Bubi Scholz Ein Leben aus dem Nichts


Bubi Scholz: Ein aufstrebendes Idol in der Nachkriegsära
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Bubi Scholz: Ein aufstrebendes Idol in der Nachkriegsära

Berlin - "Bubi" Scholz wurde im Nachkriegsdeutschland zum Inbegriff für den Überlebenskampf nach dem Zweiten Weltkrieg, ein Mann, der sich im Prenzlauer Berg aus den Trümmern Berlins erhob und sich mit seinen Fäusten eine Existenz aufbaute. Er stieg auf zur Lichtgestalt, zum Vorbild - und mit seinen glasklaren blauen Augen zum Liebling der Frauen.

Die deutsche Boxnation lag ihm zu Füßen, als er am 23. Juni 1962 im Berliner Olympiastadion vor 60.000 Zuschauern gegen Titelverteidiger Harold Johnson aus den USA um die WM im Halbschwergewicht boxte und umstritten nach Punkten verlor. "Als Kenner hat mich dieser Kampf fasziniert, als Zuschauer erkläre ich mich ein bisschen enttäuscht", sagte Schmeling zu der Niederlage des Schützlings von Manager Fritz Gretzschel.

Der hochkarätige Fight und das Urteil haben noch lange für Gesprächsstoff gesorgt. "Ich bin mit dem Gefühl aus dem Ring gegangen, dem Spitzen-Halbschwergewichtler meiner Epoche ebenbürtig gewesen zu sein", schrieb Scholz anschließend in seinem 1980 erschienenen Buch "Der Weg aus dem Nichts". Trösten durfte er sich damals zumindest mit der Rekordbörse von 100.000 Mark.

Wie alles begann

Für nur 200 Mark gab Scholz am 8. Oktober 1948 in Berlin ohne einen Amateurkampf sein Debüt als Profiboxer und gewann nach Punkten. 1951 wurde er deutscher Meister im Weltergewicht und 1957 mit einen K.o.-Sieg gegen das Kölner Idol "de Aap" Peter Müller im Mittelgewicht. In dieser Klasse gelang dem Schützling von Trainer Lado Taubeneck am 4. Oktober 1958 mit einem Sieg in Runde zwölf über den Franzosen Charles Humez vor 40.000 Fans im Olympiastadion nach einer überstandenen Tuberkulose der Griff zur EM-Krone, die er anschließend gegen den Hamburger "Buttje" Wohlers, gegen Peter Müller und den Franzosen Andre Drille erfolgreich verteidigte.

Europameister: Scholz' Trainer Lado Taubeneck (l.) freut sich mit
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Europameister: Scholz' Trainer Lado Taubeneck (l.) freut sich mit

1961 gab er den Titel kampflos ab und krönte seine Laufbahn im Schlusskampf seiner Karriere am 4. April 1964 mit dem EM-Titel im Halbschwergewicht. Scholz bezwang den Italiener Giulio Rinaldi in der Dortmunder Westfalenhalle durch Disqualifikation in der achten Runde und trat anschließend ab. "Bubi" bestritt in seiner Laufbahn insgesamt 96 Kämpfe, von denen er 46 durch K.o., 41 nach Punkten und einen durch Disqualifikation gewann. Sechsmal boxte er unentschieden, und nur zweimal verlor der ehemalige Zeitungsbote und Kochlehrling.

Die "Karriere" danach

Außerhalb des Boxrings hatte Scholz nicht immer Glück. Nach einem Blutsturz als Folge einer offenen Tuberkulose musste er in einer Klinik im Schwarzwald erstmals durch ein "tiefes Tal", kehrte aber noch einmal zurück. Kleinere Schlaganfälle, Augenoperationen und psychiatrische Therapien, aber vor allem übermäßiger Alkoholgenuss, Exzesse und Entziehungskuren wechselten sich später ab. Tiefpunkt war der Tod seiner ersten Ehefrau Helga, die er im Juli 1984 im Vollrausch mit einem Schuss aus einem Jagdgewehr durch die Badezimmertür tödlich verletzte. Dafür musste er für drei Jahre ins Gefängnis.

Danach wurde es um den einstigen Schauspieler, Schlagersänger, Geschäftsmann mit mehreren Parfümerien und Publikumsliebling sehr ruhig. Er lebte lange Zeit zurückgezogen in Berlin-Ruhleben und hielt sich zeitweise im Pflegeheim in Hoppegarten zur Therapie auf. Er litt an Altersdemenz, vergaß viel, kannte aber seine Freunde noch.

Zu seinem 70. Geburtstag am 12. April dieses Jahres gab es noch zusammen mit seiner Ehefrau Sabine, die ihn pflegte, eine kleine Vorfeier. An diesem Ehrentag feierte "Bubi" im engsten Kreis mit langjährigen Freunden, unter anderem Schauspieler Günter Pfitzmann, und weiteren Prominenten unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Zuletzt war er im Dezember 1994 am Boxring, als Graciano Rocchigiani vergeblich versuchte, im Supermittelgewicht den französischen Europameister Frederick Seillier zu stürzen.

Dietrich Denz, sid



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