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22. Juli 2011, 11:31 Uhr

Brinkmann bei der Bundeswehr

Kalter Krieg nach Wodka satt

Von Bastian Henrichs

Ansgar Brinkmann sorgte nicht nur in der Bundesliga für Skandale. Auch in seiner Zeit bei der Bundeswehr langte der "weiße Brasilianer" kräftig zu. Bei einem Länderspiel in der Ukraine ließ er den Ost-West-Konflikt kurzzeitig wieder aufflammen - dank einer Überdosis Wodka.

Ich war mit Mainz 05 bei einem Hallenturnier in Wuppertal. Wir wollten uns gerade umziehen, als zwei Feldjäger in die Kabine hereinplatzten und meinten, ich könne meine Klamotten anlassen, ich würde nicht spielen. Die beiden Soldaten wollten mich direkt mitnehmen, ich sollte meinen Grundwehrdienst ableisten. Die Bundeswehr hatte mich vorher des Öfteren angeschrieben und mich darauf vorbereitet, mich hatte das alles aber nicht interessiert. "Was habe ich mit der Bundeswehr zu tun", sagte ich mir immer, "ich spiele Fußball." Es wäre ein Leichtes gewesen, den Wehrdienst zu verweigern, aber ich habe es halt nicht gemacht.

Nach einigem Hin und Her lenkten die beiden Uniformierten schließlich ein. Sie setzten sich auf die Tribüne, machten sich einen schönen Tag und ließen mich zumindest noch das Turnier mitspielen.

Den Wehrdienst musste ich trotzdem machen. In der Grundausbildung hatte ich überhaupt keine Probleme, war weder disziplinlos noch lehnte ich mich gegen irgendetwas auf. Ich konnte fast drei Monate lang nur eingeschränkt am Training teilnehmen, und dann wurde ich in die Sportkompanie versetzt. Das bedeutete, dass ich mich einmal im Monat melden musste und mich verpflichtete, für die Bundeswehr-Nationalmannschaft zu spielen. Vier Spiele habe ich gemacht. Vier Länderspiele, nur leider nicht in der DFB-Elf. Natürlich ist es nicht dasselbe, aber wir trugen Nationaltrikots, die Hymnen wurden gespielt. Es fühlte sich besonders an. Und es hat immer einen Riesenspaß gemacht, mit den Jungs loszufahren. René Rydlewicz war dabei, Markus Feldhoff und ein paar Dritt- und Viertligaspieler. Die Bundeswehr hat schon dafür gesorgt, dass sie eine gute Truppe zusammenbekommt.

René Rydlewicz bibberte

Eines der Spiele fand in Kiew statt, ein Qualifikationsspiel für die Militär-WM in Italien. Das Spiel war ausverkauft, 20.000 Leute kamen, obwohl es schweinekalt war, minus 28 Grad. Wahrscheinlich hatten die kommen müssen, es waren hauptsächlich Soldaten. Sie trampelten immer, statt zu klatschen, und ich dachte, Mann, die sind aber gut drauf. Bis mir jemand erklärte, dass sie das machten, weil sie natürlich Handschuhe anhätten und das Trampeln sie davor bewahrte einzufrieren. Die Spieler trugen in den Schuhen Plastiktüten um ihre Füße, um die Kälte abzuhalten.

Und wir? Wir machten uns in voller Montur warm, mit Jacke, langer Hose, Handschuhen. Aber wir hatten nur einen normalen Trikotsatz dabei. Ohne lange Unterhose und mit kurzärmeligem Hemd. Ich spielte immer kurzärmelig, aber diesmal wünschte ich mir eine Daunenjacke als Trikot. Lediglich ein Paar Handschuhe hatte ich an. Beim Abspielen der Hymne sah ich zu René Rydlewicz rüber, der neben mir stand. Er bibberte. "Falsche Taktik", brummte ich durch meine schockgefrorenen Lippen. Ich war Kapitän der Mannschaft, und nach zehn Minuten wollte ich dem Schiri irgendetwas sagen, aber es ging nicht mehr. Mein Gesicht war komplett eingefroren. Ich merkte gar nichts mehr. Wir waren das ganze Spiel über damit beschäftigt, unsere Gliedmaßen nicht einfrieren zu lassen und hatten keine Chance. Wir verloren 1:4.

Abends war ein gemeinsames Bankett angesetzt. Alle Offiziere waren da, saßen zusammen am Tisch, die Mädels der ukrainischen Spieler waren eingeladen, eine Band spielte. Auf dem Tisch: Wodka. In großen Mengen. Wie in Wasserflaschen. Es wurde gesungen. Zuerst sollten wir den Ukrainern etwas vorsingen, dann sangen sie für uns. Total schräg. Um das durchzustehen, kippten wir uns den Wodka nur so rein. Irgendwann zu späterer Stunde bin ich auf die Bühne gegangen und habe dem Schlagzeuger gesagt, er solle doch mal Pause machen, ich würde jetzt spielen. Ich konnte das überhaupt nicht, trommelte wild drauflos und endete mit dem Ausruf aus einer Sektwerbung: "Wo ist mein Deinhard?" Da kam unser Chef, der mit den meisten Sternen am Revers, zu mir und sagte: "Brinkmann, das geht so nicht. Lassen Sie das."

Salto auf der Staatslimousine

"Wieso?", antwortete ich, "ist doch sonst langweilig, wir wollen schließlich feiern. Wenn ich Sie brauche, lasse ich Sie rufen." Das Spiel bei Minusgraden, der viele Wodka - ich war völlig hinüber. Aber wenn ich einmal dabei war, dann fand ich meistens den Absprung nicht. Es endete damit, dass die ganze Mannschaft schon im Bus saß und zum Flughafen aufbrechen wollte, während ich, mittlerweile hatte ich mich meines Hemdes entledigt, bei den Ukrainern am Tisch saß und russische Lieder sang. Der Oberst kam noch mal zurück, um mich zu holen. "Brinkmann, das ist die letzte Verwarnung und die letzte Chance. Kommen Sie!"

"Fahrt schon mal vor", antwortete ich gut gelaunt. "Ich schreibe Ihnen eine Postkarte." Ich ließ mich schließlich überreden, so gut gefiel es mir in diesem kalten Land dann doch nicht, und lief durch die Hotellobby nach draußen, wo eine schwarze Staatslimousine mit mehreren Fähnchen auf dem Dach vor dem Bus stand. Eine Rolle vorwärts, und ich stand auf der Motorhaube, stieg aufs Dach, sprang auf und ab und klatschte singend in die Hände. Zu guter Letzt knickte ich - wohlgemerkt unabsichtlich - eines der Fähnchen ab. Dann turnte ich, wieder mit einer Rolle, vom Wagen herunter und flüchtete in den Bus, weil die Soldaten mich festhalten wollten. Im Bus schnappte ich mir das Mikrofon und zeigte den anderen Jungs, welches Lied ich gerade gelernt hatte. Im Hotel ging's noch weiter. Rock 'n' Roll. Das Hotelzimmer bedurfte nach unserer Abreise einer Renovierung. Stolz war ich nicht, als ich wieder zu mir kam.

Am nächsten Tag erschien ein Bericht in der Zeitung, und ich musste in Mainz bei Präsident Strutz antreten. "Was war denn da los, Ansgar?", wollte er wissen. "Wir haben einen schriftlichen Bericht vorliegen, dass du die Beziehungen zwischen Ost und West gefährdet hast."

"Ich weiß nur noch, dass wir verloren haben", antwortete ich.

Mein Verhalten ist natürlich nicht zu entschuldigen, um eine Strafe bin ich aber herumgekommen. Die Schuld wurde den Ukrainern zugeschoben, weil die uns so viel Wodka auf den Tisch gestellt hatten.

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