Erkenntnisse des 18. Bundesliga-Spieltags Die Rudelbildung

Der VfL Wolfsburg ist die Überraschung der Saison: Trainer Oliver Glasner hat ein Team gebaut, das als Einheit auftritt. Selbst die Champions League scheint in diesem Jahr für die Wölfe möglich.
Wolfsburg hat Grund zum Jubeln

Wolfsburg hat Grund zum Jubeln

Foto: HORSTMUELLER GmbH / imago images/Horstmüller

Die Bundesliga-Rückrunde ist da, leise wie nie, versteckt im dichten Corona-Spielplan am Ende einer englischen Woche. Um dennoch auf sich aufmerksam zu machen, hat dieser 18. Spieltag mit den Trends der Hinrunde gebrochen und den Rückrundenauftakt dann doch noch zu etwas Besonderem gemacht.

So gab es am Wochenende kein einziges Remis – und das in einer Saison mit bislang so vielen Unentschieden wie seit zehn Jahren nicht: 47-mal teilten sich die Teams in der Hinrunde die Punkte, sooft gab es das zuletzt in der Saison 2009/2010. Ausweis einer Ausgeglichenheit, aber auch der Konstanz zahlreicher Teams.

Bis zum Wochenende gab es sieben Mannschaften mit erst drei oder weniger Niederlagen, in der Vorsaison waren es lediglich drei: Leipzig, Dortmund und, ja, Schalke 04. Diesmal: Bayern, Leipzig, Leverkusen, Union, Frankfurt, Gladbach, Wolfsburg. Von denen allerdings patzten drei am Wochenende, sodass jetzt nur noch drei Mannschaften übrig sind mit lediglich zwei Niederlagen: Bayern. Frankfurt – und der extrem stabile VfL Wolfsburg.

Nur Bayern und Dortmund haben den VfL besiegt

Die Niedersachsen sind mit dem 1:0-Erfolg bei Bayer Leverkusen auf Platz vier der Tabelle vorgesprungen, das hätten ihnen vor der Saison wohl nur die wenigsten zugetraut. Das Team von Oliver Glasner zu schlagen, ist in dieser Spielzeit ungemein schwierig, es ist bisher nur den Bayern und Borussia Dortmund gelungen. Die Mannschaft hat mit 19 Gegentoren die drittbeste Defensive hinter Leipzig (17) und Leverkusen (18). Im Zusammenhang mit den Wolfsburgern taucht häufig das Wort »eklig« auf, und das darf man als Kompliment betrachten.

Wolfsburgs Trainer Oliver Glasner

Wolfsburgs Trainer Oliver Glasner

Foto: HORSTMUELLER GmbH / imago images/Horstmüller

Kompakt stand das Team schon in der Vorsaison, Glasner hat die Mannschaft in diesem Jahr aber auch spielerisch weiterentwickelt. Wobei ihm die intelligente Transferpolitik von Manager Jörg Schmadtke im vergangenen Sommer geholfen hat. Vier Zugänge hat Glasner ins Team integriert, alle vier haben sich als wertvolle Bestandteile im VfL-Team herausgestellt.

Da ist der erst 19 Jahre alte, sehr talentierte Stürmer Bartosz Białek, der seine Jokerqualitäten verfeinert hat. Ridle Baku wurde im Herbst zum Nationalspieler, sein Tor in Leverkusen sicherte die drei Punkte am Wochenende. Angreifer Maximilian Philipp verarbeitet seinen Bundesligafrust aus der Zeit beim BVB. Der Wichtigste aus dem Quartett ist aber wohl der Franzose Maxence Lacroix, eine der unentdeckten Entdeckungen dieser Spielzeit.

Lacroix zur festen Größe geworden

Auch Lacroix, der vom FC Sochaux nach Wolfsburg wechselte, ist erst 20, aber in der Innenverteidigung an der Seite von John Anthony Brooks spielt er wie ein Alter. Eine beeindruckende Ruhe am Ball, Übersicht im Spielaufbau, dazu ein sauberes Zweikampfverhalten, Lacroix wurde sofort fester Bestandteil in Glasners Plänen.

Als er im Sommer nach Deutschland kam, hatte Sportdirektor Marcel Schäfer noch mitgeteilt: »Mit Maxence gehen wir unseren Weg konsequent weiter, talentierte, junge und hungrige Spieler nach Wolfsburg zu holen, die sich bei uns auf hohem Niveau weiterentwickeln und ihren nächsten Karriereschritt machen können.« Das klingt nach behutsamer Entwicklung, diesen Schritt hat Lacroix einfach mal übersprungen.

Der VfL Wolfsburg ist eine Mannschaft ohne wirkliche Stars, das war bei dem Konzernklub mit seinem VW-Geld im Rücken, der immer in der Versuchung steht, sich den Erfolg kaufen zu wollen, auch mal anders. Noch immer investiert der VfL mehr Geld als die meisten anderen Bundesligisten, aber er tut das inzwischen cleverer als noch vor einigen Jahren. Torjäger Wout Weghorst hat zwar mittlerweile seine Berufungen für die Nationalmannschaft von Oranje erhalten, in seiner Heimat läuft er aber immer noch leicht unterm Radar. Torwart Koen Casteels hat Lehr- und Wanderjahre gebraucht, um in der Bundesliga doch noch eine unumstrittene Nummer eins zu werden. Mittelfeldspieler Maximilian Arnold war in der Vergangenheit mal im erweiterten Blick von Bundestrainer Joachim Löw, das ist auch Jahre her.

Glasner ist es gelungen, aus diesen Spielern eine Einheit zu bauen, mit einem festen Gerüst, neun Spieler aus dem Kader haben schon 15 oder mehr Einsätze in dieser Saison, die Stammpositionen sind weitgehend vergeben. Über Murren von der Ersatzbank ist bisher wenig zu hören.

Vielleicht passt das so gut zusammen, weil Glasner selbst so einer ist, ein Unterschätzter. Keiner, der in der Bundesliga für Aufreger bekannt ist. Glasner hat sich seine Trainer-Meriten beim Linzer ASK erworben, einem Verein, der nicht täglich im Fokus der Öffentlichkeit steht. Als Wolfsburg ihn 2019 holte, war das für viele eine überraschende Personalie. Oliver wer?

Anderthalb Jahre später hat sich das nicht großartig verändert. Zwischendurch, im Herbst, gab es mal kurzzeitig Schlagzeilen, weil der Trainer ein bisschen Ärger mit Schmadtke hatte, aber mit Schmadtke Ärger zu bekommen, ist nicht so schwer, der Manager ist als sperrig oder, positiv formuliert, als meinungsstark bekannt. Danach war wieder Ruhe.

Glasner arbeitet einfach, und er arbeitet gut.

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