Fans vs. Führung beim VfL Wolfsburg Entfremdet von der Basis

Vor dem Schicksalsfinale am Samstag ist die Stimmung in Wolfsburg auf dem Tiefpunkt. Einige Anhänger sehen einen Abstieg sogar als Chance, den Klub zurückzuerobern.
Von Eike Hagen Hoppmann
Fans des VfL Wolfsburg

Fans des VfL Wolfsburg

Foto: ROBERT MICHAEL/ AFP

Vor einem Jahr war alles anders. Zwar spielte der VfL Wolfsburg ebenfalls eine miserable Saison, der erste Abstieg aus der Fußball-Bundesliga seit dem Aufstieg 1997 drohte, doch die Stimmung war positiv. Die Fans gaben ein eigenes Motto für den Abstiegskampf aus: "Arbeit, Fußball, Leidenschaft". Der Mannschaftsbus wurde vor Spielen vor dem Stadion empfangen, es gab einen Fanmarsch durch die Stadt und Choreografien vor den entscheidenden Duellen.

In dieser Saison ist von diesem Schulterschluss nicht mehr viel übrig. Der Frust im Wolfsburger Fanlager ist nach der zweiten katastrophalen Saison in Folge so groß wie schon lange nicht mehr. Beim Heimspiel gegen Bayern München im Februar versuchten die Anhänger, mit einem 19 Minuten und 45 Sekunden andauernden Stimmungsboykott (1945 ist das Gründungsjahr des Vereins) ein Zeichen zu setzen.

Doch es half nichts: Wolfsburg steht erneut vor dem Abstieg. Wenn der VfL am Samstag (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) das Heimspiel gegen Köln verliert und der HSV gleichzeitig gegen Mönchengladbach gewinnt, steigt Wolfsburg ab. Andernfalls gibt es wahrscheinlich zwei Relegationsspiele gegen Holstein Kiel, nur mit Glück könnte man noch Freiburg überholen. In der Relegation wäre der VfL angesichts der Verfassung der letzten Wochen sogar Außenseiter.

Aus der Vergangenheit nichts gelernt

Die positive Stimmung aus dem Vorjahr ist in Frust umgeschlagen. Nach den jüngsten Niederlagen gab es von der Tribüne vor allem Gepöbel. Die Unzufriedenheit der Fans hat eine ganze Reihe von Anlässen.

Maximilian Arnold stellt sich VfL-Fans

Maximilian Arnold stellt sich VfL-Fans

Foto: Julian Stratenschulte/ dpa

Das sportliche Chaos aus der vergangenen Saison ist noch schlimmer geworden. In Wolfsburg gingen Gehälter und Leistung schon öfter mal auseinander, so groß wie in dieser Saison war das Missverhältnis allerdings noch nie. Der Verein hat das Fan-Motto "Arbeit, Fußball, Leidenschaft" zwar als Slogan übernommen, die Mannschaft scheint ihn jedoch nicht verinnerlicht zu haben.

Hinzu kommt eine eigenartige Erwartungshaltung der Mannschaft an die Fans. "Es ist ja hier in Wolfsburg bekannt, dass das Publikum ein bisschen anspruchsvoll ist", sagte Daniel Didavi. Bei zwei Siegen aus 16 Heimspielen hatten die Zuschauer in dieser Saison jedoch wenig Anlass zum Jubeln. "Es ist auch sehr wichtig, dass wir am kommenden Samstag Unterstützung bekommen", sagt Trainer Bruno Labbadia vor dem Spiel gegen Köln. Die Heimbilanz unter Labbadia lautet: vier Spiele, ein Punkt.

Noch schlimmer als die Heimschwäche ist das andauernde Führungschaos beim VfL. Jüngster Beleg war die Entlassung von Sportchef Olaf Rebbe einen Tag vor dem wichtigen Spiel gegen den Hamburger SV. Vorausgegangen war eine wochenlange öffentliche Degradierung Rebbes gepaart mit einem nicht gerade dezenten Werben um Hannovers Sportchef Horst Heldt.

Niedersachsen statt China

Die Gründe für den Ärger der Fans liegen jedoch weit tiefer und werden von der sportlichen Misere lediglich verstärkt: Die Führungsetage versucht lieber, neue Fans zu gewinnen, als die Beziehung zu den bestehenden zu pflegen. Der Klub entfremdet sich immer mehr von der Basis.

Alles begann, als 2002 in einer gefühlten Nacht- und Nebelaktion das Logo des Klubs ausgetauscht wurde. Protestaktionen und Initiativen der Fanszene haben nichts bewirkt. Stattdessen wurden in den vergangenen Jahren globale Marketingkampagnen initiiert, ein Büro in China eröffnet und eine LED-Lichtshow vor Bundesligaspielen eingeführt. Viel Spektakel, aber: der Fußball wurde immer schlechter.

Angesichts dieser Entwicklung gibt es Fans, die einem Abstieg auch etwas Positives abgewinnen. Denn der Gang in die Zweitklassigkeit könnte zu einem Neuaufbau führen.

Mit einer stärkeren Rückbesinnung auf die Wurzeln des Vereins als Arbeiterklub in einer Arbeiterstadt, der in einer Baracke gegründet wurde und zum Beispiel Weiß zu einer der Vereinsfarben machte, weil die ersten Hosen aus gespendeten Bettlaken genäht wurden, könnte der VfL von seinem Image als Werksklub von Volkswagen wegkommen. Mit dem eigenen Nachwuchs, der seit Jahren zu den besten in Deutschland gehört, bislang aber überwiegend Spieler für andere Klubs ausbildet, wäre das Fundament für eine solche Neuausrichtung vorhanden.

Zum letzten Saisonspiel hat die Fanszene dazu aufgerufen, im Trikot ins Stadion zu kommen. Der Verein soll im Vordergrund stehen. Wer nur ein aktuelles Modell mit dem neuen Logo besitzt, kann sich für fünf Euro das alte Zinnenwappen über das neue Logo nähen lassen.

Der Weg zurück zu den Wurzeln hat bereits begonnen.

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