Fotostrecke

Bundesliga: Zwei Tore in zwei Minuten

Foto: Lennart Preiss/ Bongarts/Getty Images

Bayern-Sieg gegen Mainz Meister der Verwandlung

So flexibel wie unter Guardiola spielte der FC Bayern noch nie. Exemplarisch bekam das nun Mainz 05 zu spüren. Nach einer schwachen ersten Halbzeit stellten die Münchner ihr System einfach um - und verwandelten einen Rückstand in einen klaren Sieg.
Von Sebastian Winter

Thomas Tuchel blieb noch lange nach Spielende in den Katakomben der Münchner Arena. Der Mainzer Trainer wirkte aufgeräumt, seine überschäumenden Emotionen hatte er nach dem 1:4 (1:0) gegen den FC Bayern auf dem Rasen gelassen. Der 40-Jährige wollte lieber seine Taktik erklären, die in der ersten Halbzeit voll aufgegangen, in den zweiten 45 Minuten aber vom Deutschen Meister ausgehebelt worden war.

Gegen die Bayern versuchen viele Gegner die richtige Balance zu finden, seit Trainer Pep Guardiola in München ist und man nicht mehr weiß, welcher seiner Akteure wo im ständig veränderbaren System spielt. Bloß nicht zu viel Offensive, aber auch nicht zu sehr hinten einigeln: In diesem Spannungsfeld befand sich auch Mainz vor der Begegnung.

Tuchel überlegte sich etwas Neues, er spielte mit einer Fünferkette in der Abwehr. "Wir hatten drei Innenverteidiger, konnten rausrücken, ohne zu fürchten, dass die Schnittstellen zu groß werden. Nach vorne verteidigen, das ist der Schlüssel, so werden die Schnittstellen und die gegnerischen Passwinkel kleiner."

Münchner Umstellungen wendeten das Spiel

Immer wieder stießen einzelne Abwehrspieler aus der Mainzer Fünferkette auf den Ballführenden der Münchner. Tuchels Taktik zermürbte die Bayern in der ersten Halbzeit, sie fanden in und um Mainz' Sechzehnmeterraum herum tatsächlich kaum Anspielstationen, sie bewegten sich schlecht, spielten Fehlpässe, missverstanden sich. Dass Franck Ribéry aus der Kreativabteilung verletzt fehlte, machte es nicht einfacher. "Wir haben die Lücken nicht so gefunden, wie wir es wollten", sagte Münchens Mittelfeldspieler Thomas Müller, "Mainz war da noch bei hundert Prozent."

Die Bayern lagen zu diesem Zeitpunkt weit darunter. Zu allem Überfluss unterlief Jérôme Boateng kurz vor der Halbzeitpause auch noch der fatale Fehler, der zum 0:1 durch Shawn Parker führte. "Wir haben dann ein bisschen was umgestellt. Personell und auch, wie wir in der Raumaufteilung agieren wollen, das hat gefruchtet", sagte hinterher Bayern-Kapitän Philipp Lahm.

Genau diese Umstellungen waren es, die das Spiel in der zweiten Halbzeit wendeten. Tuchel hatte das befürchtet, in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" hatte er gesagt, man müsse auf alles gefasst sein. Die Bayern-Spieler nähmen sich die Freiheit, auf den Gegner zu reagieren, das Spiel spontan zu verändern. Das sei neu, seit Guardiola da ist. Tuchels Prophezeiung erfüllte sich ausgerechnet im Spiel gegen Mainz.

Guardiola wechselte Mario Götze für Rafinha ein, Götze rückte ins offensive Mittelfeld. Dort hatte bis dahin Toni Kroos gespielt, doch Guardiola beorderte ihn auf die zweite Sechser-Position neben Bastian Schweinsteiger. Lahm, vorher auf der Sechs, wich für Rafinha auf die Außenverteidiger-Position zurück. Außerdem tauschten der zuvor wirkungslose Müller und Arjen Robben ihre Flügelpositionen. Auch die Viererkette wirbelte Guardiola durcheinander. Kurzum: Der Bayern-Trainer veränderte die gesamte Statik des Teams.

VW Käfer gegen Formel-1-Wagen

Der Schachzug mit Götze war im Nachhinein genial, denn der ehemalige Dortmunder war an den ersten drei der vier Bayerntore durch Robben (50. Minute), Müller (52.), Mario Mandzukic (69.) unmittelbar als Vorbereiter oder Vor-Vorbereiter beteiligt. Der lange verletzte 21-Jährige fand die Schnittstellen in der zugleich müder werdenden Mainzer Defensive.

Kapitän Lahm, der in den vergangenen Wochen zu einer neuen Bestform aufgelaufen ist, übertraf sich in der zweiten Halbzeit sogar selbst, er war überall zu finden. Während des gesamten Spiels hatte der 360-Grad-Mann 148 Ballkontakte - Saisonrekord. Insgesamt kam seine Mannschaft auf 965 Ballkontakte, ebenfalls Rekord.

Auch die Passgenauigkeit war in der zweiten Halbzeit so gut wie nie in dieser Spielzeit - dabei war just dieser Wert in den ersten 45 Minuten der schlechteste der Bayern in der aktuellen Saison. Die Zahlen verdeutlichen, was der Spielbeobachter längst ahnt: So flexibel und variabel wie unter Guardiola haben die Münchner vermutlich noch nie gespielt.

Kurz nach dem Schlusspfiff entgegnete Tuchel den Journalisten ernüchtert und belustigt zugleich: "Wir fahren einen VW Käfer Baujahr 1970 gegen ein Formel-1-Auto, und ihr fragt, warum wir nicht vor Vettel im Ziel sind?" Seine Idee mit der Fünferkette, einer Art Bremse für den Münchner Rennwagen, war gut - aber eben nur 50 Minuten lang.

Bayern München - FSV Mainz 05 4:1 (0:1)
0:1 Parker (44.)
1:1 Robben (50.)
2:1 Thomas Müller (52.)
3:1 Mandzukic (69.)
4:1 Thomas Müller (82., Foulelfmeter)
München: Neuer - Rafinha (46. Götze), Boateng, Dante (42. Alaba), Contento - Lahm - Robben, Schweinsteiger, Toni Kroos, Thomas Müller - Mandzukic (75. Kirchhoff)
Mainz: Wetklo - Pospech, Bell, Svensson (57. Park), Noveski, Diaz - Geis, Baumgartlinger (67. Moritz) - Nicolai Müller, Choupo-Moting - Parker (79. Saller)
Schiedsrichter: Kinhöfer (Herne)
Zuschauer: 71.000 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Kirchhoff -

Kennen Sie unsere Newsletter?
Foto: SPIEGEL ONLINE
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.