BVB-Remis in Freiburg Nicht panisch, aber ratlos

Borussia Dortmund könnte Tabellenführer sein, verstolperte jedoch erneut die Chance. Vom Gegner aus Freiburg könnten die Dortmunder lernen.
Lucien Favre erlebte das dritte Bundesliga-Remis seines Teams in Folge

Lucien Favre erlebte das dritte Bundesliga-Remis seines Teams in Folge

Foto: Ralph Orlowski / REUTERS

Zu viele Gegentore, nicht genug Spielintelligenz, mangelhafte Raumaufteilung - das ist kein Rundumschlag eines übereifrigen Fernsehkommentators gegen den Meisteraspiranten Borussia Dortmund. Es ist das Urteil der schwarzgelben Spieler selbst. "Wir haben ein paar Baustellen", fasste es Julian Brandt am Samstagabend nach dem 2:2 beim SC Freiburg diplomatisch zusammen.

Schon wieder 2:2. Für den BVB war es das dritte Bundesligaspiel in Folge mit diesem Ergebnis, vor der Partie in Freiburg hatte der Vizemeister gegen Eintracht Frankfurt und Werder Bremen seine Führungen verspielt. Am Samstag reichten weder ein Volleytor von Axel Witsel noch ein von Achraf Hakimi erzwungener Treffer zum Dortmunder Sieg. Luca Waldschmidt glich für die Gastgeber zum zwischenzeitlichen 1:1 aus, in der 90. Minute prallte ein harmloser Freiburger Pass vom Bein des BVB-Verteidigers Manuel Akanji ins Netz. Die Freiburger feierten den späten Ausgleich wie einen Siegtreffer, während die Gäste aus Dortmund bedient das Feld verließen.

Eigentlich hat der BVB ein hochveranlagtes Team mit Titel-Potenzial. Europaweit können nicht viele Mannschaften gegen die Dribblings von Jadon Sancho, die Passsicherheit von Axel Witsel und die Schnelligkeit von Achraf Hakimi bestehen. Eigentlich. Doch in dieser Saison schaffen die Dortmunder zu selten, Erfolg aus ihrer Qualität zu schöpfen. Woran das liegt? "Wenn wir das wüssten, würden wir es ja ändern", klagte Brandt nach dem Spiel.

Das Problem mit den späten Gegentoren

Die Dortmunder Mannschaft hatte den Ball häufiger und hielt ihn gerade in der ersten Halbzeit sicherer als ihr Gegner, und sie erarbeitete sich elf Eckbälle. Doch aus den zahlreichen Standards entsprang nur ein Treffer, im ganzen Spiel gelangen dem BVB nur sieben Torschüsse - lediglich einer mehr als Freiburg.

"Mehr Kontrolle" fordert der Dortmunder Trainer Lucien Favre gern nach erfolglosen Spielen, zuletzt nach dem 2:2 gegen Bremen. Aber in der aktuellen Spielzeit zeigt sich überdeutlich, dass souveränes Ballgeschiebe nicht ausreicht. "Vielleicht kontrollieren wir zu viel und greifen nicht genug an", mutmaßte der Dortmunder Mittelfeldspieler Thomas Delaney am Samstag. Sein Kapitän Marco Reus drückte das noch drastischer aus: "Unsere Ballbesitzphasen sind in Ordnung, aber ohne jegliche Gefahr für den Gegner."

Mats Hummels auf dem Weg zur Aussprache in der BVB-Kabine

Mats Hummels auf dem Weg zur Aussprache in der BVB-Kabine

Foto: Ralph Orlowski / REUTERS

Diese Harmlosigkeit mit dem Ball haben die BVB-Spieler laut Mats Hummels gleich nach dem Spiel in der Kabine diskutiert. Dabei ging es offenbar auch hitzig zu.

Für die ehrgeizige Borussia ist die bisherige Saisonbilanz ernüchternd. Doch ein Grund zur Panik ist sie noch nicht. In der Bundesliga-Tabelle lagen am Samstagabend nur vier Punkte zwischen den ersten zehn Plätzen. Ohne die beiden späten Eigentore gegen Bremen und Freiburg sähe die Lage für Dortmund ganz anders aus. "Man muss realistisch sehen, dass wir nicht perfekt spielen", räumte Hummels am Samstag ein, "aber man muss auch sehen, dass wir mit ein bisschen Glück Tabellenerster wären." Trotzdem: Die hohen Ansprüche hat Borussia Dortmund dieses Jahr eindeutig formuliert. Gerecht wird das Team ihnen bisher aber nicht.

Was Freiburg stark macht

Vom bescheidenen, überglücklichen Tabellenzweiten aus Freiburg können sich auch die BVB-Stars dabei noch einiges abgucken. Im Gegensatz zur Ratlosigkeit auf höchstem Dortmunder Niveau scheinen die Profis aus dem Breisgau genau zu wissen, was sie für ihren Erfolg benötigen.

"Es gibt eine Grundbasis, die ist unabhängig vom Spielertyp", sagte SC-Trainer Christian Streich am Samstag: Man müsse bereit sein, sich zu quälen. "Energie, Power, Dynamik, Glaube, nicht aufzugeben", zählte Streich auf, das sei in jedem seiner Spieler zu spüren gewesen.

Luca Waldschmidt erzielte gegen Dortmund bereits seinen vierten Saisontreffer

Luca Waldschmidt erzielte gegen Dortmund bereits seinen vierten Saisontreffer

Foto:

Patrick Seeger / DPA

Symptomatisch eine Szene in der 60. Minute, als sich Freiburgs Lucas Höler an der linken Außenbahn entlangarbeitete und erst von drei BVB-Spielern gestoppt werden konnte. Das Publikum bejubelte den Einsatz des Stürmers, Streich tobte fäusteballend an der Seitenlinie. Sein Team hatte die bessere Zweikampfbilanz, ließ der Dortmunder Offensive vor dem Strafraum kaum Raum und verdiente sich so einen Punkt. Waldschmidt nannte das eine Willensleistung. Die Dortmunder reden nicht gern über Mentalität.

Während es beim BVB knirscht, ruht der SC Freiburg in sich selbst. Die Fans feierten vor dem Spiel den neuen DFB-Präsidenten, ihren ehemaligen Klubpräsidenten Fritz Keller, so herzlich, dass dem 62-Jährigen die Tränen kamen. Im Gespräch mit dem SPIEGEL warnte der oberste DFB-Funktionär allerdings vor zu viel Zufriedenheit: "Nach außen hin ist Ruhe wichtig, aber intern muss immer alles in Frage gestellt werden." Die größten Fehler mache man immer, wenn es einem zu gut gehe.

An diesem Samstagabend ging es den Freiburgern gut. Sehr gut. Der Einsatz, die Taktik, das Ergebnis, auch das Spielglück stimmte. "Die Zuschauer waren begeistert", sagte Christian Streich, "und an diesem Tag muss ich zugeben: ich auch."

SC Freiburg - Borussia Dortmund 2:2 (0:1)
0:1 Witsel (20.)
1:1 Waldschmidt (55.)
1:2 Kübler (Eigentor, 67.)
2:2 Akanji (Eigentor, 90.)
Freiburg: Schwolow - Kübler, Koch, Heintz - Schmid, Abrashi, Höfler, Günter - Waldschmidt, Höler, Haberer
Dortmund: Bürki - Piszczek, Akanji, Hummels, Guerreiro - Witsel, Delaney - Hakimi, Reus, Hazard - Götze
Schiedsrichter: Jablonski
Zuschauer: 24.000

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