Streich vs. Abraham in der Taktikanalyse Der abkippende Trainer

Es war eine Szene für Taktikliebhaber: Das Duell zwischen Freiburgs Streich und Frankfurts Abraham bot einen Trainer mit Raumdeckung, einen anlaufenden Verteidiger und eine Bank mit vorbildlichem Gegenpressing.

Freiburgs Trainer Christian Streich
Jan Huebner/ imago images

Freiburgs Trainer Christian Streich

Eine Glosse von


Der Bodycheck von Frankfurts David Abraham gegen Freiburgs Trainer Christian Streich war der Aufreger des Bundesliga-Spieltags. Eine Szene, an der man mit jeder Wiederholung ein neues Detail entdeckt.

Etwa wie Streich kurz sitzen bleibt, nachdem ihn Abraham niedergestreckt hat wie ein Eishockeyspieler seinen Gegner an der Bande. Wie der Freiburger Coach dann für eine Sekunde die Arme über den Knien verschränkt, als wäre er jetzt endgültig fertig mit dieser Welt.

Nicht final klären ließ sich bisher die Schuldfrage. Und wenn man im Fußball nicht mehr weiter weiß, dann braucht es eine tiefgehende Analyse - am besten eine Taktikanalyse.

Die Polyvalenz des David Abraham

Zuallererst fällt auf, dass Abraham den Gegner wirklich gut anläuft. Das wollen ja immer alle Trainer von ihren Spielern: aggressives Pressen, Gegner unter Druck setzen. Und dann erweist sich der Frankfurter Kapitän auch als durchaus polyvalent: Einerseits agiert er als Balleroberer, der dem Spielgerät wild hinterherjagt. Andererseits zeigt er auch die Fähigkeit, an seinem Gegner vorbeizukommen. Eins-gegen-Eins-Spieler, die mal etwas Überraschendes machen, sind ja so schwer zu finden heutzutage.

Aber Streich, ganz Taktikfuchs, stellt natürlich auch die Räume gut zu. Er besetzt geschickt den Halbraum zwischen Coachingzone und Spielfeld. Als Abraham heranrauscht, macht er eine winzige Bewegung und versperrt dem Eintracht-Spieler so den direkten Laufweg zum Ziel. Das Gespür, wann dafür der richtige Augenblick ist, haben nur echte Strategen.

Fotostrecke

9  Bilder
Skandalspiel in Freiburg: "Er ist halt ein junger Büffel, ich bin 54"

Im Hochleistungsfußball kommt es auf Details an: Streich beherrscht sie perfekt. Die rechte Schulter schiebt er kurz vor dem Zusammenprall so klug raus, dass Abraham eigentlich ausweichen müsste. Verteidigung mit Deckungsschatten. Aber Abraham weicht nicht aus. Krach.

Danach sieht man, was man in der modernen Fußballsprache als einen abkippenden Trainer bezeichnet. Streich fällt um, ein Bein zum Himmel, eins zur Seite.

Kollektives Gegenpressing der Freiburger Bank

Abraham läuft weiter und beweist dann eine selten gesehene Kaltschnäuzigkeit: Er beugt sich zum Ball herunter, als könne er jetzt wirklich noch den Einwurf ausführen.

Das kollektive Gegenpressing der Freiburger Bank, das folgt, ist beeindruckend. Vincenzo Grifo greift Abraham an, seine SC-Kollegen rücken perfekt nach, sodass der Frankfurter sich fast gezwungen sieht, einen Befreiungsschlag anzusetzen. Klar, die Grundordnung der Freiburger ist jetzt zwar dahin, aber das macht dann auch nichts mehr.

Der Schiedsrichter zeigt zweimal Rot und fertig ist das Schlachtengemälde des 11. Spieltags. Klarer Sieger: niemand. Klarer Verlierer: alle.



insgesamt 35 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Alter Falter 11.11.2019
1. Ein Streich
Jetzt ist mir dieser Trainer noch sympathischer. Hat er sehr clever gemacht, so ist das eben im Fußball. Mal kurz ein Bein rausstrecken, den Hintern etwas verschieben, die Schulter zeigen. Das sind alles absolut übliche Finessen, nicht bösartig, kein Grund zur Aufregung. Besonders, wenn es darum geht, noch ein paar Sekunden von der Uhr zu nehmen. Herrjeh, wer sich darüber aufregt, der ist aktuell entweder Frankfurt-Fan, humorlos oder mindestens ein Heuchler. Immerhin - und das zeichnet Streich wirklich aus: Er ist gleich wieder aufgestanden. Ein Neymar (oder auch Ribery) wäre bis zur Eckfahne gerollt. Seine Kommentare hinterher waren nur erfrischend.
tormos 11.11.2019
2. "Der Aufreger des Spieltags"
(und auch die Schuldfrage) exitiert nur noch in den Redaktionen. In den Kabinen und auf dem Platz hat man sich längst ausgesprochen und die Hände gereicht.
Der wilde Hase 11.11.2019
3. Eindeutig Foulspiel von Streich
Sperren des Gegners ohne Ball, Spielverzögerung. Eindeutig muss Streich den Spieler ungehindert den Ball holen lassen, also grobe Unsportlichkeit von Streich, lebenslange Sperre wäre angebracht.
inspirol 11.11.2019
4. Entschuldigung, aber...
Es grassiert in unserer Gesellschaft eine seltsame Art der Entschuldigung: Die Selbstentschuldigung. Anstatt um Entschuldigung zu bitten, macht man das kurzerhand selbst. Statt ich bitte um Entschuldigung.., sagt man einfacher, ich entschuldige mich bei Ihnen.. Donnerwetter.
Mittelalter 11.11.2019
5. Es ist doch immer das Selbe:
Einer schreibt etwas und alle Anderen schreiben unreflektiert ab: " nachdem ihm Abraham niedergestreckt hat wie ein Eishockeyspieler seinen Gegner an der Bande." Die scheinen Alle lange nicht, oder noch nie beim Eishockey gewesen zu sein. Wenn Abraham wie ein Hockeyspieler gecheckt hätte, wäre Streich mit der Heckflosse voraus auf seine Bank geflogen, so wenig Körperspannung, wie der hatte. Danach gab es auch kein im Eishockey übliches 1:1, sondern ein Alle gegen Einen, was in der Wintersportart verpönt ist. Die Nummer erinnert eher an ein Tackel mit offener Hand durch den Ballträger beim Rugby. Das ist dort vollkommen legitim und der Abflug hättet eher Gelächter ob der Unbeholfenheit von Streich ausgelöst. Wenn es um Körperkontakt geht, verbietet sich jeder Vergleich von Fußball mit irgend einer anderen Sportart. Früher war nicht nur alles besser sondern Basketball das körperlose Spiel. Diesen Titel haben sich die Fußballer, die bei jedem Kontakt derartig abheben wie der in der Sache wohl versierte Freiburger Trainer, mittlerweile redlich verdient.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.