Datenanalyse Das sind die besten Freistoßschützen der Bundesliga

Ein Freistoß ist ein Freistoß ist ein Freistoß? Sicher nicht: Der BVB schoss seine Versuche überallhin, nur nicht ins Tor - doch dann kam Paco Alcácer. Die Bayern hatten oft Pech, Berlin einen Spezialisten.
Paco Alcácer erzielte in der vergangen Saison mit einem direkten Freistoß das 1:0 für Dortmund im Ligaspiel gegen Wolfsburg

Paco Alcácer erzielte in der vergangen Saison mit einem direkten Freistoß das 1:0 für Dortmund im Ligaspiel gegen Wolfsburg

Foto: LEON KUEGELER/ REUTERS

Über Jahre hinweg gehörte Borussia Dortmund bei direkten Freistößen zu den harmlosesten Teams der Bundesliga. Die bescheidene Bilanz zu Beginn der Saison 2017/18: 63 Schüsse, aber nur zwei Tore. Als am dritten und vierten Spieltag auch noch Nuri Sahin und Gonzalo Castro ihr Ziel verfehlten, änderte der BVB seine Strategie: Direkte Freistöße wurden vorübergehend aus dem Repertoire gestrichen. Auch aus eigentlich gefährlichen Lagen wurde im weiteren Saisonverlauf lieber auf Anspiele oder Flanken gesetzt.

Dass die Erfolgsquote bei direkten Freistößen stark schwankt, ist nicht ungewöhnlich, wie eine Analyse sämtlicher Schussversuche der vergangenen vier Bundesligaspielzeiten zeigt (Details zur Datenquelle und Auswertung können Sie dem Methodikkasten weiter unten entnehmen). Bayern München beispielsweise blieb 2015/16 und 2018/19 ohne direktes Freistoßtor und traf auch 2017/18 lediglich einmal. In der Saison 2016/17 hingegen gelangen den Bayern gleich fünf direkte Freistoßtore.

Wie eng es bei Freistößen zugeht, musste der SV Darmstadt 98 leidvoll erfahren. Bei rekordverdächtigen sechs ihrer 45 Versuche trafen die Lilien Pfosten oder Latte. Die schwärzeste Serie der letzten Jahre weist aber Eintracht Frankfurt auf. Nach knapp vier Jahren und über 40 Fehlversuchen am Stück war es Filip Kostic, der im Spiel gegen Hoffenheim Anfang März der Negativserie ein Ende setzte.

Eine noch geringere Trefferquote als Frankfurt haben in der jüngeren Bundesligageschichte nur Nürnberg und Stuttgart. Die Nürnberger blieben in der vergangenen Saison ohne Treffer bei direkten Freistößen, Stuttgarts Bilanz aus den zurückliegenden drei Erstliga-Spielzeiten steht bei einem Tor in 64 Versuchen. Am oberen Ende des Rankings finden sich hingegen Hertha BSC, der Hamburger SV und Ingolstadt.

Die besten Schützen der Liga

Für die guten Trefferquoten dieser Klubs sind einige wenige Freistoßspezialisten verantwortlich: Marvin Plattenhardt (fünf Treffer) und Ondrej Duda (zwei) bei Hertha BSC, Michael Gregoritsch (drei) und Aaron Hunt (zwei) beim Hamburger SV sowie Markus Suttner (vier) bei Ingolstadt.

Die Statistik aller Spieler, die in den vergangenen vier Spielzeiten entweder mindestens zehn direkte Freistöße geschossen oder mindestens zwei Tore erzielt haben, sehen Sie in der folgenden Tabelle:

Die besten Schützen der Liga sind je nach Zählweise folglich entweder Marvin Plattenhardt (fünf Tore) oder Levin Öztunali und Paco Alcácer (Trefferquote von 50 Prozent bei einer geringeren Anzahl an Schüssen). Alcácer hat seine Trefferquote aus der vergangenen Saison jüngst mit Freistoßtoren im Vorbereitungsspiel gegen den FC Zürich und in der ersten Pokalrunde gegen den KFC Uerdingen bestätigt. Seine Ankunft in Dortmund beendete jene Phase, in der der BVB lieber darauf verzichtet hatte, Freistöße direkt aufs Tor zu schießen.

Auch Spezialisten unterliegen Formschwankungen

Betrachtet man die zeitliche Verteilung, in der Spezialisten ihre Tore erzielen, zeigen sich bei vielen Spielern auffällige Häufungen: Markus Suttner, Michael Gregoritsch, David Alaba und auch Jonathan Schmid haben jeweils alle Freistoßtore in einer einzigen Saison erzielt.

Tatsächlich lässt sich der positive Effekt eines Freistoßtors auf die folgenden Schussversuche auch messen. Die Quote der verwandelten Freistöße eines Schützen ist um über 70 Prozent höher, wenn er in den 90 Tagen zuvor mindestens ein Freistoßtor erzielt hat. Diese positive Erfahrung wirkt nach - es kann sich für Mannschaften also durchaus lohnen, einem kürzlich erfolgreichen Schützen auch die nächsten Schussversuche zu überlassen.

Umgekehrt gilt: Auch gute Schützen können mal eine Phase haben, in der plötzlich kein Freistoß mehr sitzt. Ein besonders deutliches Beispiel ist der ehemalige Bremer Zlatko Junuzovic. Er ist, obwohl er bereits vor einem Jahr die Liga verlassen hat, im Untersuchungszeitraum der Bundesligaspieler mit den meisten Fehlversuchen ohne einen Treffer. Schaute man nur auf die vergangenen vier Spielzeiten, wäre somit Junuzovic der schlechteste Freistoßschütze der Bundesliga gewesen.

Man muss jedoch nur eine weitere Saison zurückblicken, um ein ganz anderes Bild zu bekommen: Zwischen November 2014 und Mai 2015 erzielte Junuzovic beeindruckende fünf direkte Freistoßtore für Werder Bremen. In dieser Phase war er damit mindestens einer der besten Freistoßschützen der Liga.

Fernschütze, Schnibbler, Schlenzer oder Zwirbler?

Ein Freistoß ist ein Freistoß ist ein Freistoß? Sicher nicht. Jeder Schütze hat ganz individuelle Vorlieben was Position, Schusstechnik, Effet und Geschwindigkeit angeht. Während Naldo seine Freistoßtore meist mit brachialen geradlinigen Schüssen aus größerer Entfernung erzielt hat, war Markus Suttner eher aus kurzer Distanz und mit viel Effet erfolgreich. Das sind die Schussprofile ausgewählter Freistoßspezialisten:

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Datenanalyse: Die Schussprofile der Freistoßspezialisten

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Mittig und nah = Gefahr

Und dennoch gibt es sie, die optimale Freistoßposition. Es gilt: Mittig und nah, das sorgt für Gefahr. Direkte Freistöße, die zentral vor dem Tor entstanden sind und aus einer Entfernung von 16,50 bis 20,60 Metern getreten wurden, haben eine Trefferquote von fast 18 Prozent - und damit die höchste. Auch aus Entfernungen von knapp 25 Metern liegt die Trefferquote noch immer bei über zehn Prozent, wenn der Freistoß aus zentraler Position ausgeführt wurde.

Aus größeren Entfernungen fällt die Trefferquote dann recht schnell ab. Das gilt auch dann, wenn der Freistoß aus einer dezentralen Position geschossen wird. Umso wichtiger sind dann Schusstechnik und Präzision: Freistöße auf das kurze Eck haben eine höhere Trefferquote als jene auf das lange Eck. Wie zu erwarten war, ist es dabei auch von Vorteil, wenn mit dem rechten Fuß von der linken Seite geschossen wird und umgekehrt, der Ball also zum Tor hingezogen wird.

Datenquelle und Methodik

Fazit: nicht alles ist berechenbar

Wer die besten Freistoßschützen der Liga sind, hängt stark davon ab, welchen Zeitraum man betrachtet. Plattenhardt trifft seit Jahren konstant, Alcácer hat seit seiner Ankunft beim BVB eine beeindruckende Quote - und änderte damit die Freistoßstrategie seines Klubs.

Die Auswertung der Daten zeigt aber auch, wie viel Zufall noch in Freistößen steckt - und das in Zeiten des modernen, durchorganisierten und -geplanten Fußballs. Kleinigkeiten wie ein paar Zentimeter können hier den Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg ausmachen. Und selbst die besten und zuverlässigsten Schützen haben Phasen, in denen sie sich zu Recht bei jedem Freistoß den Ball schnappen und Phasen, in denen sie dies besser nicht tun sollten.

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