Dortmund holt drei Punkte in Augsburg Das große Uff

Zwei Gegentore in den letzten zehn Spielminuten: Dortmund hat einen Fehlstart in die neue Bundesliga-Saison gerade noch abgewendet. Der hoffnungsvolle Neuzugang des Teams blieb auf der Bank.

AFP

Von Christoph Leischwitz, Augsburg


Sebastian Kehl sah kurz nach dem Spiel aus wie der Besucher einer Imbissbude.

"Borusse!" stand auf seinem gelben T-Shirt, in der Hand hatte er einen Teller mit bunten Nudeln in roter Sauce. Gelassen schaufelte er sich die Kohlenhydrate in den Mund, er kaute konzentriert und dachte kurz nach, dann sagte der Mittelfeldspieler: "Hätten wir heute noch verloren, ich will gar nicht wissen, was dann los gewesen wäre." Doch nun war alles gut.

Dortmund hatte 3:2 beim FC Augsburg gewonnen, dabei über weite Strecken auch gut gespielt, und so einen Fehlstart in die neue Bundesligasaison verhindert. Auch wenn die letzten zehn Spielminuten mit zwei Gegentoren intern sicher noch für Diskussionen sorgen werden.

Zwei Halbsätze waren am Freitagabend in den Katakomben des Augsburger Stadions besonders oft zu hören: "Noch nicht bei 100 Prozent", lautete der eine, der andere: "Einen wichtigen Schritt nach vorne gemacht." Selten war ein Bundesligastart so sehr geprägt von verletzten und angeschlagenen Spielern wie diesmal, und das liegt nicht nur an der WM.

Reus gab "die 100 Prozent, die möglich waren"

So gab bei den Dortmundern zum Beispiel auch Neven Subotic sein Bundesliga-Comeback nach einem Kreuzbandriss. Dank der vielen Verletzungen sind Rechtfertigungen bereits automatisiert. "Nicht bei hundert Prozent" bedeutet: Es dürfen auch am zweiten Spieltag noch Fehler gemacht werden. Doch mit dem "Schritt nach vorne" wird zugleich betont, dass man mit der Entwicklung trotzdem zufrieden ist.

Marco Reus, der lange verletzte Nicht-WM-Fahrer, benutzte beide Halbsätze sogar mehrmals, sowohl bezüglich der Mannschaftsleistung als für das eigene Auftreten. "Das waren die 100 Prozent, die möglich waren", sagte Jürgen Klopp über Reus, der in Augsburg ein gutes Spiel machte, ehe nach einer guten Stunde die Kräfte schwanden.

Auch die Augsburger machten von diesen Halbsätzen reichlich Gebrauch, auch sie konnten nach der Niederlage in Hoffenheim diesem Spiel etwas Gutes abgewinnen. "53 Prozent Ballbesitz, 53 Prozent Zweikämpfe, 82 Prozent (angekommene, d. Red.) Pässe - das ist okay", analysierte Augsburgs Trainer Markus Weinzierl, der dann auch noch den Kampfgeist seiner Mannschaft lobte, die aus einem 0:3 zumindest ein 2:3 gemacht hatte. "Das ist in Ordnung, so kann jeder was mitnehmen", fand sein Kollege Klopp.

Nach diesem Spiel waren alle zufriedener als nach dem Saisonauftakt, an dem beide Teams mit verdienten Niederlagen gestartet waren.

"Auba hat unglaubliche Dinge gemacht"

Einer dürfte allerdings gar nicht zufrieden gewesen sein. Ciro Immobile hatte beim 0:2 zum Auftakt gegen Leverkusen keine gute Leistung gezeigt, dafür saß der italienische Stürmer, eigentlich als Ersatz für Robert Lewandowski geholt, diesmal 90 Minuten komplett auf der Bank.

Klopp begründete das nur indirekt, indem er den Stürmer Pierre-Emerick Aubameyang ausdrücklich lobte: "Auba hat heute unglaubliche Dinge gemacht, er hat eigentlich drei Positionen gespielt." Dann brachte der Trainer in der 73. Minute auch noch den Ex-Herthaner Adrian Ramos ins Spiel, und dieser erzielte nach fünf Minuten prompt sein erstes Bundesligator für Dortmund. Ramos hatte es leicht gehabt gegen erschöpfte Augsburger. Doch die Vorarbeit hatten die üblichen Dortmunder Verdächtigen geleistet.

Während nämlich Augsburgs Weinzierl die Verletztenmisere nutzte, um neuen Spielern eine Chance zu geben - Nikola Djurdjic, Abdul Rahman Baba und Shawn Parker spielten von Anfang an - vertraute Klopp, teilweise überraschend, komplett den Stammkräften der vorigen Saison. Obwohl mehrere eben "noch nicht bei 100 Prozent" waren.

Niemand vermisste Immobile

Sie waren gut genug: Das eingespielte Offensivtrio Reus, Aubameyang und Mchitarjan war der Augsburger Abwehr technisch und läuferisch klar überlegen. Obwohl die Chancenauswertung zu wünschen übrig ließ: Richtig vermisst hatte Ciro Immobile am Freitagabend niemand.

Der Spieltag ist noch jung, doch für Dortmund geht es schon jetzt in die Länderspielpause. Sebastian Kehl ist froh, "mit einem Sieg in diese Phase" gehen zu können. Doch er sieht darin auch Probleme: "Ich glaube, es sind bloß vier oder fünf Spieler da, wir können die Zeit gar nicht richtig nutzen."

Sollte Shinji Kagawa an diesem Wochenende doch noch als Rückkehrer von Manchester United präsentiert werden, dann dürfte ihn ein ähnliches Schicksal ereilen wie Ciro Immobile: Er müsste sich in einer eingespielten Mannschaft erst einmal seinen Platz erkämpfen. Erschwerend käme hinzu, dass die Mannschaft gar nicht da ist.

FC Augsburg - Borussia Dortmund 2:3 (0:2)
0:1 Reus (11.)
0:2 Sokratis (14.)
0:3 Ramos (78.)
1:3 Bobadilla (82.)
2:3 Matavz (89.)
Augsburg: Hitz - Verhaegh, Callsen-Bracker, Klavan, Baba - Feulner (69. Matavz), Baier - Parker (61. Bobadilla), Halil Altintop, Tobias Werner - Djurdjic (82. Kohr). - Trainer: Weinzierl
Dortmund: Weidenfeller - Piszczek, Subotic, Sokratis, Durm - Kehl - Mchitarjan, Jojic (64. Sven Bender), Reus (87. Hofmann), Großkreutz (73. Ramos) - Aubameyang. - Trainer: Klopp
Schiedsrichter: Knut Kircher (Rottenburg)
Zuschauer: 30.660 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Tobias Werner (2), Verhaegh - Jojic (2), Subotic, Sven Bender
Ballbesitz in Prozent: 53 / 47
Laufleistung in Kilometern: 118,95 / 125,28
Schüsse: 12 / 22
Torschüsse: 3 / 9
Gewonnene Zweikämpfe in Prozent: 53 / 47

Noch viel mehr Statistiken finden Sie in unserer Fußball-App!

insgesamt 25 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ruzoe 30.08.2014
1. Gottseidank,
jetzt scheint's wieder los zu gehen: Das Kontrastprogramm zur öden Kärrnerei und oft rüden Bolzerei der übrigen Liga...die spielerische Eleganz in Schwarz-Gelb tummelt sich wieder auf sattem Grün!
velo20 30.08.2014
2. Mal wieder typisch
Gebt doch dem Spieler erstmal eine Chance bevor wieder so ein Satz fällt "Richtig vermisst hatte Ciro Immobile am Freitagabend niemand". Nur weil sein erstes Spiel nicht gleich Top war und er keine 5 Tore geschossen hat, muss er ja nicht schlecht sein. Und so ein Satz hat keiner Verdient, der sein altes Team und sein Land verlässt um sich neuen Herausforderungen bei Dortmund zu stellen. Einfach mal ihn in Ruhe lassen und seinen Job machen lassen. Dann funktioniert das auch.
rotampel 30.08.2014
3. Puh
Das Ergebnis sieht auf dem Papier natürlich knapper aus, als der eigentliche Spielverlauf sich dargestellt hat. Prima erste HZ vom BVB, die letzten 10 Minuten vergessen wir lieber mal ;) Bis Freiburg nochmal durchschnaufen und dann da weitermachen, wo gestern nach 45 Minuten aufgehört wurde!
kraijjj 30.08.2014
4. öhm
"Ramos hat es leicht gehabt gegen erschöpfte Augsburger" Genau.. und weil diese so erschöpft waren, haben sie nach seiner Einwechslung noch einmal aufgedreht und 2 Tore geschossen. Für mich ist eigentlich auch Ramos der "hoffnungsvolle Neuzugang". Was nicht heißen soll Immobile wäre schlecht aber vom Spielertyp ist Ramos viel eher Lewandowski-Ersatz als der Italiener.
benjorito 30.08.2014
5.
Alles im grünen Bereich...die Mannschaft spielt in Konstellationen, in denen sie so noch nie gespielt hat, das muss sich finden. Zudem fehlt mit Hummels ein großer Stabilisator der Abwehr. Noch zwei bis drei Spieltage, dann sieht das anders aus, die Anlagen sind jedenfalls vorhanden, wie man auch bei den zahlreichen Chancen gesehen hat. Die Verwertung dieser ist jedoch seit Jahren ein Manko, das abgestellt werden muss.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.