BVB-Erfolg nach zehn Wochen Corona-Pause An die leere Wand gespielt

Kneipen und Stadionvorplatz leer, dafür volle Punktzahl: Das Revierderby stellt alle in Dortmund zufrieden. Der Blick richtet sich langsam auf das nächste Heimspiel, wenn der FC Bayern im Titelkampf zu Gast ist.
Von Marcus Bark, Dortmund
Dortmunds Profis jubeln nach dem Sieg gegen Schalke vor der leeren Südtribüne

Dortmunds Profis jubeln nach dem Sieg gegen Schalke vor der leeren Südtribüne

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Das Kreuzviertel in Dortmund liegt gut zehn Fußminuten entfernt vom Westfalenstadion. An normalen Spieltagen ist die Anreise mit dem Auto nicht zu empfehlen, aber selbst wenn die Borussia statt vor 80.000 Zuschauer nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit gegen den FC Schalke antritt, kann die Parkplatzsuche lange dauern. Daher wählten am Samstag zwei Fahrer den Bürgersteig direkt vor dem Supermarkt, um ihre Autos abzustellen - ordnungswidrig, wie zwei Mitarbeiter des Ordnungsamtes ordnungsgemäß feststellten.

In den Kneipen des Viertels war aber soweit alles in Ordnung. Dabei waren gerade dort Verstöße gegen die Corona-Abstandsregeln befürchtet worden. Im Kreuzviertel sorgen Heimspiele des BVB normalerweise für hohe Umsätze bei den Gastwirten. Manche haben wegen der dramatischen Einnahmeverluste während der Pandemie schon aufgegeben. Bei denjenigen, die seit dem 11. Mai wieder geöffnet haben und sich das Abo des Pay-TV-Senders "Sky" leisten, wurde ein guter Besuch erwartet. Schließlich gab es nur die Konferenz frei empfangbar zu sehen, und wer möchte sich das Derby - das eigentliche Spiel des Jahres - schon von Fortuna Düsseldorf gegen den SC Paderborn unterbrechen lassen?

Es waren viel mehr, als die vielen Skeptiker dachten. Vielleicht verfolgten sie den klaren 4:0-Erfolg im Radio, trafen sich im privaten Kreis oder verfolgten das Spiel über einen Liveticker. Die Kneipen waren mäßig gefüllt, so, wie es sein sollte.

Auch in der Nähe des Stadions blieb es ruhig, wie von den organisierten Fans versprochen, denen aber nicht wirklich geglaubt wurde. "Deutschland und die Welt haben heute nach Dortmund geschaut und sich gefragt: Wie funktioniert die Bundesliga in Zeiten von Corona?", schrieb die Dortmunder Polizei. "Werden sich die Fans nach der Zwangspause an die noch immer geltenden Einschränkungen halten? Wir können nun sagen: Ja, das haben sie getan." Wer sich in den Fanszenen umgehört hatte, war nicht überrascht.

Die Zuschauer in Ekuador, Kambodscha oder Namibia werden aber, wenn überhaupt, doch eher auf den Fußball als auf die Kneipen im Kreuzviertel geschaut haben. Der war angesichts der außergewöhnlichen Umstände ansehnlich, allerdings nur von der Borussia. Schalke präsentierte sich in einem erbärmlichen Zustand und hatte sich die schlechten Witze über das 0:4 verdient.

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Die Geister, die der Fußball rief

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Als die Dortmunder nach dem Spiel zur Südtribüne rannten, um vor dem leeren Betonklotz - der Gelbe Wand genannt wird - zu feiern, bedurfte es nur einer mäßigen Vorstellungskraft, um sich die passenden Gesänge zu denken. Angesichts der Euphorie des höchsten Sieges in einem Derby seit 1966 hätte es gewiss ein "Deutscher Meister wird nur der BVB" zu hören gegeben.

Vielleicht wäre auch schon von Spiel zu zwei Spiele später gedacht worden. Nach der Auswärtspartie beim VfL Wolfsburg kommt der FC Bayern am 26. Mai nach Dortmund (Liveticker SPIEGEL.de; TV: Sky), und wenn es dann einen weiteren Heimsieg geben sollte, könnte es etwas werden mit der neunten deutschen Meisterschaft. Auch wenn derzeit niemand den sportlichen Wert eines solchen Titels richtige einschätzen kann.

DER SPIEGEL

Bei den Spielern und Verantwortlichen des BVB überwog aber zunächst die Erleichterung, aus vielen Fragezeichen ein Ausrufezeichen gemacht zu haben. Die lange Pause und die lange Liste an Ausfällen, darunter Marco Reus, Axel Witsel, Emre Can und Dan-Axel Zagadou, nährten Zweifel. Jadon Sancho saß zunächst nur auf der Bank, der für ihn vorgesehene Giovanni Reyna verletzte sich beim Aufwärmen. Aber Thorgan Hazard sprang für ihn ein und überzeugte, genau wie Thomas Delaney und Mahmoud Dahoud, die im Zentrum des Mittelfeldes statt Witsel und Can spielten. Sie wurden von Lizenzspielerchef Sebastian Kehl namentlich gelobt, genau wie Julian Brandt, der bei allen vier Toren seine Füße maßgeblich im Spiel hatte.

Der Mann des Spiels: Julian Brandt (M.)

Der Mann des Spiels: Julian Brandt (M.)

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"Was gibt es Schöneres, als mit solch einem Sieg wieder in die Saison einzusteigen", sagte Brandt, nachdem er bedauert hatte, dass bei dem Jubel auf der Südtribüne 24.500 Menschen fehlten: "Mir wäre es lieber, wenn die Rahmenbedingungen normal wären."

Die Zeit ist aber außergewöhnlich, daher lud der BVB über eine Videokonferenz zur Feier des Derbysiegs ein. Spieler wie Lukasz Piszczek, Mats Hummels und der zweifache Torschütze Raphael Guerreiro saßen dafür vor ihren Webcams. Nach wenigen Minuten wurde die Feier aber abgebrochen. Einige Teilnehmer der offenen Konferenz hatten die Ordnung gestört. Sie werden im Schalker Lager vermutet.

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