Leipzig-Derby Chemie vs. Lok "Fußball wurde heute wenig gespielt"
Lok-Spieler bejubeln Pokalerfolg
Foto: Jan Woitas/ dpaDie Gäste hatten Klopapier dabei. Sie brauchten es, hier im Alfred-Kunze-Sportpark in Leipzig-Leutzsch. Unbekannte, mutmaßlich aus dem Umfeld des Gastgebers, der BSG Chemie, hatten vor dem Viertelfinale im Sachsenpokal die metallenen Absperrzäune im Gästebereich mit Schmierfett eingerieben. Und wer bei einem Spiel dieser Brisanz ausrasten möchte, der braucht einen Zaun, der zu bespringen ist, ohne, dass man sich die Kleidung ruiniert. Also standen sie da, die gefürchteten Fans des 1. FC Lokomotive Leipzig, und reinigten sorgfältig einen Zaun.
Es war die letzte Spitze in einem Vorgeplänkel, das seit Wochen Leipzig elektrisiert hatte. Kaum waren der Fünftligist Chemie und der Viertligist Lok in diesem Wettbewerb zueinander gelost, begann ein Säbelrasseln, das die sportliche Dimension des Aufeinandertreffens völlig in den Schatten stellte. Chemie gegen Lok, in dieser Kombination, mit diesen Namen, hatte es 31 Jahre lang nicht gegeben.
Diverse Aufeinandertreffen der Vorgänger- und Übergangsvereine in der Zwischenzeit waren von zum Teil schweren Krawallen und politisierten Auseinandersetzungen überschattet worden. Für viele Fußballkenner gilt dieses Duell als verhasstestes Derby der Republik. Die größtenteils linksalternative Fanszene der "Chemiker", angeführt von den mächtigen, weil stimmgewaltigen Ultras "Diablos", gegen die teilweise von Rechtsextremen durchsetzten Lok-Fans - das war die Ausgangslage vor diesem Leipziger Derby.
Gefeierte Rivalität
Beide Lager bemühten sich im Vorfeld eifrig, die bestehende Rivalität neu anzufeuern. Schwarz gekleidete Lok-Fans waren in den Alfred-Kunze-Sportpark eingedrungen, um ein martialisches Video zu drehen, Chemie-Anhang postete die Bilder auf Porno-Plattformen unter dem Titel "Schwarze Männer kommen immer zu früh". Wenige Tage vor dem Spiel knüpften Unbekannte zudem grüne Puppen an Brücken in der Stadt auf. Auf so viel gelebten Hass reagierten die Verantwortlichen mit erhöhten Sicherheitsmaßnahmen.
Die Karteninhaber, ohnehin auf 4999 begrenzt, wurden schon viele hundert Meter vor dem Stadion kontrolliert. Besonders eine Maßnahme zeigte ihre Wirkung: 150 Lok-Anhängern war vor dem Spiel untersagt worden, sich im Umfeld des Stadions aufzuhalten, die Polizei kontrollierte gründlich. Zwar versuchten große Teile der 750 zugelassenen Gästefans, ihrem Image als Bösewichter gerecht zu werden. Dass der harte und als sehr gewalttätig bekannte Kern der "Lokisten" fehlte, war allerdings deutlich zu bemerken.
Banner der Chemie-Fans
Foto: Hendrik Schmidt/ dpaAuch der Chemie-Anhang feierte intensiv die Rivalität und den Hass auf Lok. Stellvertretend dafür stand die Wende-Choreografie vor dem Anstoß, als breite Plastikfolien über den Köpfen in der Kurve erst die Worte "BSG Chemie Leipzig" und dann "Gruppo Anti Lok" bildeten. Ein emotionaler Beginn, unterlegt mit einer Mischung aus Punkrock, altem Chemie-Vereinsliedgut und den ergriffenen Worten des Stadionsprechers ("Heute zählt nur die Tat!"). Ein Anhänger fasste die Erkenntnis, dass in dieser Stadt auch Traditionsvereine Fans akquirieren können, auf der Haupttribüne zusammen: "Ich bin Fan vom richtigen Leipziger Fußball. Und wenn man das ist, muss man heute hier sein und nicht beim Dosenklub."
Später 1:0-Erfolg für Lok
Rein sportlich betrachtet konnte man spätestens nach einer Halbzeit verstehen, warum so viele Leipziger die Spiele von RB besuchen. Chemie und Lok zerpflügten zwar mit Hingabe den Rasen und adaptierten erfolgreich die Emotionen von den Tribünen auf das Feld. "Es war klar, dass es heute rascheln würde auf dem Platz", sagte ein enttäuschter Chemie-Trainer Dietmar Demuth anschließend und meinte die vielen Zweikämpfe und Rudelbildungen. So etwas wie Spielkultur wollte allerdings nicht aufkommen. "Fußball wurde heute wenig gespielt", kommentierte Lok-Trainer Heiko Scholz die Partie. Seine Mannschaft feierte zu diesem Zeitpunkt bereits in der Kabine den in der Verlängerung errungenen 1:0-Sieg, erreicht durch einen Schuss von Hiromu Watahiki kurz vor dem Ende der Verlängerung.
In stiller Wut blickten die Chemie-Fans auf die Gegenseite, wo Loks Spieler in eigens angefertigten "Derbysieger"-T-Shirts feierten. Erst als Demuth seine Mannschaft zur Verabschiedung vor das Heimtor schickte, wurde es wieder lauter. Welch entscheidende Rolle die BSG-Ultras im Verein spielen, zeigte sich bei dem für Außenstehende vermutlich skurrilen Dialog zwischen Spielern und Fußballfans. "Diablos"-Capo Alexander Mennicke sprach via Megaphon pathetische Worte, anschließend sangen sich Spieler und Anhänger gemeinsam den Ärger von der Seele. "Und wir halten zusammen", donnerte es zum Abschluss durch den Alfred-Kunze-Sportpark, "wie der Wind und das Meer." Fußball kann so kitschig sein.
Das Spiel wurde durch massive Polizeipräsenz gesichert
Foto: Jan Woitas/ dpaUnd so friedlich. Das große Aufgebot der Sicherheitskräfte hielt beide Lager konsequent bei der An- und Abreise auseinander, das kostete zwar enorm viel Aufwand und Geld, führte aber dazu, dass Leipzigs Polizeisprecher Andreas Loepki das Derby mit einem versöhnlichen Satz beenden konnte, an den man zu Beginn des Tages nicht geglaubt hätte: "Es gab keine Vorfälle und deshalb auch keine Festnahmen." Lediglich ein wenig Schmierfett.