Britischer WM-Beauftragter Battson "Man muss achtsam sein"

Für den britischen WM-Botschafter Andy Battson sind die englischen Hooligans kein Problem. Wegen Gewalttätern aus anderen Ländern macht er sich schon Sorgen. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht Battson zudem über Angst um Wayne Rooney und deutsche Titelchancen.


SPIEGEL ONLINE: Herr Battson, muss die Bevölkerung in Deutschland während der Weltmeisterschaft Angst vor englischen Hooligans haben?

Battson: Nein. Bei der WM 1998 in Frankreich und der EM 2000 in Belgien und den Niederlanden hatten wir Engländer diese Problematik ohne Zweifel. Doch sie wurde inzwischen erkannt.

SPIEGEL ONLINE: Was macht Sie so sicher?

Battson: Zwei Dinge sind geschehen: Erstens haben wir an der Zusammenarbeit zwischen Fans und Polizei gearbeitet. Wir hoffen nun, dass die Anhänger verstanden haben, wie wichtig eine Zusammenarbeit mit den Behörden ist, und umgekehrt. Zweitens wurden die Gesetze verschärft. Etwa 3500 englische Hooligans sind in einer Datenbank erfasst und dürfen keine Fußballstadien mehr besuchen. Sie konnten keine Karten für die WM-Spiele ordern.

SPIEGEL ONLINE: Was diese Gewalttäter aber nicht daran hindert, nach Deutschland zu reisen.

Battson: Doch. Sie dürfen während der Weltmeisterschaft nicht nach Deutschland kommen, sondern müssen bei Spielen der englischen Mannschaft ihren Pass auf der Polizeiwache vorlegen. Unser größtes Problem könnte also in der Heimat sein.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch besteht die Gefahr von Ausschreitungen. In anderen Ländern wie zum Beispiel Polen gibt es solche Sicherheitsbestimmungen nicht.

Battson: In dieser Hinsicht muss man achtsam sein, denn eine große Anzahl an Hooligans, die kein Interesse am Fußball haben, wird in Deutschland sein. Aber die deutsche Polizei ist sich dessen bewusst und ich denke, dass sie Konflikte jeglicher Art unterbinden wird.

Englische Fans: "Wie bestelle ich ein Bier?"
AP

Englische Fans: "Wie bestelle ich ein Bier?"

SPIEGEL ONLINE: Worin besteht Ihre Aufgabe?

Battson: Ich leite ein Team von 12 bis 15 Personen, das bei den Spielen Englands vor Ort ist. Gemeinsam wollen wir den anreisenden Engländern helfen, sich selbst zu helfen. Wir unterstützen Fans, die zum Beispiel Geld oder ihren Ausweis verloren haben, bestimmte Telefonnummern benötigen oder eine Übernachtungsmöglichkeit suchen - Probleme, wie sie in jedem Urlaub auftreten.

SPIEGEL ONLINE: Nur 15 Helfer für alle England-Fans?

Battson: Wir sind nur ein Teil des ganzen Programms. Rund um die Uhr während der WM bietet unsere Botschaft in Berlin eine Telefonhotline an. Wir haben eine Internetseite für die WM erstellt. Zusätzlich gibt es für die Fans ein Infoheft mit nützlichen Hinweisen, damit viele Probleme gar nicht auftreten. Mehr als 100.000 Broschüren wurden produziert. Sie wurden mit den Tickets verschickt, außerdem werden wir die Hefte am Flughafen und bei WM-Partys verteilen. Wie komme ich ins Stadion? Wie bestelle ich ein Bier in deutscher Sprache? Diese Dinge finden sich in dem Heft. Auch dass der Hitlergruß in Deutschland verboten ist, steht darin. Wir arbeiten auch mit den Fan-Botschaften zusammen.

SPIEGEL ONLINE: Mit wie vielen englischen Anhängern in Deutschland rechnen Sie?

Battson: Genaue Zahlen kenne ich nicht, die englischen Medien sprechen aber von etwa 100.000 Engländern, die von der Insel kommen werden. Bekanntlich scheuen unsere Fans keine Kosten. Und an Karten kommen sie irgendwie auch immer. Dank den Fanfesten können sie auch ohne Karte die WM-Stimmung genießen.

Englisches WM-Infoheft: "Hitlergruß in Deutschland verboten"

Englisches WM-Infoheft: "Hitlergruß in Deutschland verboten"

SPIEGEL ONLINE: Werden die Fans des englischen Teams denn den Titel feiern können?

Battson: Wir haben eine sehr gute Elf und daher sehr, sehr gute Chancen. Aber da sind auch die anderen: Brasilien ist immer Favorit, Argentinien hat prima Einzelspieler, genauso wie die Niederländer.

SPIEGEL ONLINE: Sie vergessen Deutschland.

Battson: Im Gegenteil. Ich spreche mit vielen Menschen und oft bekomme ich zu hören, dass Deutschland keine Chance hat. Aber mit der Unterstützung der Zuschauer kann die Mannschaft jeden Gegner schlagen. Dieser Punkt wird oft unterschätzt.

SPIEGEL ONLINE: Außerdem steht Jens Lehmann vom FC Arsenal im Tor.

Battson: Ein großartiger Keeper. Nach seinen Rettungstaten in der Champions League genießt er in England höchsten Respekt. Wenn er gegen uns einen Elfmeter reinlassen würde, wäre er aber bestimmt noch beliebter. Die beiden Teams könnten schon im Achtelfinale aufeinander treffen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel hängt von Manchesters Stürmer Wayne Rooney ab?

Battson: Natürlich möchte jeder, dass er spielt. Aber wenn Rooney wegen seines Mittelfußbruchs nicht hundertprozentig fit wird, macht es keinen Sinn. Aber die Verletzung ist auch eine Chance. 1966 war Jimmy Greaves Englands bester Stürmer. Doch er verletzte sich im letzten Vorrundenspiel der WM und für ihn kam der noch relativ unbekannte Geoff Hurst in die Mannschaft. Im Finale erzielte dieser dann beim 4:2 gegen Deutschland drei Treffer, darunter das legendäre Wembley-Tor.

SPIEGEL ONLINE: Nach der WM übernimmt der bisherige Co-Trainer Steve McClaren den Posten von Eriksson. Wie ist Ihr Eindruck von ihm?

Battson: Er kann Spieler für die ganz besonderen Spiele motivieren. Das hat er als Coach in Middlesbrough gezeigt, als er in dieser Saison mit der Elf bis ins Uefa-Cup-Finale kam. Das ist es, was Englands Nationalteam braucht.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch ist er eine reine Notlösung.

Battson: Sicherlich, wenn Coaches wie José Mourinho vom FC Chelsea oder eben Arsène Wenger von Arsenal zur Verfügung gestanden hätten, wäre McClaren nicht Nationalcoach geworden. Er ist die kleine Lösung.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es mit Ihnen nach der WM weiter?

Battson: Ich werde noch einige Zeit in Deutschland bleiben und meine Nachfolger für die Europameisterschaft 2008 und die WM 2010 vorbereiten. Im März 2007 trete ich dann meine Stelle bei der Britischen Botschaft in Manila an.

Das Interview führten Pavo Prskalo und Clemens Gerlach



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