Premier League Wie sich der Brexit auf den englischen Fußball auswirken könnte

Im Falle eines EU-Austritts würde die Qualität der höchsten englischen Fußballliga leiden, sagen Experten. Talente könnten die Insel meiden - der Verband will eine verschärfte Engländerquote.

Leroy Sané von Manchester City (r.)
Shaun Botterill / Getty Images

Leroy Sané von Manchester City (r.)


Wenn am Abend der Argentinier Mauricio Pochettino mit Tottenham Hotspur auf das von der Herrscherfamilie aus Abu Dhabi alimentierte Manchester City von Pep Guardiola aus Santpedor, Katalonien, trifft, kann eigentlich nur bedingt von einem "englischen" Duell die Rede sein.

Immerhin dürften bei dem Champions-League-Viertelfinale (21 Uhr, Liveticker bei SPIEGEL ONLINE; TV: Sky) im Norden Londons aber sechs Einheimische auf dem Platz mitwirken, das sind ein wenig mehr als sonst üblich in der durchglobalisierten Premier League. Im Schnitt kicken dort nur 30 Prozent Profis, die für die Nationalmannschaft Ihrer Majestät spielberechtigt sind.

Laut Wunsch des englischen Verbands (FA) soll es mit dieser Dominanz der Ausländer nach dem Brexit jedoch bald vorbei sein. Die FA versteht den EU-Austritt der Briten als Chance, die Position des eigenen Nachwuchses mit einer verschärften Quotenregelung zu stärken. Anstelle von bisher acht in England ausgebildeten Spielern in den 25-Mann-Kadern der Erstligisten sollen auf Initiative des Verbands zukünftig pro Verein mindestens zwölf Eigengewächse unter Vertrag stehen.

Die Eigentümer der Klubs wehren sich

"Wäre es nicht hilfreich für (Nationaltrainer) Gareth Southgate, wenn die vier am wenigsten eingesetzten Ausländer in den Mannschaften durch vier vielversprechende englische Talente ersetzt werden würden?", schrieb Martin Glenn, der im Sommer aus dem Amt scheidende Geschäftsführer des Verbandes, in einem Artikel für die "Times".

Glenn bot der Premier League im Gegenzug an, sich bei der Regierung für ein Ende der vergleichsweise strengen arbeitsrechtlichen Auflagen für Fußballgastarbeiter einzusetzen. Nichteuropäische Ausländer dürfen, anders als zum Beispiel in der Bundesliga, von englischen Klubs nur verpflichtet werden, wenn sie nachweislich Nationalspieler in Elitemannschaften sind, oder ihre Transferkosten und Gehälter so hoch sind, dass man von Spitzenqualität ausgehen kann. Diese komplizierte Regelung soll auf Bestreben der FA zugunsten einer harten numerischen Grenze wegfallen.

Bei den überwiegend selbst aus dem Ausland stammenden Eigentümern der Klubs stößt die patriotische Initiative auf wenig Gegenliebe. Nicht wenige Besitzer verstehen den Vorschlag als Angriff auf ihr Geschäftsmodell, das der weltweiten Kundschaft ja nicht weniger als die weltbesten Kicker unter einem Dach verspricht. Man wolle den Status quo der Premier League als globaler Marke erhalten, sagte Watfords Geschäftsführer Glyn Evans. Abgesehen davon gebe es "keinen Beweis dafür, dass sich härtere Quoten positiv auf die Nationalmannschaften auswirken würden", erklärte die besorgte Liga in einem Kommuniqué.

EU-Spieler könnte nur noch ein Arbeitsvisum für drei Jahre erhalten

Olaf Rebbe, bis Mitte Januar Sportdirektor bei Huddersfield Town, sieht in erster Linie die kleineren Klubs von den angefachten Änderungen betroffen: "Die reichen Vereine können die FA-Forderungen erfüllen, aber zwei Drittel der Liga müssten ihre Transferstrategie anpassen", sagt Rebbe. Der 40-Jährige nimmt an, dass es zwischen Liga und Verband am Ende "wahrscheinlich" auf einen Kompromiss hinauslaufen werde. Aber mit Sicherheit kann das derzeit auf der von Brexit-Wirren regelrecht gelähmten Insel niemand sagen.

Fans von Huddersfield Town auf dem Weg zum Stadion (Archiv)
Getty Images

Fans von Huddersfield Town auf dem Weg zum Stadion (Archiv)

Im Falle eines No-Deal-Brexits würden zwar die bestehenden Verträge weiterlaufen, sagt Rechtsanwalt Daniel Geey, der seit knapp 20 Jahren in der Fußballbranche tätig ist. "Aber wenn die Freizügigkeit für Europäer wirklich von heute auf morgen endet, wäre auch die Premier League stark betroffen. Es könnte sein, dass EU-Spieler wie gewöhnliche Migranten grundsätzlich nur noch für drei Jahre ein Arbeitsvisum bekommen, wenn sie nicht unter die bestehende Regelung für ausländische Spitzenspieler fallen."

Es würde sich dann eher nicht lohnen, jüngere EU-Spieler mit Entwicklungspotenzial zu verpflichten. Und selbst nach einem geregelten Austritt dürfte die Premier League in Zukunft größere Probleme bekommen, die besten Teenager vom Kontinent ins Land zu locken: Minderjährige dürfen aktuell nur aufgrund einer EU-Bestimmung das Land wechseln. Diese würde wegfallen.

Eine virtuelle Beispielrechnung

Die Folgen der verschiedenen Szenarien sind kaum abzusehen. Ein Mann hat es immerhin versucht. Miles Jacobson, der Kopf hinter dem jährlich von zwei Millionen Hobby-Laptop-Trainern gespielten "Football Manager"-Videospiel, machte sich im Juni 2016 die Mühe, für das betont realitätstreue Programm den Austritt zu simulieren. "Ich wollte wissen, wie sich ein Brexit auf den Transfermarkt und die wirtschaftlichen Bedingungen in der Premier League auswirken würde und ließ unser Modell die Folgen berechnen", sagt er. Jacobson sprach mit Akademikern und Politikern und stellte daraufhin nach prozentualer Wahrscheinlichkeit gewichtete Szenarien auf.

Der "Football Manager"-Brexit konnte nach zwei, drei, vier oder erst nach zehn Jahren in Kraft treten oder auch gar nicht. Bei den möglichen Quoten für Ausländer orientierte er sich an den Regularien in anderen Ligen. "Insgesamt gab es mehr als eine Million von Möglichkeiten", sagt Jacobson. Weil darunter auch die Abtrennung Schottlands von Großbritannien ("Wahrscheinlichkeit: 1:200.000") und die Vereinigung von Nordirland mit Irland ("1:1.000.000") auftauchten, wurde Jacobson von einigen Politikern unverantwortliches Handeln vorgeworfen. Er bekam Morddrohungen, aber auch Einladungen in Politik-Talkshows.

Dieses Frühjahr ging Jacobson mit den Daten aus Millionen von absolvierten Managerspielen zur britischen Regierung und sprach sich entschieden gegen die Idee der FA aus. "Viele Klubs würden nach unserer Einschätzung ihre vier nicht mehr spielberechtigten Ausländer an den Rändern der Kader durch englische Stammspieler aus anderen Vereinen ersetzen. Unter dem Strich kommen so also nicht mehr Engländer zum Einsatz. Die sportliche Qualität und Attraktivität des Produkts würden gleichzeitig zurückgehen, die Premier League - ein 7,6 Milliarden schweres Unternehmen - stünde in Gefahr, mittelfristig überholt zu werden."

Jacobson plädiert für eine Beibehaltung der bestehenden Acht-plus 17-Auflagen mit kleineren Modifikationen.

Wie dieser sich anbahnende Kulturkampf am Ende ausgeht, ist derzeit aufgrund der ungeklärten politischen Lage völlig offen, im Parlament ändert sich ja fast stündlich die Situation. Drei Jahre nach der Abstimmung weiß der englische Fußball, dass sich in der Nach-EU-Ära einiges verändern wird, aber nicht, was und wann. "Wir fliegen hier alle weiter im Blindflug", seufzt Geey.



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onlinemail 09.04.2019
1. 6 Spieler mehr als 30%
Hmm wenn heute 6 Englische Spieler mitwirken und dies mehr als der sonst üblichen 30% in England sind habe ich wohl eine Regeländerung (im Fußball oder der Mathematik) verpasst...
dragondeal 09.04.2019
2. Höhere Mathematik
"Immerhin dürften bei dem Champions League-Viertelfinale (21 Uhr/Liveticker bei SPIEGEL ONLINE, TV: Sky) im Norden Londons aber sechs Einheimische auf dem Platz mitwirken, das sind ein wenig mehr als sonst üblich in der durchglobalisierten Premier League. Im Schnitt kicken dort nur 30 Prozent Profis, die für die Nationalmannschaft Ihrer Majestät spielberechtigt sind." 6 von 22 sind 27,3%. Wenn das mehr als die üblichen 30% sind, muß entweder der Autor oder ich nochmal zur Schule :)
harald441 09.04.2019
3. Es wäre gut,
wenn die Journalistenriege sich auf das beschränken würden, was ihre eigentliche Aufgabe ist, nämlich der Allgemeinheit nahezubringen, was am Vortage geschehen war. Das und nichts anderes. Bitte unterlaßt dieses ständig "könnte", "meinte ein Experte", "sollte vielleicht passieren", usw. Auch Ihr wißt ebensowenig wie die selbsternannten Experten, was in drei, in zehn, in zwanzig, in dreißig oder in fünfzig Jahren passieren wird oder bis dahin passiert sein könnte. Wie gesagt, der Leser will wissen, was am Vortage passiert war und nicht diese ständige Kaffeesatzleserei, mit der Ihr die Leser nur - gewollt - verunsichert.
die_WahrheitXXL 09.04.2019
4. Was ein Käse
Merkel hat doch heute schon so schon gesagt, sie könne sich "Eine Verschiebung bis 2020 vorstellen". Dann kommt 2030, 2040 usw, es wird also erst gar keinen Brexit geben! Und dessen Auswirkungen auf den Fussball sind ebenso exakt Null.
pythagoräische Bohne 09.04.2019
5. Die FA
hat keinerlei Einfluss auf den Spielbetrieb der Premier League, da diese rein privatrechtlich organisiert ist, lediglich auf die Pokalwettbewerbe. Es ist möglich, für diese beiden Veranstaltungen jeweils verschiedene Kader anzumelden, wobei die Premier League finanziell weitaus attraktiver ist.
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