Abgang von Schalke-Manager Heidel Ausgeruht

Christian Heidel hat auf Schalke lange für etwas Seltenes gesorgt: für Ruhe. Weil das nicht mehr möglich ist, tritt der Manager ab. Für Trainer Domenico Tedesco könnte das Folgen haben.

Christian Heidel
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Christian Heidel


Mit der Höflichkeitsformel endete am Samstagnachmittag ein Prozess, der im Dezember 2018 begonnen hatte.

Kurz nach dem Abpfiff in Mainz und der damit verbundenen 0:3-Niederlage von Schalke verschickte der Klub eine vorbereitete Mitteilung: Schalkes Sportvorstand Christian Heidel verlasse den Klub spätestens im Sommer, hieß es dort. Schalke-Boss Clemens Tönnies gehörte das letzte Wort. "Für die geleistete Arbeit danken wir Christian Heidel ganz herzlich", wird Tönnies zitiert.

Es war alles andere als eine Überraschung, nicht nach den letzten Wochen. Der Druck war immer größer geworden seit eben dem Dezember des vergangenen Jahres. Schalke dümpelte damals auch schon im Mittelfeld der Tabelle vor sich hin, die Stimmung wäre eigentlich nur mit einem Sieg im Derby zu retten gewesen. Doch der BVB gewann 2:1. Tönnies trat auf den Plan.

Heidel und die Ruhe

Nicht mit hemdsärmeligem Gepolter, wie es der Fleischunternehmer auch beherrscht, sondern mit einer Aussage in der ihm nahestehenden "Bild"-Zeitung. Darin berichtete Tönnies über eine Idee aus dem Aufsichtsrat: Ein Berater mit anerkanntem Fußballsachverstand könne Heidel vielleicht helfen. Ein Affront. Heidel wies das zunächst brüsk zurück. Jeder könne sich eine Bewerbung schenken, "der Clemens" habe auch nur "laut gedacht", so der Sportvorstand. Das Verhältnis sei intakt, er pflege eine Freundschaft zum Aufsichtsratsboss.

Daran habe sich nichts geändert, wiederholte Heidel nun, nach der ziemlich blamablen Niederlage am Samstag, als er ausführlich seinen Rückzug erklärte. Der 55-Jährige sprach dabei oft von der "Ruhe", die es auf Schalke lange gegeben habe, selbst in seiner schwierigen ersten Saison 2016/17 unter Markus Weinzierl. Der Trainerwechsel hin zu Domenico Tedesco ging ziemlich lautlos über die Bühne, auch der Abgang der Schalker Identifikationsfigur Benedikt Höwedes wurde von Heidel glänzend moderiert. Das gelang ihm vor allem, weil er für die wichtigen Medien rund um den FC Schalke fast ständig zu erreichen war. Auch das änderte sich in den vergangenen Monaten.

Angriff auf "Bild" und "Sport Bild"

Die Zweifel an Heidel, die mit Tönnies' lautem Denken öffentlich geworden waren, wuchsen. Die Transferbilanzen wurden ihm vorgehalten, sowohl was die Kosten als auch was das Personal anging. Heidel fehlten die Argumente, denn Schalke dümpelte immer weiter. "Für die Ruhe kann ich im Moment nicht mehr sorgen", sagte er nun in Mainz. Die Diskussionen um seine Person schadeten dem Verein, daher gehe er freiwillig, verzichte auf das Geld, das ihm bis 2020 zustehe, wenn der Vertrag auslaufe.

So offensiv wie Heidel war lange kein Schalker mehr, die Kommunikationshoheit lag eindeutig bei ihm. Bis zuletzt. Dazu gehört, dass er "Bild"-Zeitung und "Sport Bild" vorwirft, die Phase der Ruhe beendet und den Prozess des Abgangs beschleunigt zu haben. Beide hatten Heidel zuletzt stark kritisiert und berichtet, die Trennung von Schalke wäre im Sommer ohnehin erfolgt. Der Angriff auf die Springer-Presse bringt ihm bei vielen Fans und Medien Applaus ein.

Heidel bringt Boldt in Stellung

In die Offensive geht Heidel auch, was seine Nachfolge betrifft. Er bringt Jonas Boldt in Stellung. Schon im vergangenen Sommer habe er mit dem ehemaligen Leverkusener gesprochen, sagte Heidel. Warum, blieb offen, denn welchen Bedarf soll es im Sommer 2018 gegeben haben? Schalke war gerade Tabellenzweiter geworden, hatte mit Tedesco einen jungen Trainer, der bundesweit gefeiert wurde, und mit Sebastian Rudy von den Bayern einen vermeintlichen Königstransfer gelandet. Auch für die Verpflichtungen von Mark Uth, Salif Sané und Omar Mascarell gab es Applaus.

Wie sich die Zeiten ändern. Rudy ist zu einem Gesicht der Schalker Krise geworden, auch die anderen Genannten sind - wie nahezu alle anderen Spieler - teilweise weit unter ihren Möglichkeiten geblieben. Dafür nahm Heidel jetzt "die sportliche Gesamtverantwortung" auf sich, wie er sagte.

Damit spannte der scheidende Sportvorstand zum wiederholten Mal den Schutzschirm über Tedesco aus. Dass der Trainer trotz des sportlichen Niedergangs bislang in einer relativen Ruhe arbeiten durfte, hat er vor allem Heidel zu verdanken. Auch wenn Heidel noch eine Weile bleibt, bis sein Nachfolger feststeht: Der Schutzschirm ist jetzt weg.



insgesamt 14 Beiträge
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cabarrus 24.02.2019
1. Oder
154 Mio ausgegeben, nichts erreicht, schnell weg. Kann sich ja ein anderer mit dem Scherbenhaufen rumärgern.
harronal 24.02.2019
2. "...könnte das Folgen haben"
Es *muss* Folgen haben - vor allem deshalb, weil man sich im Verein mittlerweile einig ist, dass der Vizemeister vom letzten Jahr nur ein Glücks- bzw. Zufallsprodukt von Tedesco/Heidel und der schwachen Konkurrenz war. Tedesco ohne Heidel wird demnach garantiert nicht als bessere Perspektive gesehen.
Jacek G 24.02.2019
3.
War klar, dass er nicht mehr lange bleibt. Wer bei dem Tabellenstand Leute wie Naldo abgibt, der hat keinen objektiven Blick mehr auf das Geschehen.
hefe21 24.02.2019
4. Coenen Sie mir das mal erklären?
Dass sich der Mann mit der Adlernase von einem wild um sich peckenden Sportbild-Huhn so vom Acker jagen lässt, das verheisst nichts Gutes über die Gestaltungskraft des Bundesligapersonals. Dass er auf Zuruf auch noch auf (s)eine Abfindung (und das in einer der Königsbranchen dieser Usance) verzichten will, das ist allerdings schon fast tragikkomisch und wird die Wutpresse eher noch anstacheln.
sirmika 24.02.2019
5. Ich will auch einen Job,
In dem ich durch Inkompetenz überzeugen kann, Millionen verschwende, Potentiale vernichte, am Ende aber gelobt werde, dass dabei Ruhe geherrscht hat. Echt unglaublich mit welchen Maßstäben in dieser Branche gearbeitet wird.
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