Bayerns Remis gegen Köln 95 Prozent reichen nicht

Nach der Niederlage gegen Atlético Madrid in der Champions League patzt Bayern München auch in der Bundesliga. Beim Remis gegen Köln wirkte die Mannschaft müde. Manuel Neuer findet mahnende Worte.

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Aus München berichtet Christoph Leischwitz


Carlo Ancelotti war in den Schlussminuten dieser Partie lebhafter als sonst. Der sonst so stoisch wirkende Trainer des FC Bayern deutete mit ausgestrecktem Arm Laufwege an und machte Bewegungen in Richtung des gegnerischen Tors. Den Bayern lief gegen den 1. FC Köln die Zeit davon, was zu seltenen Szenen in der Arena führte: Immer wieder pfiffen die Fans Timo Horn aus. Der Kölner Torwart hatte seine Mannschaft mit sehenswerten Paraden im Spiel gehalten, jetzt hatte er bei seinen Abschlägen stets viel Zeit. Also das, was ein Gästetorwart in München kurz vor Schluss normalerweise nicht hat.

Diesmal fiel auch kein spätes Siegtor. Diesmal stand am Ende der erste, unerwartete Punktverlust der Bundesliga-Saison. Dabei ist das blanke Ergebnis, ein 1:1, womöglich gar nicht einmal das größte Problem für die Bayern. Sondern die Langzeitwirkung, die von diesem Spiel ausgeht. Der diesmal spielfreie Kapitän Philipp Lahm fasste es so zusammen: "Es kommt noch viel Arbeit auf uns zu."

Schon am Mittwoch in der Champions League bei Atlético Madrid hatten die Bayern verdient 0:1 verloren. Doch es helfe nicht, draufzuhauen, hatte Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge auf dem nächtlichen Bankett in Madrid gesagt, wichtig sei vor allem eine angemessene Reaktion gegen Köln. Die Reaktion kann für Rummenigge kaum angemessen gewesen sein.

Dabei hatten die Bayern nicht nur gegen Atlético Dominanzprobleme. Selbst der noch immer sieglose FC Ingolstadt hätte vor zwei Wochen in München beinahe gepunktet, auswärts beim Hamburger SV hatte der Spitzenreiter erst in der 88. Minute das Siegtor geschossen.

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Bundesliga: Köln schockiert die Bayern

Die Spieler machen keinen Hehl aus der Enttäuschung über die eigene Leistung. Der eingewechselte Thomas Müller sprach gar von "Frust", er könne sich im Moment nicht einmal auf den anstehenden Wiesn-Besuch freuen. Müller war für Arjen Robben ins Spiel gekommen, der sich eine Rippenprellung zugezogen hatte. "Er hatte Schmerzen, aber es ist nichts Schlimmes", versicherte Ancelotti. Der Trainer wirkte nach dem Spiel übrigens wieder recht gefasst, er sprach lediglich davon, dass in der zweiten Hälfte "die Ruhe" abhandengekommen sei. "Wir müssen enttäuscht sein, aber wir müssen uns keine Sorgen machen", befand er. Das hörte sich dann doch wieder nach business as usual an.

Köln kam in der zweiten Halbzeit immer besser ins Spiel, das Tor von Anthony Modeste per Kung-Fu-Sprung nach einer Flanke von Marcel Risse (63. Minute) hatte dem Team von Peter Stöger Selbstvertrauen gegeben und Nervosität schwinden lassen. In dieser Phase habe man vieles vermissen lassen, den "Druck gegen den Ball, Bewegung in der Tiefe", fand Joshua Kimmich. Er war einer von wenigen Bayern mit einer positiven Geschichte: Kimmich erzielte auch diesmal ein Tor in Mittelstürmer-Manier (40.), während Angreifer Robert Lewandowski damit beschäftigt war, Lücken in die gegnerische Abwehr zu reißen.

Doch es habe auch das Tempo gefehlt, monierte Kimmich. Die Erklärungen dafür waren dünn. Mats Hummels räumte ein, dass man ja gerade deshalb so stark rotiert habe, um frisch zu sein - im Vergleich zum Spiel in Madrid standen sieben andere Spieler in der Startelf. "Viele waren müde", erklärte Ancelotti, sie hätten dem Spiel also wohl auch nicht mehr Tempo gegeben. Nicht einmal mehr das Geläuf bot eine Ausrede: Die von einem Pilz befallene Spielfläche war unter der Woche durch einen sattgrünen Rasen ausgetauscht worden, der bis zwei Minuten vor dem Anpfiff gewässert wurde.

95 Prozent sind nicht genug

In solchen Phasen der Saison war bis vor Kurzem Matthias Sammer gefragt. Der Sportdirektor der Bayern, der den Verein zum Ende der vergangenen Saison aus gesundheitlichen Gründen verlassen hatte, nahm oft genug die Rolle des Mahners ein. Doch der Mann, der die Mannschaft über den Weg der öffentlichen Kritik wachrüttelt, er fehlt bei den Bayern zurzeit.

Plötzlich kam dann Manuel Neuer in die Interviewzone und sprach Tacheles. Zwar in viel ruhigerem Ton, als Sammer es immer tat, aber in der Sache ähnlich: "Man darf sich nicht zu sicher sein, dass man einfach deutscher Meister wird", sagte der Keeper. Mit 95 Prozent Leistung "gegen Mannschaften, die einfach nur auf ihre Chance lauern", gelinge das nicht. Deutlicher kann man als Spieler die Einstellung des eigenen Teams kaum kritisieren.

Es geht für Bayern nun darum, einen Nimbus zu bewahren: "Wir müssen dem Gegner auf die Nase binden, dass hier nichts zu holen ist", so Neuer. Aber wenn man zu Hause 1:0 führe und dann das Tempo nicht hochhalte, dann zeige man dem Gegner, "dass bei uns was möglich ist". Ein Halbsatz, über den die eine oder andere Mannschaft etwas länger nachdenken kann, bevor sie nach München reist.



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stoffi 02.10.2016
1. LoLorbeeren, auf denen man sich ausruht, verwandeln sich in Brennesseln
Neue Spieler, neuer Trainer, das hat sich eben noch nicht aufeinander eingespielt gespielt. Vor allem fehlt im Moment in der zweiten Hälfte das anziehen des Tempos, wodurch meist dann noch Tore fallen.
jujo 02.10.2016
2. ...
Ich hoffe sehr das andere Mannschaften ähnlich agieren wie Ingolstadt, der HSV und Köln. Gerade die Leistung der erstgenannten Kellerkinder der Liga sollte anderen Teams Mut machen das gegen den FCB etwas geht. Das geht mir nicht gegen den FCB sondern um die Spannung in der Liga hochzuhalten. In den letzten Jahren war doch nur noch Spannung ab Platz 12 abwärts vorhanden. Ich würde mir wünschen das nicht nur der HSV die Spannung im Keller hochhält sondern auch wieder der FCBan der Spitze.
kopi4 02.10.2016
3.
Vielleicht ein Schuß vor den Bug zur rechten Zeit, zumal sie sogar letztlich einen Punkt mehr gemacht haben als der BVB. Mit einem erneuten Sieg in der Schlußphase wären die Defizite wieder übertüncht worden.
Freddy Kraus 02.10.2016
4. Wechsel die nichts bringen
Der eine Verein feuert seinen Trainer, weil er nichts bringt. Der andere Verein stellt dann genau diesen Trainer wieder ein, weil er wa bringen soll. Verstehe ich da etwas nicht ganz richig?
jujo 02.10.2016
5. ...
Zitat von Freddy KrausDer eine Verein feuert seinen Trainer, weil er nichts bringt. Der andere Verein stellt dann genau diesen Trainer wieder ein, weil er wa bringen soll. Verstehe ich da etwas nicht ganz richig?
Das muss man nicht verstehen,. Beim HSV z.B. stinkt seit 10 Jahren der Kopf oberhalb der Trainer Ebene, eine andere Erklärung habe ich nicht. Da wurden zuletzt für über 30 Mio. neue Spieler verpflichtet, das inpliziert doch das da Qualitäten vorhanden sein müssen, unabhängig vom Trainer, Bislang sehe ich die nicht. Ferner gelang es nicht spielerisch wertvolle Leute zu halten. Beim HSV Mittelmaß im neuen Verein Leistungsträger Sprung ins Nationalteam u.s.w.
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