Drei Thesen zur Bayern-Niederlage in Berlin Der Umbruch kommt zu spät

Arjen Robben tauchte ab, Jérôme Boateng kam gleich doppelt zu spät, Renato Sanches sucht noch seine Rolle: Gegen geschickt gestaffelte Berliner waren viele Bayern-Profis nicht in Bestform. Zu viele.

Franck Ribéry
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Franck Ribéry


1) Der große Umbruch beim FC Bayern kommt bereits zu spät

Seit Wochen behaupten wir: Wie stark der FC Bayern der Saison 2018/2019 wirklich ist, werde sich erst im Februar oder März zeigen, dann nämlich, wenn die K.-o.-Duelle der Champions League anstehen. Zuletzt war das eine der drei Thesen nach dem Sieg auf Schalke. Die 0:2-Niederlage der Münchner in Berlin weist dagegen in eine andere Richtung. Ist dieser Kader stark genug, um die Bundesliga zu dominieren? Vielleicht, über 34 Spieltage sogar sehr wahrscheinlich. Ist er auch stark genug, um endlich den großen Erfolg in der Champions League zu landen? Nein, eher nicht.

Sicher, die Verletzungen von Corentin Tolisso und Kingsley Coman haben Trainer Niko Kovac einiger Optionen beraubt, auch Leon Goretzka fehlte in Berlin. Wenn aber wie am Freitag einige Leistungsträger unter ihren Möglichkeiten bleiben, wird es bereits in der Bundesliga eng. Das ist neu. Franck Ribéry spielte solide - und damit noch deutlich besser und effektiver als sein Gegenpart Arjen Robben auf der anderen Seite (siehe These 2). Der junge Renato Sanches hat im Mittelfeld seine Rolle trotz starker Ansätze in den vergangenen Spielen noch nicht gefunden.

Jérôme Boateng (r.) nach seinem schlechten Tackling gegen Salomon Kalou
CLEMENS BILAN/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Jérôme Boateng (r.) nach seinem schlechten Tackling gegen Salomon Kalou

Dass Jérôme Boateng sowohl den Elfmeter verursachte - und zwar durch eine abenteuerlich überflüssige Grätsche mit miserablem Timing -, beim zweiten Gegentor Lazaros Tempo nicht ansatzweise aufnehmen konnte - es sind Alarmsignale für den FC Bayern. So wertvoll Boatengs Pässe im Aufbau noch immer sind, ganz langsam verabschiedet auch er sich aus dem Weltklasse-Segment. Die Bayern-Verantwortlichen dürften ohnehin schon dabei sein, den großen Umbruch im Sommer 2019 zu planen. Die 90 Minuten von Berlin werden sie in dieser Absicht bestärkt haben.

2) Arjen Robben war anwesend, mehr aber auch nicht

Nach nur 52 Minuten nahm Kovac seinen Rechtsaußen Robben vom Feld, brachte Thomas Müller für ihn ins Spiel. Wie schwer sich Robben in Berlin getan hat, zeigt dieser Wert: Er brachte keinen einzigen Ball zu Robert Lewandowski. Im Vergleich: Von der Ribéry-Seite landeten immerhin fünf Pässe beim Mittelstürmer. (Der Fairness halber: Ribéry hatte dafür auch 40 Minuten mehr Zeit.)

Trotzdem: Wer sich erinnert, wie sich Robben in den vergangenen Jahren regelmäßig auch in diese schwierigen Spiele hineingebissen hat, und jetzt gesehen hat, wie geräuschlos er im Dreieck zwischen Arne Maier, Maximilian Mittelstädt und Karim Rekik verschwand, der darf sich Sorgen machen. Um es klar zu sagen: Es lag nicht nur an Robben - genauso wenig nur an Boateng -, dass die Bayern bei Hertha BSC verloren haben. "Wir müssen jetzt nicht anfangen, alles schlecht zu machen", sagte auch Kovac: "Das passiert." Recht hat er. Die Indizien mehren sich allerdings, dass das in dieser Spielzeit häufiger passieren könnte.

3) Die 24 Schüsse aufs Hertha-Tor sind nur die halbe Wahrheit

6:24 Torschüsse - und trotzdem behauptete Hertha-Trainer Pál Dárdai nach dem Abpfiff: "Wir haben heute verdient gewonnen." Kann das zusammenpassen?

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Ja, kann es. Der Blick auf die Saisonstatistik zeigt: 16,3 Schüsse geben die Gegner von Hertha BSC im Schnitt pro Spiel ab, das ist der zweithöchste Wert in der Bundesliga (hinter dem VfB Stuttgart mit 16,6). Aber durch ihre extrem gute Staffelung schaffen es die Berliner immer wieder, ihre Gegner in ungefährliche Zonen zu lenken. München brachte am Freitagabend eben auch nur vier seiner 24 Torschüsse auf das Tor von Hertha BSC.



insgesamt 32 Beiträge
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uli_san 29.09.2018
1. Neben Boatengs Nachlassen...
...in der Abwehr fällt mir seit mehreren Monaten bereits eine unerklärliche Defensivschwäche von Alaba auf. Er ist nicht mehr der unbestrittene Weltklasse-Außenverteidiger, der er mal war. Das hängt vielleicht mit seinen Verletzungen zusammen, aber ich erkenne z.Zt. keine Verbesserung. Offensiv ist er weiterhin äußerst wertvoll.
rainer60 29.09.2018
2. voreilig
ich bin absolut kein fan des fcb, allerdings die mannschaft schon jetzt abschreiben ist voreilig. auch ich denke das die meisterschaft in diesem jahr kein selbstläufer wird. den evtl. sieg in der cl kann man sich sowieso abschminken. am besten wir warten mal den rest der saison ab und geben unsere " fachmännliche/frauliche urteile" danach ab.
fat_bob_ger 29.09.2018
3. Das Spitzenpersonal Bayerns überaltert langsam.
Deshalb wird es mehr Formschwankungen, besonders in/nach Englischen Wochen geben. Ältere Spieler brauchen mehr Zeit zum Regenerieren. Wenn sie topfit sind und keine Wehwehchen haben, dann können sie durchaus noch absolute Weltklasseleistungen abrufen, aber ihre Verletzungsanfälligkeit wird langsam ansteigen. Jüngere Spieler müssen ins Spiel integriert werden. So lange die einen noch stark genug sind und die anderen noch nicht gut genug, wird es für den Trainer schwer sein, eine konstant hochklassige Stammelf zu finden. Auch Real Madrid und Barcelona haben dieses Jahr bereits verloren. Das Phänomen ist also nicht auf Deutschland beschränkt. Englische und italienische Klubs warten ungeduldig auf ihre Chance in der Champions League.
juri009 29.09.2018
4. Gute Nachrichten
... sind das. Auch wenn es verfrüht ist den FCB inteenational abzuschreiben tut es der BL gut, wenn die Meisterschaft kein Selbstläufer ist. Die älteren werden sich vllt erinnern als es nicht nur spannend war, wer absteigt.
ge1234 29.09.2018
5. Gemach, Gemach....
Letztes Jahr um die gleiche Zeit lag der FCB 3 Punkte hinter dem Tabellenersten auf dem dritten Platz, das Ende ist bekannt! In der CL könnte es dieses Jahr allerdings tatsächlich eng werden, da hat man diesen Sommer versäumt, die Spieler(-typen) an Land zuziehen (Martial, Pavard, Lewandowski-Backup etc.), die man nächstes Jahr sowieso verpflichten muß. Gleichzeitig war es m.E. auch sehr fahrlässig, Bernat gehen zu lassen.
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