Freiburg vor Klassenerhalt Mineralwasser und frühe Bettruhe

Freiburg hat im Abstiegskampf einen wichtigen Sieg gefeiert - ausgerechnet gegen den FC Bayern. Der SC steht nach einer Saison vor dem Klassenerhalt, die Christian Streich als "Hölle" empfand. Seinen Spielern verlangte er einiges ab.

SC-Trainer Streich: Will noch nicht feiern
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SC-Trainer Streich: Will noch nicht feiern

Aus Freiburg berichtet


Als die ersten Mitglieder des Bayern-Trosses längst im Mannschaftsbus saßen, ließen sich die Freiburger Spieler immer noch vor der Nordtribüne feiern. Roman Bürki, der sonst so gelassene Schweizer Keeper, hüpfte herum wie ein ausgelassenes Kind. Nils Petersen, der in einem Sieben-Minuten-Einsatz sein achtes Tor im elften Spiel für den SC geschossen hatte, führte eine Art Regentanz in der Frühlingssonne auf. Und Pavel Krmas, der schweigsame Tscheche mit dem abgeschlossenen Mathe-Studium, verdrückte sogar ein paar Tränen, ehe er zur Feier seines letzten Heimspiels nach acht Jahren Freiburg auf den Zaun kletterte.

Die Journalisten in der Interviewzone warteten derweil zunehmend ungeduldig auf die Spieler. Längst hatten sie für den 34. Spieltag alle Eventualitäten durchgerechnet: Punktet der SC in Hannover, kann er nicht mehr direkt absteigen; gewinnt er, kann die Konkurrenz machen, was sie will und der Sportklub hat einen neuen Vereinsrekord aufgestellt: Sieben Jahre in Folge war noch keine Freiburger Mannschaft erstklassig - auch dank eines völlig unerwarteten Sieges: 2:1 gegen die Bayern, da stellte sich die Frage ja fast automatisch, ob der vermeintlich übermächtige Meister den Sieg freiwillig hergeschenkt habe.

"Nein", fand Mittelfeldmann Felix Klaus, man habe schon gesehen, dass "die alles gegeben" hätten: "Aber sie sind vielleicht einfach ein bisschen kaputt." So wirkte es zuweilen allerdings tatsächlich, fast durchgehend fehlte dem Bayern-Spiel Tempo und Esprit, mancher FCB-Profi schleppte sich über die Runden.

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Und dennoch schmälert das nicht die Freiburger Leistung. Zum einen weil der SC alle Grundvoraussetzungen erfüllte, um ein Fußballspiel erfolgreich zu gestalten: 112 Kilometer liefen die Spieler, die 52 Prozent aller Zweikämpfe gewannen - letzteres ist ein geradezu unfassbarer Wert, wenn die eigentlich notorisch zweikampfschwachen Freiburger gegen die Bayern spielen.

Und während es in der Regel so ist, dass man sich als Trainer der Konkurrenz nach einer Bayern-Führung schon mal die Floskeln für die Abteilung "Niederlage" zurechtlegen kann, drehte der SC die Partie nach 0:1-Rückstand.

Wer nun erwartete, dass die Freiburger Laufmonster sich vielleicht doch ein wenig freuen, sah sich getäuscht. Die Statements hörten sich grundsätzlich nicht anders an als nach gewonnenen Freundschaftsspielen in der Saisonvorbereitung.

Trainer Christian Streich packte drei Relativierungen in einen einzigen Satz: "Wir haben jetzt die Möglichkeit, vielleicht in der Bundesliga zu bleiben, wenn wir in Hannover gut spielen." Und Felix Klaus erteilte sich und seinen Kollegen Enthusiasmusverbot: "Das Dümmste wäre jetzt, sich zu lange zu freuen. Wenn wir nächsten Samstag gegen Hannover verlieren, war der Sieg heute gar nichts wert."

Die Fanfeier, die wie in jeder Saison nach dem letzten Heimspiel bei Freibier und Bratwurst stattfand, fiel für die Spieler dieses Jahr aus. Gut möglich also, dass auch Klaus, der in seiner Fürther Zeit mit WG-Kumpel Johannes Geis, der inzwischen bei Mainz spielt, gern mal zu Burger und Pizza griff, in Freiburg zum Vollprofi geworden ist.

"In der Hölle waren wir die ganze Zeit"

Trainer Streich forderte jedenfalls schon im Winter Mineralwasser und frühe Bettruhe. Schließlich wissen sie beim SC, dass ihr Kader individuell schwächer besetzt ist als der in Stuttgart oder beim HSV und dass sie mehr tun müssen, um drei Vereine hinter sich zu lassen.

Vom schlechten Saisonverlauf war man dennoch überrascht. Allein sechsmal gab man Siege in den Schlussminuten aus der Hand. Als Streich gefragt wurde, ob ein Abstieg in Hannover nun die "Hölle" wäre, schaute er entgeistert: "In der Hölle waren wir doch schon die ganze Zeit."

Vielleicht ist es am Ende aber ja gerade die Summe aus vielen kleinen richtigen Entscheidungen, die über den Klassenerhalt entscheidet. Ein bisschen mehr Laufbereitschaft, ein bisschen mehr professionelle Lebensführung, ein bisschen mehr Taktikschulung - und ein bisschen weniger Freude nach einem durchaus historischen Tag. Schließlich gelang dem SC zuletzt im März 1996 ein Sieg gegen die Bayern.

Und keine Sorge: Dass der 2:1-Sieg vom 16. Mai 2015 genau zum richtigen Zeitpunkt gekommen ist, wissen sie in Freiburg in ihrem tiefsten Inneren ja durchaus, wie Petersen zu erkennen gab: "Wenn dir ein Sieg gegen die Bayern keinen Rückenwind gibt, dann weiß ich nicht, was dir dann Rückenwind gibt."

SC Freiburg - Bayern München 2:1 (1:1)
0:1 Schweinsteiger (13.)
1:1 Mehmedi (33.)
2:1 Petersen (89.)
Freiburg: Bürki - Mujdza (85. Philipp), Krmas, Mitrovic, Günter - Höfler, Darida - Schmid, Klaus (73. Frantz) - Guede, Mehmedi (86. Petersen)
München: Neuer - Rafinha, Jerome Boateng, Benatia, Bernat - Rode (72. Thiago), Alonso (64. Thomas Müller), Schweinsteiger (72. Lahm) - Weiser, Lewandowski, Götze
Schiedsrichter: Tobias Welz
Zuschauer: 24.000 (ausverkauft)
Gelbe Karte: Guede (3) -



insgesamt 51 Beiträge
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Seite 1
makeup 17.05.2015
1. Der SC Freiburg ist der einzige Verein...
..der sich nicht über die Ergebnisse der anderen Vereine beschwert. Sehr angenehm und sportlich. Drücke die Daumen - weiter so.
Watchtower 17.05.2015
2. So spielt man...
die Bundesliga mit Würde zu Ende...Bravo fcb!!!!
trompetenmann 17.05.2015
3. Super SC!
Klasse! Wer hätte das gedacht? Gehofft, ja, aber... Direkter Klassenerhalt für den SC und Aufstie des KSC - Badener-Herz, was willsch du mehr?
lalito 17.05.2015
4. suuupi, wie erhofft
Lediglich die Zahl vor "ausverkauft", am Ende des Artikels, macht betroffen. Allerdings kommt ja das neue Stadion. Und mit mehr auf der Naht, würden die hier aufgebauten guten Spieler auch nicht mehr so schnell rausverkauft. Hab Herrn Streich als sehr besonnenen, ruhigen und intelligenten Menschen im Austausch mit dem grünen Landesvater hier in Freiburg vor kurzem live erlebt. Was da allerdings am Rande des Spielfeldes mit ihm abgeht . . . pass auf Dein Herz auf guter Mann - sonst lebste nimmer lang.
Watchtower 17.05.2015
5. Klar...
Zitat von makeup..der sich nicht über die Ergebnisse der anderen Vereine beschwert. Sehr angenehm und sportlich. Drücke die Daumen - weiter so.
weil die Bayern "mitgespielt" haben...
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