mir die Worte", ärgerte sich Klose. "Es ist für mich unverständlich, welche Entscheidung er da getroffen hat. Dafür habe ich kein Verständnis", sagte Thomas Schaaf. Dabei meinte der Werder-Trainer allerdings nicht Klose, sondern den Schiedsrichter.

Kloses Weg führt nach seiner Schwalbe weiter abwärts. Nach dem wochenlangen Vertragspoker mit Werder beschimpften ihn die Fans bei der Auswärtsniederlage in Barcelona sogar als "Bayern-Schwein". Zuvor war Klose hilflos über den Platz getrabt und hatte es auf lausige elf Ballkontakte gebracht. Auslöser des Fan-Zorns war ein Treffen zwischen Klose und der Führungsriege des FC Bayern zwei Tage vor dem Barcelona-Trip.

Jämmerliches Bild

Auch bei dieser Geschichte gab Klose ein jämmerliches und gleichzeitig naives Bild ab: "Ich habe mich aufs Spiel konzentriert. Es wird so viel verbreitet, dass mich das gar nicht mehr beschäftigt", hatte Klose nach dem Barcelona-Spiel noch indirekt dementiert, dass es Kontakt zum FC Bayern gab. Einen Tag später kroch der ehemalige Lauterer zu Kreuze: "Das Treffen mit den Bayern war lediglich ein Informationsgespräch und keine Vertragsverhandlung. Der Zeitpunkt war unglücklich. Dafür möchte ich mich bei Werder und allen Fans entschuldigen", erklärte der Stürmer. "Ich hätte Trainer und Manager vorher informieren müssen."

Ein Bekenntnis zu seinem Club, bei dem Klose noch bis 2008 unter Vertrag steht, ließ Klose allerdings vermissen. Es folgte ein weiterer Tiefpunkt: Werder verpasste durch eine 2:3-Auswärtsniederlage in Bielefeld, bei der Klose zwar einen Treffer erzielte, aber auch zahlreiche gute Möglichkeiten ausließ, den Sprung an die Spitze. Danach rauschte es im Blätterwald: Klose wechselt zu Barcelona, wusste die "Sportbild". Klose einig mit Bayern, vermeldete die "Süddeutsche Zeitung" am vergangenen Mittwoch. Jetzt endlich zog der durch die Gerüchteküche gezerrte Klose die Notbremse und verkündete, seinen Vertrag in Bremen erfüllen zu wollen.

"Es war wichtig, dass wir das jetzt vor dem Spiel bekannt gegeben haben, um die Spekulationen zu beenden", sagte Klose. Doch damit waren die Spekulation keineswegs beendet. Denn zu seiner Zukunft befragt, blieb er klare Aussagen schuldig und antwortete lediglich: "Es ist noch alles möglich." Dass er für 2008 bereits beim FC Bayern unterschrieben habe, wollte der Mann, der in dieser Saison zwischenzeitlich 1158 Minuten ohne Torerfolg blieb, nicht kommentieren. Einiges spricht allerdings dafür. Und genau darin besteht der Explosionsstoff, der Werder die Meisterschaftsträume sprengen könnte.

Sollte in den kommenden Tagen bekannt werden, dass Klose bereits einen Vorvertrag mit den Münchnern geschlossen hat, dürfte die kommende Saison an der Weser für ihn zum Spießrutenlauf werden. Einen kleinen Vorgeschmack erlebte Klose gestern bei der Verkündung der Mannschaftsaufstellung, als die Fans ihn auspfiffen. Spätestens jetzt kommen die Mechanismen des Marktes ins Spiel. Ein weiteres Jahr bei Werder wäre unter diesen Umständen für alle Beteiligten eine Zumutung. Manager Allofs, der einen Wechsel seines besten Stürmers zum FCB in den vergangenen Wochen kategorisch ausschloss, würde diesen Zustand wohl für einen zweistelligen Millionenbetrag beenden, Klose sofort aus seinem Vertrag lassen und dennoch sein Gesicht wahren.

Am Ende gäbe es viele Sieger: Bremen hätte bis zur letzten Patrone gegen die Geldkofferträger aus Bayern gekämpft, die Fans hätten – in ihren Augen – einen Söldner vergrault und der FC Bayern hätte wieder einmal bekommen, was er wollte. Bleibt die Frage, ob Miroslav Klose nach dieser Saisonleistung und dem peinlichen Transfertheater bei den verwöhnten Münchner Fans wieder Fußballgott-Status erlangt.

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