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22. März 2018, 06:13 Uhr

Debatte um die 50+1-Regel

Spiel mit verdeckten Karten

Von und

Der deutsche Profifußball diskutiert am Donnerstag über eine weitere Öffnung der Vereine für Investoren. Aber wer genau debattiert da? Nicht alle Parteien legen ihre Ziele offen. Zeit für ein paar Nachfragen.

An diesem Donnerstag wird bei der Mitgliederversammlung der Deutschen Fußball Liga (DFL) über ein Thema debattiert, das viele für einen grundlegenden Konflikt halten, in dem sich die Zukunft des deutschen Fußballs entscheidet. Es geht um eine mögliche Lockerung der sogenannten 50+1-Regel. Die sieht vor, dass Investoren nur in streng regulierten Ausnahmefällen Stimmmehrheiten an Klubs übernehmen dürfen - und damit die Kontrolle über das operative Geschäft erlangen.

Aber wie und wo wird dieser Kampf ausgetragen? In den Stadien ist die Formel "50+1" allgegenwärtig, auf Bannern und Transparenten der Fans. Die meisten Anhänger in den Kurven sind strikt gegen eine Änderung der bestehenden Regel. Was aber sagen die Menschen, die am Ende darüber entscheiden, wie es weitergeht? Klare Aussagen auf Seiten der Vereine sind nicht immer leicht auszumachen.

Der SPIEGEL hat daher bei allen 36 Klubs der Bundesligen nachgefragt: Wie halten sie es mit dem Erhalt der 50+1-Regel? Nur gut ein Drittel der Erst- und Zweitligisten spricht sich ohne Wenn und Aber für die Beibehaltung der Regel in der gegenwärtigen Form aus, wobei fast zwei Drittel angeben, die Grundidee zu begrüßen, aber Verbesserungsbedarf sehen. Es ist ein heterogenes Meinungsbild.

Da gibt es Menschen wie Andreas Rettig, Geschäftsführer des FC St. Pauli. Er hält die Regel für "das letzte Stoppschild einer immer weiter fortschreitenden Kommerzialisierung". Oder Axel Hellmann, Vorstandsmitglied von Eintracht Frankfurt. Er plädiert dafür, dass die Vereine die Steuerung der Klubs an Investoren abgeben dürfen. Unter bestimmten Bedingungen zwar: Vereinswappen, Farben, Stehplätze und Standort müssten bleiben, auch ein Weiterverkauf soll reguliert werden. Aber Spielerkäufe oder Trainerentlassungen könnten von den Geldgebern gesteuert werden.

Strategie der Hinterzimmerdiplomatie

In der Liga wird intensiv sondiert, welcher Klubvertreter welche Haltung vertritt. Das Bündnis "ProFans" vermutet, dass die DFL in Person ihres Geschäftsführers Christian Seifert die Position des Frankfurter Vorstands Hellmann unterstützt, der Investoren gegenüber offen ist. Mit einer Strategie der Hinterzimmerdiplomatie habe die Liga vor, "eine Meinungshoheit herzustellen, um erst wenn die Stimmung zugunsten einer Modifizierung gekippt ist, selbst aus der Deckung zu kommen". So zumindest sehen es die Fans.

Der Verband weist solche Behauptungen zurück. "Unterstellungen, wonach die DFL bereits im Vorfeld des Diskussionsprozesses heimlich an einer Neuregelung der 50+1-Regel arbeite, entbehren jeder Grundlage", erwidert ein Sprecher und sagt: "Damit soll offensichtlich Stimmung gemacht und die vom neunköpfigen DFL-Präsidium einstimmig beschlossene Grundsatzdebatte noch vor ihrem Beginn diskreditiert werden."

Welche Rolle aber spielt die DFL selbst in dieser Grundsatzdebatte? Es gelte, findet Geschäftsführer Seifert, die Diskussion "offen zu führen und sich dabei nicht mit Fragen aufzuhalten, ob jetzt ein Scheich oder ein Russe als Investor kommt". Auf dem Neujahrsempfang der DFL hatte Seifert gesagt: "Wir müssen endlich ehrlich darüber sprechen, ob es zwischen Radikalpositionen eben doch Wege geben kann, bei denen demokratische Teilhabe, soziales Miteinander in Klubs und Mitbestimmung gesichert sind und dennoch Investorenrechte eingeräumt werden können."

"Leider keine echte Diskussion"

Wolfgang Holzhäuser ist gespannt, wie diese Gespräche aussehen könnten. Der ehemalige Geschäftsführer von Bayer Leverkusen, der zu den Gründungsvätern des Ligaverbandes zählt, plädiert für eine Öffnung für Investoren. Doch den Weg dahin betrachtet auch Holzhäuser mit Skepsis. Seit Jahren "findet vor den Abstimmungen im Ligaverband mit den Klubs selbst leider keine echte Diskussion mehr statt", sagt er.

Klubvertreter, die bei Sitzungen in Frankfurt dabei waren, berichten von Seifert-Reden, die zwar durchaus Alternativen aufzeigen, die Gesellschafter aber in eine bestimmte Richtung lenkten. Namentlich genannt werden wollen die Ohrenzeugen allerdings nicht, den offenen Konflikt mit Seifert möchte niemand.

Der jüngste Ärger um die Montagspiele, die von vielen Klubvertretern kritisiert werden, zeigt, nach welchen Mechanismen die Versammlung der 36 Mitglieder ihre Entscheidungen fällt - aber auch, dass hinterher niemand für die Entscheidung verantwortlich sein will.

Ligaverband als Sündenbock?

Wurde den Vereinen der TV-Vertrag, in dem der neue Spieltermin enthalten war, ohne echte Alternativen von der Liga untergejubelt? Oder distanzieren sich die Klubs im Nachhinein von einer Entscheidung, die sie selbst mitgetragen haben, und machen jetzt den Ligaverband zum Sündenbock? Frankfurts Präsident Peter Fischer hat dem WDR zwar gesagt: "Wir alle waren dafür, weil es um Geld geht. Und auch dieser Montagspieltag hat uns als Verein Geld gebracht." Fischer will aber jetzt nach Fanprotesten die Montagspiele wieder abschaffen. Auch, weil sie nicht so lukrativ zu sein scheinen wie zunächst erhofft: "Das ist eine überschaubare Summe."

Könnte der Entscheidungsprozess rund um die 50+1-Regel ähnlich ablaufen? Sicher ist, dass Vorstände, Präsidenten und Sportdirektoren, die über die Zukunft des Fußballs entscheiden, ihre Entscheidungen anhand von Einzelinteressen ihrer Vereine fällen. Sie haben Verträge, die noch zwei, drei Jahre laufen oder wollen wiedergewählt werden, haben den Klassenerhalt im Sinn, den Bau eines neuen Gebäudes fürs Nachwuchsleistungszentrum, die teure Vertragsverlängerung mit dem Publikumsliebling.

Aber die Interessen eines einzelnen Vereins sind nicht die gleichen Interessen wie die der Liga als ganze. Für den FC Bayern zum Beispiel ist es wünschenswert, finanziell deutlich besser gestellt zu sein als die Konkurrenz. Für das Gesamtbild der Bundesliga ist das aber nicht unbedingt positiv, sorgt es doch für fehlende Spannung.

Wer sieht das große Ganze?

Der Blick aufs große Ganze, auf die Zukunft des professionellen Ligafußballs in Deutschland, müsste von der DFL kommen, von Seifert und seinen Leuten. Aber anhand welcher Kriterien wird diese Vision entwickelt? Das wesentliche Kriterium, an dem der Erfolg der DFL und ihrer Geschäftsführung gemessen wird, ist bisher: mehr Umsatz, mehr Geld, mehr Aufmerksamkeit, national wie international. Was aber ist mit dem Erhalt demokratischer Strukturen, Mitsprache der Mitglieder in den Klubs? Vielleicht liegt hier ein Konstruktionsfehler der Liga vor: Am besten ist, was das meiste Geld bringt, einen anderen Auftrag scheinen die Ligafunktionäre nicht bekommen zu haben.

Aber wer, wenn nicht Seifert und die DFL hätten denn überhaupt die Aufgabe, weiter zu denken, den Bundesligafußball als Gesellschaftsphänomen in eine erfolgreiche Zukunft zu führen? Klubs wie Borussia Mönchengladbach, Borussia Dortmund oder der FC St. Pauli stellen genau diese Fragen: Fördert ein Wegfall von 50+1 tatsächlich den Wettbewerb, wie die Befürworter der Abschaffung behaupten? Oder klafft die Schere innerhalb der Liga danach noch weiter auseinander? Eine klare Einschätzung vermeidet die DFL derzeit - zumindest will der Frankfurter Verband sie nicht öffentlich erläutern.

Welche Argumente sich schließlich durchsetzen werden, ist noch offen. Klar scheint aber, dass sich die DFL von einer liebgewonnenen Tradition wird verabschieden müssen. In DFB und DFL haben Präsidiumsentscheidungen einem ungeschriebenen Gesetz zufolge einstimmig zu erfolgen - bei der DFL fallen beispielsweise alle wichtigen Präsidiumsentscheidungen mit 7:0 Stimmen. Das dürfte bei einer Abstimmung über 50+1 angesichts der Interessengegensätze kaum gelingen. Ein Grund mehr, die Argumente für und wider offen auf den Tisch zu legen.

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