Erkenntnisse des 4. Spieltags Die Liga der Kopfball-Ungeheuer

In der Bundesliga werden immer mehr Tore mit der Stirn erzielt. Woran liegt das? Und warum zieht der Heimvorteil kaum noch? Das sind die Erkenntnisse des 4. Bundesligaspieltags.
Von Tobias Escher
Bayer-Angreifer Alario (Mitte): Per Kopfball zum Erfolg

Bayer-Angreifer Alario (Mitte): Per Kopfball zum Erfolg

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Torsten Silz / dpa

Der 4. Bundesligaspieltag kam fast gänzlich ohne Aufreger und Außenseiter-Erfolge aus. Und doch geschah etwas Erstaunliches: Der Heimvorteil war verschwunden.

Erste Erkenntnis: Der Heimvorteil ist (immer noch) weg

Seit 57 Jahren existiert die deutsche Bundesliga, 1938 Spieltage wurden ausgetragen. An gerade einmal acht (!) dieser Spieltage konnte kein einziger Bundesligist im eigenen Stadion gewinnen - so wie auch an diesem Wochenende. Fünfmal gewann das Auswärtsteam, viermal gingen Partien unentschieden aus.

Seit dem Beginn der Coronakrise ist der Anteil der Heimsiege in der Bundesliga um rund 15 Prozent zurückgegangen . In kaum einer Liga der Welt sank die Zahl der Heimsiege seit Beginn der Coronakrise derart stark wie in der deutschen.

Die Gründe dafür mögen vielfältig sein, zum Beispiel werden Schiedsrichter offenbar weniger beeinflusst, wenn die Fans fehlen. Sieben der neun Partien am Wochenende fanden ohne Zuschauer oder vor weniger als 500 Fans statt. Nur in Sinsheim und Berlin waren mehrere Tausend Zuschauer zu Gast. Und aufgrund der steigenden Corona-Zahlen werden in den kommenden Wochen wieder vermehrt Spiele vor leerer Kulisse ausgetragen.

Wie wichtig eine (einigermaßen) lautstarke Kulisse sein kann, hatte sich am zweiten Spieltag gezeigt. Augsburgs Spieler sagten nach ihrem 1:0-Heimsiegs gegen den BVB, wie sehr das Publikum sie nach vorne gepeitscht hatte. Ähnlich erging es den Hoffenheimern bei ihrem 4:1-Erfolg über Triple-Sieger Bayern München.

Ohne Publikum droht der Bundesliga ein ähnliches Szenario wie im Frühjahr: Damals gewannen die Favoriten aus München und Dortmund fast all ihre Geisterspiele. Außenseiter scheinen sich schwerer zu tun, wenn sie bei ihrer 90-minütigen Ballhatz keine Unterstützung durch das Publikum erhalten, das zeigte auch Bielefelds 1:4 gegen die Bayern am Samstag. Ein Heimvorteil ist derzeit in der Liga kaum mehr erkennbar.

Zweite Erkenntnis: Das neue Geheimrezept der Bundesliga? Flanke, Kopfball, Tor!

Mit Köpfchen zum Erfolg: So lautet der neueste Trend bei den Bundesligateams. Lucas Alario erzielte auf diese Weise den einzigen Treffer seiner Leverkusener gegen Mainz. Den VfB Stuttgart half in Berlin ein Kopfballtor von Verteidiger Marc-Oliver Kempf. Beide Treffer beim 1:1 zwischen Union Berlin und Schalke fielen nach Kopfbällen. Für Leipzig köpfte sogar der 1,70 Meter große Angeliño ein Tor.

Der Anteil an Kopfballtoren liegt in dieser jungen Saison bislang deutlich höher als in der vergangenen Spielzeit: Wurden damals rund 17 Prozent der Tore per Kopf erzielt, sind es nun 27 Prozent.

Woran liegt das?

Immer mehr Teams entdecken Standards für sich. Der SC Freiburg hat drei seiner fünf Saisontore nach ruhenden Bällen erzielt, Union Berlin traf ebenfalls dreimal auf diese Weise. Diese Teams waren bereits in der vergangenen Saison für ihre Ecken und Freistöße bekannt. Doch auch Leverkusen, RB Leipzig und die in der vergangenen Saison so Standard-schwachen Bremer haben intensiv daran gearbeitet.

Die verkürzte Sommerpause und die dichte Taktung des Spielplans dürften ebenfalls einen Effekt auf diese Statistik haben. Nur wenige Teams haben die Sommerpause genutzt, um detaillierte Pläne zu erarbeiten, wie sie im Ballbesitz einen Gegner ausspielen möchten. Teams wie Bremen oder Leverkusen setzen verstärkt auf hohe Hereingaben.

Damit einher geht eine Rückkehr des Zielspielers: Werder setzt auf Niclas Füllkrug, Leverkusen auf Alario oder Patrik Schick, der 1. FC Köln auf Zugang Sebastian Andersson und der VfL Wolfsburg auf Wout Weghorst. Der kopfballstarke Stürmer ist in der Bundesliga wieder angesagt.

Dass man auch ohne Köpfchen Tore schießen kann, beweist indes der Triple-Sieger. Der FC Bayern hat bislang die meisten Tore erzielt (17) - und traf bisher noch kein einziges Mal per Kopf.

Dritte Erkenntnis: Daten und Bundesligaübertragungen: Gut gemeint, schlecht gemacht

Allzu schwer dürfte Marco Reus der Siegtreffer gegen Hoffenheim nicht gefallen sein. Nach exzellenter Vorarbeit von Erling Haaland musste er den Ball nur noch ins leere Tor schieben. Umso verwunderlicher war die Grafik, die bei Sky eingeblendet wurde: "Torwahrscheinlichkeit Reus 26 %" .

Die Bundesliga versucht in dieser Saison, mithilfe von Daten und Visualisierungen dem Zuschauer das Geschehen auf dem Rasen näherzubringen. So wird etwa nach Toren eingeblendet, wie wahrscheinlich es war, dass der Stürmer ins Tor trifft. Der sogenannte "Expected Goals"-Wert misst diese Wahrscheinlichkeit anhand von historischen Daten.

Es gibt diverse Datenmodelle, die meisten legen offen, wie sie funktionieren. Bei der in diesem Fall verwendeten Grafik ist das anders: Welche Werte genau in die Berechnung einfließen, wird dem Zuschauer nicht transparent erklärt. Im Fall von Reus' Treffer ist der Wert jedenfalls nicht nachvollziehbar. Wer glaubt ernsthaft, dass Deutschlands zweimaliger Fußballer des Jahres in 74 von 100 Versuchen am leeren Tor vorbeischießt?

Auch mit den Formationsgrafiken, welche die Bundesligaregie nach 15 Minuten Spielzeit einblendet, gibt es Probleme. Sie sollen dem Zuschauer helfen, die taktische Formation der Teams zu entschlüsseln - allerdings verdecken sie den Bildschirm zu einem großen Teil.

Daten und Visualisierungen würden der Berichterstattung eigentlich guttun. Die Bundesligateams nutzen sie längst, um die Leistungen auf dem Feld zu quantifizieren. So können Trainer und Scouts ihr Bauchgefühl objektiv überprüfen. Doch in der plumpen Form, wie diese Visualisierungen in den Fernsehübertragungen verwendet werden, helfen sie nicht weiter.

Es mag gut gemeint sein, moderne Daten in die Berichterstattung einfließen zu lassen. Gut gemacht ist es aber nicht.

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