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HSV-Trainer Labbadia Brunos Eck

Hamburg feiert den Trainer als Retter, dabei hat Bruno Labbadia dem HSV mindestens genauso viel zu verdanken. Der Klassenerhalt war eine beidseitige Mission. Der Coach muss sie jetzt abhaken, wenn er weiter Erfolg haben will.

Die Kneipe "Erikas Eck" im Schanzenviertel ist so etwas wie der Anlaufpunkt für all jene, die es in Hamburg nachts daheim nicht aushalten. Hier kann man morgens um vier Schnitzel essen, hier landen Taxifahrer neben den Gestrandeten der Nacht, der Ton ist eher rau, und je später es wird, desto lauter; hier gibt es kein Chichi, Mettbrötchen statt Austern. Es ist das, was in Reiseführern gern als Kultkneipe angepriesen wird.

Hier hat Bruno Labbadia den Klassenerhalt des Hamburger SV gefeiert. Um halb sechs in der Früh wurde er nach der Rückkehr vom Relegationskrimi in Karlsruhe gemeinsam mit Dietmar Beiersdorfer, dem Vorstandschef, in der Kneipe gesichtet.

Den Nichtabstieg in irgendeiner schicken Hotelbar oder einem Nobelrestaurant zu begießen, das hätte auch nicht gepasst. Labbadia hat den HSV in den sechs Wochen, seitdem er Trainer des Klubs ist, in eine Art "Erikas Eck" des Fußballs verwandelt.

Seit Wochen turnt Labbadia an der Seitenlinie herum, er tanzt, springt, jubelt, tobt, wer sich nicht retten kann, wird von ihm in den Arm genommen. Labbadia hat den Erstliga-Fußball in Hamburg wieder zu einer hochemotionalen Angelegenheit gemacht, "hochsterilisiert", um das berühmteste Labbadia-Wort seiner Fußballerlaufbahn einzubringen.

Dieser HSV brauchte Emotionalisierung

Er wusste, dass das seine einzige Chance sein würde, um das scheintote Gebilde HSV zu retten. Keine Gelegenheit, die er verstreichen ließ, um nicht die Worte Herz, Leidenschaft oder Willenskraft einzubringen. Dieser HSV brauchte Emotionalisierung, Wachrütteln. Wenn schon nicht auf dem Platz, dann sollte die Mannschaft wenigstens bei den Fans wieder als Vollgastruppe wahrgenommen werden. Das war Labbadias Strategie, das hat am Ende funktioniert. Wenn auch denkbar knapp.

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HSV verhindert Abstieg: Buenos Díaz

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Auch sportlich war das eher Mettbrötchen, was sein Team auch in den entscheidenden Partien abgeliefert hat. Aber egal: Labbadia hat es hinbekommen, dass zuletzt kaum noch über den Investor Kühne, über van der Vaart, über Knäbel, über Schulden gesprochen wurde, über all die Dinge, die beim HSV-Fan über Monate Übellaunigkeit verursacht haben. Der Trainer hat das alles mit seiner Ansprache vergessen lassen, er hat es zumindest erfolgreich verdrängt. Er war genau der Richtige am richtigen Platz.

Lob daher von allen Seiten: "Bruno hat einen herausragenden Job gemacht. Wir alle sind total beeindruckt, wie schnell er die Mannschaft wieder leistungsfähig gemacht hat", sagte Beiersdorfer. "Er hat es vorgelebt, wie man sich im Abstiegskampf zu verhalten hat." Und Stürmer Pierre-Michel Lasogga, der in der Vor-Labbadia-Zeit ein trauriges Bild abgab, sagte: "Der Trainer hat uns ein Gen eingeimpft, damit wir immer wieder aufstehen."

Dass diese Wochen der zuvor doch beschädigten Marke Labbadia zugutegekommen sind, hat der 49-Jährige gern mitgenommen. Der Trainer Bruno Labbadia, er hat den HSV ebenso dringend gebraucht wie der Verein ihn. Eine Mission in beide Richtungen.

Vor dem HSV-Job galt Labbadia als einer, der viel will, aber nicht lange durchhält. Bei frei werdenden Bundesligajobs wurde sein Name zuletzt kaum noch genannt. Gut 20 Monate war Labbadia vor seiner zweiten Hamburger Zeit ohne Job - eine Situation, die er in seiner Trainerlaufbahn bis dahin noch nie erlebt hatte.

Jetzt gilt es, den Neuanfang zu organisieren

Jetzt schreibt die "Hamburger Morgenpost": "Ein Denkmal für Bruno Labbadia", der "Kicker" nennt ihn "Glücksbringer", die "Bild"-Zeitung den "Hamburg-Retter". Ausgerechnet der Klub, bei dem Labbadia unter unwürdigen Umständen vor fünf Jahren geschasst wurde, ist jetzt der Verein, der Labbadias Renommee aufpoliert.

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HSV-Fans: Zittern, bangen, jubeln

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Beim VfB Stuttgart hat man den Feuerwehrmann und Retter Huub Stevens nach dem Klassenerhalt verabschiedet, beim HSV darf der Feuerwehrmann Labbadia weitermachen. Mit einer Chance, die für ihn gleichzeitig das Risiko ist. Jetzt gilt es, den Neuanfang zu organisieren und langfristige Kaderplanungen voranzutreiben. All das, was Beiersdorfer schon für die abgelaufene Saison vorhatte und das dann in den Turbulenzen des Abstiegskampfes unterging.

Wenn man so will, muss der Trainer aus der Eckkneipe HSV jetzt ein veritables Mittelklasse-Restaurant aufbauen. Von Sterne-Gastronomie sollte man in Hamburg besser noch nicht reden.

Es sind genau die Aufgaben, die Labbadia auch bei seinen vorherigen Stationen in Hamburg, Leverkusen und Stuttgart propagierte - und an denen er letztlich scheiterte. Jetzt darf er es wieder versuchen, und ebenso wie der HSV hat er die Gelegenheit, Fehler der Vergangenheit zu vermeiden oder zu wiederholen.

Der HSV hat dank Bruno Labbadia eine zweite, besser gesagt, eine dritte Chance in der Bundesliga bekommen. Für den Trainer gilt dasselbe.