Bayern-Niederlage in Mönchengladbach Ist der Flick-Effekt dahin?

Topspiel verloren, siebter Platz, sieben Punkte hinter dem Tabellenführer - bei den Bayern war die Stimmung nach dem Gladbach-Spiel erwartbar schlecht. Dabei sind Hansi Flicks Maßnahmen effektiv.
Bayern-Niederlage in Mönchengladbach: Ist der Flick-Effekt dahin?

Bayern-Niederlage in Mönchengladbach: Ist der Flick-Effekt dahin?

Foto: LUKAS BARTH-TUTTAS/EPA-EFE/REX

Mit dem Mut ist das so eine Sache. Trainer fordern ihn ständig von ihren Spielern ein, die Profis selbst tun das ebenso, auch die Journalisten; es scheint, als sei die Fußballwelt sich einig, dass mutiges Spielen unerlässlich sei.

Einen mutigen Moment im Spiel gegen Bayern München hatte Borussia Mönchengladbach kurz nach der Pause. Da zwangen die Gladbacher ihre Gegenspieler zu Rückpass um Rückpass, bis schließlich Kapitän Lars Stindl Bayern-Keeper Manuel Neuer presste. Seine Grätsche, direkt vor der Fankurve, verfehlte zwar den Ball, der Lärmpegel aber war in dieser 49. Minute enorm, das mutige Pressing wurde auf den Rängen gefeiert.

20 Sekunden später stand es 1:0 für die Bayern.

Denn Neuer ist noch immer Weltklasse darin, Bälle an die Mitspieler zu bringen, selbst wenn sie, wie in diesem Fall, 30 Meter entfernt stehen. Und was dann geschah, zeigt, wie gefährlich es ist, den Bayern Raum zu geben. Sieben Stationen folgten auf den Neuer-Pass, dann traf Ivan Perisic.

Ein 0:1, das etwas freigesetzt hat

Es hätte die Geschichte dieses Spiels sein können. Die Gladbacher, die, wenn auch etwas glücklich, lange ein 0:0 halten, um dann, als sie mehr Risiko gehen, bestraft zu werden. Zynisch, aber so läuft es halt gegen die Bayern.

Aber es kam anders, mit diesem Tor kippte die Partie.

Manchmal, sagte Gladbachs Trainer Marco Rose später, tue so ein 0:1 gut. Das könne etwas freisetzen in den Köpfen der Spieler. Tatsächlich war die Borussia nach einer unterlegenen ersten Hälfte in den letzten 40 Minuten gleichwertig, am Ende gewann sie 2:1 (0:0), seit acht Wochen ist sie nun schon ohne Unterbrechung Tabellenführer.

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Gladbachs Erfolg gegen die Bayern: Ein unwahrscheinlicher Sieg

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Dort, auf Platz eins in der Bundesliga, war der FC Bayern in dieser Saison nur ein Mal, am sechsten Spieltag. "Wer es jetzt noch nicht begriffen hat, der ist komplett auf dem falschen Weg", sagte Joshua Kimmich nach der Pleite in Gladbach. Das klang ernst. Ist es das?

Etwas mehr als einen Monat ist Hansi Flick mittlerweile Cheftrainer der Bayern, das Spiel in Gladbach war sein sechstes. Seine Anfangswochen verliefen überragend, vier Siege in Folge, 16:0 Tore, man dachte, die Bayern marschierten jetzt durch bis zur Meisterschaft. Dann folgten die Niederlagen gegen Leverkusen (1:2) und nun gegen die Borussia. Weil die Konkurrenz gewann, sind die Münchner nun Tabellensiebter, der Rückstand auf Platz eins beträgt sieben Punkte.

Das Fußballspielen vergessen

Die Pressekonferenz in Gladbach. Flick, weinroter Pullover über weißem Hemd, spricht über die 90 Minuten, er wählt seine Worte mit Bedacht. Einmal sagt er, man müsse schauen, "dass wir in den verbliebenen drei Ligaspielen" - Pause - "ja, einfach punkten". Flick hätte "gewinnen" sagen können.

Seine Mannschaft habe in Gladbach nach dem 1:0 das Fußballspielen vergessen, er sei sehr, sehr unzufrieden mit den letzten beiden Ergebnissen, sagt Flick. Er sagt aber auch, allgemein: "Wir haben uns gesteigert was die Art betrifft, wie wir Fußball spielen."

Das stimmt. Flicks Maßnahmen bei den Bayern sind simpel, aber effektiv. Er lässt seine Spieler früher pressen, sie versuchen den Ball hoch auf dem Platz zu erobern, was im Erfolgsfall zu mehr Ballbesitz führt. Und wenn die Bayern angreifen, legt Flick großen Wert auf Absicherung. Oft bleiben fünf Spieler hinter dem Ball, drei Spieler aus Abwehrkette, zwei aus dem Dreiermittelfeld.

"Wir hatten nach dem Tor weniger Kontrolle"

Das ist zwar stabil, in der Offensive wird damit aber besonders wichtig, dass die Stürmer besser sind als ihre Gegenspieler. Was beim FC Bayern fast immer so ist. Aus Flicks Sicht ist es nachvollziehbar, etwas vorsichtiger zu spielen. Die Münchner wurden zuletzt seltener ausgekontert als noch unter Vorgänger Niko Kovac. Problematisch wird es nur, wenn die Angreifer ihre Chancen nicht nutzen. Robert Lewandowski etwa ist nach seinem Bundesligarekord (an jedem der ersten elf Spieltage zumindest ein Treffer) nun dreimal in Folge in einem Ligaspiel leer ausgegangen. Zwei davon gingen verloren.

In Gladbach wurde daher viel über die mangelnde Chancenverwertung in der ersten Hälfte gesprochen, sie diente als Erklärung für die Niederlage. Aber das ist nur die eine Geschichte.

Das größere Problem gegen Gladbach war aber, dass die Bayern in der zweiten Hälfte kaum mehr geordnet vor's gegnerische Tor kamen. Die Bälle wurden zu schnell nach vorne gespielt, als dass die Verteidiger hätten nachrücken und das Gegenpressing vorbereiten können. "Wir hatten nach dem Tor weniger Kontrolle, das müssen wir uns eingestehen", sagt Thomas Müller nach dem Spiel. Ist der Flick-Effekt damit dahin?

Abwarten. Die bessere Konterabsicherung dürfte unter normalen Umständen zu besseren Resultaten führen. Der siebte Platz ist aber der unnormalste Umstand in München seit vielen Jahren. Eine dritte Niederlage in Folge, und die Unruhe wäre wohl wieder enorm.

Als nächstes steht das Champions-League-Spiel gegen Tottenham Hotspur an. Das Hinspiel hatten die Bayern noch 7:2 gewonnen, ein Gala-Abend, doch die Spurs, die nun nach München reisen, sind andere, sie kommen mit Trainer José Mourinho und einem 5:0-Sieg gegen Burnley im Rücken. "Wir müssen schauen, dass wir am Mittwoch das Spiel gewinnen und in der Bundesliga neun Punkte holen", sagte Müller. "Sonst sieht es schattig aus."

Borussia Mönchengladbach - Bayern München 2:1 (0:0)
0:1 Perisic (49.)
1:1 Bensebaini (62.)
1:2 Bensebaini (90+2.)
Gladbach: Sommer - Lainer, Ginter, Elvedi, Bensebaini - Zakaria, Bénes (58. Embolo), Hofmann, Stindl (85. Raffael) - Pléa (64. Herrmann), Thuram
München:
Neuer - Kimmich, Boateng (68. Martínez), Alaba, Davies -Thiago, Goretzka, Tolisso (20. Perisic), Müller, Coman - Lewandowski
Schiedsrichter:
Fritz
Gelbe Karten: Bénes, Hofmann, Zakaria / Boateng, Thiago, Lewandowski
Rote Karte: Martínez
Zuschauer: 54.022 (ausverkauft)

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