Bundesliga Blitzschnell an die Spitze

Erfolgsrezept Tempofußball: Durchschnittlich nur 1,1 Sekunden sind die Spieler von Tabellenführer Hertha BSC Berlin am Ball - und deshalb so erfolgreich. Nach dem Fitness-Wahn müssen Bundesliga-Trainer verstärkt auf Schnelligkeit setzen.

Von Christoph Biermann


Leider ist bislang nicht ermittelt, wie schnell Tabellenführer Hertha BSC bei seinem Sieg über Bayer Leverkusen am Samstag kombinierte. Vielleicht würde der Wert erneut Joachim Löw bestätigen, der die Mannschaft von Trainer Lucien Favre als schnellste der Bundesliga und damit als ihr leuchtendes Vorbild ausgemacht hat.

Hertha-Stümer Woronin: Im Schnitt 1,1 Sekunden am Ball
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Hertha-Stümer Woronin: Im Schnitt 1,1 Sekunden am Ball

Im Schnitt nur 1,1 Sekunden seien die Herthaner am Ball und das entspräche dem Spitzenniveau der Champions League, so der Bundestrainer. Dieses Lob in Richtung Berlin war jedoch nur die freundliche Verpackung einer fundamentalen Kritik: "Die Bundesliga hinkt im internationalen Bereich hinterher. Wir müssen alle zusammen versuchen, das zu verändern."

In Leverkusen grollte daraufhin Bayers Sportdirektor Rudi Völler: "Wir sollten endlich aufhören, die Bundesliga schlechterzumachen, als sie ist." Völler hatte auch früher schon gereizt auf Ermahnungen aus dem Umfeld der Nationalmannschaft reagiert. Vor anderthalb Jahren hatte es Oliver Bierhoff ganz dicke abbekommen.

Der Manager der DFB-Auswahl hatte nach dem damals schwachen Abschneiden der deutschen Clubs im Europapokal einen runden Tisch mit den Vereinstrainern angeboten und wollte dort auch die Philosophie der Nationalmannschaft vorstellen. Völler hatte daraufhin von ihm mehr "Demut" eingefordert und gehöhnt: "Die Philosophie für den Spieler Bierhoff musste noch erfunden werden. Brasilianische Spielweise mit Füßen aus Malta einzufordern, das geht eben nicht."

Das alles legt nahe, dass wir es inzwischen mit einem eingespielten Reiz-Reaktions-Schema zwischen Nationalmannschaft und Liga zu tun haben. Wenn sich die deutschen Clubs wieder mal aus den europäischen Wettbewerben verabschieden, gibt es eine Neuauflage der Diskussion, in die sich auch Bayern-Manager Uli Hoeneß einschaltete: "Wir können nur so gut spielen, wie es die Nationalmannschaft vorgibt."

Vorreiter Arsène Wenger und der FC Arsenal

Begonnen hat der Konflikt bereits, als Jürgen Klinsmann 2004 Nationaltrainer wurde. Damals war einer seiner Kampfbegriffe der von der mangelnden Fitness deutscher Nationalspieler. Klinsmann führte dagegen Fitness-Spezialisten aus den USA ins Feld, schrieb spezielle Trainingsprogramme und forderte von den Nationalspielern Sonderschichten ein. Insofern kann man sagen: Schnelligkeit ist die neue Fitness.

Nur ist die Diskussion um den Speed im Spiel komplizierter als jene um die Fitness. Arsène Wenger, der beim FC Arsenal den oft zitierten hyperschnellen One-Touch-Football entwickelt hat, sagt: "Spielerische Qualität kann gemessen werden." Als Maßeinheit zieht er vor allem einen Wert heran, den Löw ins Spiel gebracht hat: wie lange ein Spieler den Ball hält, bevor er ihn weiterspielt.

Die Klage über zu langsamen Fußball ist also auch eine über Spieler, die am Ball nicht gut genug sind. Und spielerische Klasse ist das, was am wenigsten durch Zusatzschichten auf dem Trainingsplatz verbessert werden kann und was am meisten Geld kostet. Schnell laufende, schnell denkende und schnell handelnde Spieler sind die Meistgesuchten und daher auch die Teuersten.

Es gibt in der Bundesliga, da hat Löw schon Recht, aber auch eine traditionelle Neigung zu etwas betulicherem Spielaufbau, die nichts mit dem Mangel an rasanten Spitzentechnikern allein zu tun hat. Wie man sich dieser Neigung verweigert, hat in der Hinserie die TSG Hoffenheim gezeigt. Dass die Sache auf Bundesliga-Plätzen nicht immer nach Wunsch in Gang kommt, hat aber vielleicht noch mehr mit mangelnder taktischer Raffinesse zu tun.

Ein Musterbeispiel dafür sind auch am Ende ihrer 15-Tore-Woche die Bayern des Jürgen Klinsmann, die inzwischen beharrlich nicht mehr bieten als eine Ansammlung guter Einzelspieler. Hertha BSC indes weist abseits aller Geschwindigkeitsdiskussion eine Qualität auf, die nichts mit Geld und teuren Spielern zu tun hat. Ein großer Teil des Erfolges der Berliner begründet sich in der ausgefeilten taktischen Arbeit Favres. Er beweist, dass so die Summe der Einzelspieler weit übertroffen werden kann. Und Speed ist dabei nur ein Abfallprodukt.

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